„Horrorniedrig“: Ein Kälbchen kostet nicht mal mehr fünf Euro

dzKälberpreise

Den Winter-Pulli im günstigen Modeladen gibt es für 9,99 Euro. Ein lebendiges Kälbchen für weit weniger. Manchmal nicht mal mehr für ein paar Euro. Gibt es einen Ausweg aus diesem System?

Nordkirchen, Selm, Olfen

, 15.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kälber billiger als Kanarienvögel“, titelte neulich Spiegel Online. Und in der Tat: „In der Tierhandlung zahlen Sie weit mehr für ein Tier als für mehre Kälbchen“, sagt Friedrich Ostendorff. Ostendorff sitzt für den Wahlkreises Coesfeld-Steinfurt II, zu dem auch Olfen und Nordkirchen gehören, im Bundestag und ist agrarpolitischer Sprecher der Grünen.

Die Zahl hat selbst Ostendorff überrascht

Ein großes Medienecho erhielt Ostendorff auf seine Anfrage an die Bundesregierung: „Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten sechs Monaten die Preise für Holstein-Kälber entwickelt?“, wollte er wissen. Pro Stück, ohne Mehrwertsteuer und aufgeschlüsselt nach männlichen und weiblichen Tieren.

Vom Bundeslandwirtschaftsministerium erhielt Ostendorff schließlich eine Antwort, die selbst ihn erstaunte: 8,49 Euro war der durchschnittliche Preis, den es für weibliche, schwarze Holstein-Kälber im Monat Oktober gab. „Das hat mich auch überrascht“, sagt Ostendorff im Gespräch mit unserer Redaktion. Als Praktiker - auch er kommt aus der Landwirtschaft, seine Frau hat einen Hof in Bergkamen - habe auch er die Preise im Blick, aber „ich war schon von etwas mehr ausgegangen.“

Ostendorff fragte speziell nach der Rasse Holstein, weil es eine reine Milchrasse ist. Die Kühe dieser Rasse geben viel Milch, setzen aber wenig Fleisch an, deswegen ist ihr Preis besonders niedrig. Es gibt auch noch die Unterteilung dieser Rasse in schwarzbunt und rotbunt - also die schwarzen und die braunen Tiere dieser Rasse. Die schwarzen gelten als noch leistungsfähiger in der Milchproduktion, ihr Verkaufspreis im Fleischhandel ist noch geringer. „Wenn diese Tiere nicht für die Milchproduktion eingesetzt werden, sind sie quasi wertlos“, sagt Ostendorff.

Kälber wechseln für null Euro den Besitzer

Es geht aber noch niedriger als 8,49 Euro im Schnitt. Laut Preisauflistung der Landwirtschaftlichen Fachzeitschrift Wochenblatt lagen die Preise für Kälber in NRW in der Woche vom 28.10. bis zum 3.11. für weibliche Holstein-Kälber in schwarz bei nur noch 5 Euro Durchschnittspreis, bei ihren Artgenossinnen in braun waren es 11 Euro.

„Wenn einer für sein Kalb 10 Euro bekommt, verdienen wir daran auch nicht viel“, sagt Hubertus Segbert. Segbert ist bei der Lüdinghauser Genossenschaft VVG (Viehvermarktungsgesellschaft Lüdinghausen-Selm und Umgebung) für den Ein- und Verkauf von Nutzvieh zuständig. Aktuell sagt er, kaufe er Kälber zwischen null bis 30 Euro, abhängig von der Qualität. Tatsächlich, null Euro? „Ja“, bestätigt Segbert.

„Horrorniedrig“: Ein Kälbchen kostet nicht mal mehr fünf Euro

Ein niedliches Kälbchen wie dieses kostet - wenn es weiblich ist - weit weniger als ein Pullover im günstigen Modegeschäft. © picture alliance / Swen Pförtner

Es gibt Berichte über Landwirte, die ihre Kälber schon gar nicht mehr loswerden. Viehhändler lehnen ab, sie überhaupt abzuholen. Das macht die VVG nicht, sagt Segbert. Weil das Unternehmen eine Genossenschaft ist, kommt sie trotzdem, auch, wenn die Transportkosten den Wert des Kalbes übersteigen. Ein Gefallen, sozusagen. Die Preisentwicklung macht auch Hubertus Segbert traurig. „Es ist ein Trauerspiel, dass es für ein Lebewesen nur so wenig gibt“, sagt er.

Schon die Besamung kann mehr kosten als das Kalb

Herbert Lütke Holz hat in der vergangenen Woche Kälber für 50 und 60 Euro verkauft. Der Landwirt verkauft allerdings vorwiegend männliche Tiere, da er die weiblichen als Milchkühe einsetzt. 50, 60 Euro, „das ist natürlich auch horror-niedrig“, sagt der Nordkirchener Ortslandwirt. Vor allen Dingen, wenn man bedenke, dass eine Besamung schon 40 Euro koste. Selbst bei einem Preis von 50 Euro bleibt dann nur ein Zehner hängen. Die Arbeit und sonstige finanzielle Aufwände, um das Kalb zu versorgen, bevor es verkauft wird, noch nicht mitgerechnet.

Die Gründe dafür macht der Landwirt vor allen Dingen an einer Krankheit fest: der Blauzungenkrankheit. Wegen ihr herrscht in manchen Regionen Deutschlands, vor allen Dingen im Süden Deutschlands, eine Transportsperre. Eventuelle Kaufinteressenten für die Kälberaufzucht können deshalb nicht kaufen. Hinzu komme, dass der Absatz an Rindfleisch gesunken sei.

So sieht es auch das Landwirtschaftministerium. Das Angebot übersteige die Nachfrage, auch die Restriktionen durch die Blauzungenkrankheit tragen ihren Teil bei, heißt es in der Antwort an Ostendorff. „Die Preise für schwarzbunte Nutzkälber liegen bereits seit Jahresbeginn unter dem Niveau der beiden Vorjahre und sind im zweiten Halbjahr stark eingebrochen“, heißt es dort weiter.

Das Prinzip „immer mehr“ ist am Ende

„Wenn wir bereit wären, mehr für Lebensmittel auszugeben, hätten wir dieses Problem nicht“, findet Hubertus Segbert. Früher hätten die Leute große Kühlboxen gehabt, um zum Beispiel Fleischreserven vom Metzger zu lagern. „Wir Verbraucher fahren stattdessen mit dem SUV zum Supermarkt, um einen Joghurt zu holen“, sagt er. „Muss denn die Kuh wirklich 11.000 Liter Milch pro Jahr geben? Und die Schweine immer schneller wachsen?“, fragt sich der Viehhändler.

Auch der Bundestagsabgeordnete Ostendorff fragt sich das. Seine Frau setze auf dem Hof in Bergkamen Fleckvieh-Rinder ein. Eine Rasse, hauptsächlich zur Fleischnutzung gedacht, sie gibt aber auch Milch - wenn auch nicht in rauen Mengen. „Es ist eine Mischkalkulation“, sagt Ostendorff und es rechne sich für den Hof seiner Frau auch ganz gut.

„Horrorniedrig“: Ein Kälbchen kostet nicht mal mehr fünf Euro

Die Rasse Fleckvieh wird eher in der Mast eingesetzt. Sie gibt aber auch Milch - wenn auch bei weitem nicht so viel wie Holstein-Kühe. Dafür sind die Preise für solche Kälber aber höher. Ein weibliches Kälbchen kostet hier aktuell 37 Euro. © picture alliance / Wolfgang Kumm

Verbraucher muss entscheiden, was er will

„In der Landwirtschaft gibt es eine Zeitenwende“, ist Ostendorff überzeugt. Das Prinzip „immer mehr“ sei am Ende. Aber „man braucht auch Verbraucher, die bereit sind, mehr zu zahlen.“ Ostendorff ist daher für eine stärkere Kennzeichnung von Lebensmitteln.

Der Verbraucher solle sehen, unter welchen Bedingungen das Fleisch hergestellt wurde, sagt Ostendorff. „Wenn man sieht, das ist Fleisch aus nicht-ethischer Herkunft, dann möchte ich sehen, wer da noch zugreift“, sagt Ostendorff. Das sei vergleichbar mit der Kennzeichnung von Eiern. Seit der Kunde sehe, ob die Eier aus Käfig-, Boden-, Freiland-, oder Biohaltung kommen, sei „die Käfighaltung quasi tot.“

„Wir müssen uns darauf verständigen, was wir eigentlich wollen“, sagt der Grünen-Politiker Ostendorff.

Hühnerhaltung In Deutschland sind Legebatterien, also die klassische Käfighaltung von Hennen, seit 2010 verboten. „Waren 2007 noch rund 68 Prozent der Legehennen in Deutschland in konventionellen Käfigen und ausgestalteten Käfigen (Kleingruppenhaltung) untergebracht, leben nach dem Verbot der konventionellen Käfige nur noch rund 12 Prozent in Kleingruppen“, schreibt das Bundeslandwirtschaftministerium.
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