Junge im Schrank: Polizei hatte schon Monate vorher konkrete Hinweise auf Marvin (15)

Kinderpornografie

Zwei Jahre lang befand sich Marvin (15) in der Wohnung eines Pädophilen in Recklinghausen. Die Polizei hatte schon im Juli konkrete Hinweise darauf. Jetzt gibt es Vorermittlungen gegen Beamte.

Recklinghausen

16.01.2020, 14:28 Uhr / Lesedauer: 2 min
Junge im Schrank: Polizei hatte schon Monate vorher konkrete Hinweise auf Marvin (15)

Bei der Durchsuchung einer Wohnung wegen Kinderpornografie-Verdachts hat die Polizei einen seit längerem vermissten 15-Jährigen entdeckt. © dpa

Nach der mutmaßlichen Ermittlungspanne im Fall eines über zwei Jahre verschwundenen Jugendlichen (15) im Ruhrgebiet hat die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen gegen Beamte der Duisburger Polizei eingeleitet.

Hintergrund ist ein Hinweis nach der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY . ungelöst“ auf den Aufenthaltsort des Jungen - der aber „ohne weitere Ermittlungen zu den Akten genommen“ wurde, wie es in einem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden vertraulichen Bericht an den Innenausschuss des Landtags heißt.

Marvin war im Juni 2017 im Alter von 13 Jahren aus einer Wohngruppe in Oer-Erkenschwick verschwunden. Nach ihm wurde bundesweit gefahndet. Im Dezember war der Junge dann in einem Schrank in der Wohnung eines Mannes (44) in Recklinghausen gefunden worden, gegen den damals wegen Kindesmissbrauchs ermittelt wurde.

Laut dem Bericht des Innenministers hatte am 24. Juli 2019 eine „Aktenzeichen XY“-Zuschauerin einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des Jugendlichen gegeben: Er werde von einem Mann in Recklinghausen festgehalten, „der ein Pädophiler sei“.

Hinweisgeber nannte Namen und konkrete Adresse

Da sie das nur aus zweiter Hand wusste, rief die Polizei bei dem Mann an, der ursprünglich der Frau davon erzählt hatte. Der Mann nannte auch den Namen des tatsächlich bereits wegen des Besitzes von Kinderpornografie vorbestraften Recklinghäusers.

Doch das Ergebnis des Telefonats kam laut Bericht ohne weitere Ermittlungen zu den Akten. In der Vorlage heißt es weiter: „Insbesondere erfolgte keine Überprüfung der Personen und keine Speicherung von Daten im polizeilichen Vorgangsbearbeitungssystem.“

Dadurch wurde auch niemand hellhörig, als gegen den damals genannten Mann am 30. Oktober 2019 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Kindesmissbrauchs eingeleitet wurde. Erst fast zwei Monate später kam es zu der Wohnungsdurchsuchung, bei der zufällig der Junge entdeckt wurde.

Fest steht allerdings, dass der Junge bereits bei dem Mann war, als der wegen des Besitzes von Kinderpornografie im März 2018 zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

„Im Ergebnis lag der für den Vermisstenfall zuständigen Polizeidienststelle in Duisburg spätestens seit dem 27.07.2019 ein konkreter Hinweis auf den - wie sich am 20.12.2019 herausstelle - zutreffenden Aufenthaltsort des Vermissten vor“, wird der Düsseldorfer Generalstaatsanwalt in dem Bericht zitiert. „Eine ordnungsgemäße Verifizierung und fachkundige Bearbeitung des Hinweises hätte möglicherweise zu einem frühzeitigeren Auffinden des Vermissten führen können.“

Gegen den Mann wird wegen Vergewaltigung und Jugendpronografie ermittelt

Gegen den Verdächtigen, bei dem der Junge mehr als zwei Jahre lebte, wird laut dem Bericht inzwischen auch wegen Vergewaltigung und des Herstellens jugendpornografischer Schriften ermittelt. Videos, die in seiner Wohnung gefunden wurden, belasten den Mann demnach.

Der Jugendliche ist unterdessen weiter in einer jugendpsychiatrischen Klinik. Es sei unklar, wann er wieder zurück zu seiner Mutter könne, sagte ein Behördensprecher in Recklinghausen: „Die Entscheidung, was mit dem Jungen passiert, wird eine ärztliche sein und keine polizeiliche.“

dpa/kar

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