Kinder aus der Region Tschernobyl erholen sich in Nordkirchen

NORDKIRCHEN Aljona beherrscht zwar nur ein paar Brocken Deutsch, mit ihrem neuen Freund kann sie sich dennoch prima unterhalten. „Sitz“, fordert die Neunjährige ihren Spielkameraden auf, „Tappsi“ hört aufs Wort und Aljonas Augen leuchten. Der achtjährige Hütehund gehört genauso zur Familie Ratte wie „Gast-Papa“ Ewald-Edmund und „Gast-Mama“ Ursula. Das Nordkirchener Ehepaar hat Besuch aus Weißrussland.

von Von Daniel Maiß

, 09.07.2008, 16:25 Uhr / Lesedauer: 2 min
Aljona (l.), Mascha (r.) und Begleiterin Natalja Maximenko (2.v.l.) wurden von ihren Gasteltern Ewald-Edmund und Urusla Ratte herzlich aufgenommen. Auch "Tappsi" ist vom Familien-Zuwachs begeistert.

Aljona (l.), Mascha (r.) und Begleiterin Natalja Maximenko (2.v.l.) wurden von ihren Gasteltern Ewald-Edmund und Urusla Ratte herzlich aufgenommen. Auch "Tappsi" ist vom Familien-Zuwachs begeistert.

Aljona und Mascha (11) wohnen vier Wochen lang in Nordkirchen, begleitet werden sie von Natalja Maximenko. Das Trio wohnt normalerweise in Retschiza. Die Stadt an der weißrussisch-ukrainischen Grenze war mit als erste von der radioaktiven Wolke betroffen, die 1986 von Tschernobyl aus über weite Teile Europas zog.

Kinder lernen Deutsch

Seit 1995 sind Kinder aus Retschiza Gäste der „Humanitären Tschernobyl-Kinderhilfe Lünen/Werne e.V., in diesem Jahr wurden 23 Kinder und Jugendliche zwischen sieben und 16 Jahren von Familien in Werne, Lünen, Selm und Nordkirchen aufgenommen. Mascha wohnt bereits zum fünften Mal bei Ewald-Edmund und Ursula Ratte. Mittlerweile versteht die Elfjährige viel Deutsch. „Wenn sie mit mir allein ist, bleibt ihr auch gar nichts anders übrig, als Deutsch zu reden. Ich kann kein Russisch“, so Ursula Ratte. Gastvater Ewald-Edmund dagegen schon, er unterhält sich mit den beiden Mädchen auch gerne mal in ihrer Heimatsprache.

Begeistert von Fort Fun

Erlebt haben Mascha und Aljona schon einiges, seit sie in Nordkirchen sind. Im Dortmunder Zoo waren sie bereits, bei der Lüner Polizei ebenfalls, in dieser Woche steht noch der Besuch der Groß-Bäckerei Kanne an. Dennoch brauchen Aljona und Mascha nicht lange zu überlegen, was ihr Favorit war. „Fort-Fun“ kommt es wie aus der Pistole geschossen. Beim Gedanken an den Freizeitpark leuchten Aljonas Augen.

Katastrophe gerät in Vergessenheit

„Die Kinder sollen sich hier erholen, ihre Gesundheit verbessern. Der Zwischenfall in Tschernobyl ist zwar schon über 20 Jahre her, dennoch sind viele Bereiche auch heute noch verseucht“, erklärt Ewald-Edmund Ratte. Dass seitdem bereits viel Zeit verstrichen ist, sieht der Gastvater auch als Problem: „Der Mensch neigt leider zum Vergessen, Spenden zu bekommen, ist mittlerweile sehr schwierig geworden. Auch Gasteltern zu finden ist gar nicht so leicht.“ Aljona und Mascha sieht man an, dass sie froh sind, bei den Rattes wohnen zu dürfen. Zumal ihre Begleitung Natalja, Aljonas Mama, auch gleich mit dabei ist. Die 30-Jährige unterrichtet in Retschiza Weißrussisch und Deutsch.

Rückreise dauert zwei Tage

Am College hat sie gerade mit ihren Studenten den Bereich Sport durchgenommen. Während der Fußball-Europameisterschaft sammelte sie deshalb alle Artikel zur EM. Und drückte Russland die Daumen. Am Sonntag geht es zurück, eine zweitägige Busfahrt liegt vor der weißrussischen Gruppe. Vorher gibt es mit Sicherheit noch einmal Aljonas und Maschas Lieblingsgerichte. „Mit Fleisch gefüllter Blätterteig“, schwärmt die elfjährige Mascha. Auch Aljona muss nicht lange überlegen. „Hamburger, aber natürlich die selbst gemachten von Ursula“. Und das Leuchten in ihren Augen kehrt zurück.

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