Jung, sportlich, Corona-Patient: Florian muss nun wieder laufen lernen

Coronavirus

Jung, gesund, sportlich – was soll schon passieren? Mit Florian Janssen ist ziemlich alles passiert, was Covid-19 einem Menschen antun kann. Nun lernt der 34-Jährige mühselig wieder laufen.

von Thorsten Fuchs

, 18.07.2020, 08:08 Uhr / Lesedauer: 5 min
Der 34-jährige Florian Janssen hat eine Coronavirus-Infektion hinter sich und muss nun wieder laufen lernen. (Symbolbild)

Der 34-jährige Florian Janssen hat eine Coronavirus-Infektion hinter sich und muss nun wieder laufen lernen. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Ein diffuses Gefühl von Schwäche, leichtes Kopfweh, so fängt es an, an einem Freitagabend im Mai. Corona? Unwahrscheinlich, denkt Florian Janssen da. Schließlich hatte er Treffen mit Freunden in den Wochen zuvor abgesagt, und an seinem Arbeitsplatz, einem Lebensmitteldiscounter, hatte er eine Maske getragen, wie die allermeisten Kunden. „Aber ich dachte auch: Wenn ich es bekomme, dann habe ich es wenigstens hinter mir“, sagt Janssen.

Was sollte das Virus ihm denn auch anhaben, einem sportlichen 34-Jährigen, der nicht mal raucht?

Jetzt, sechs Wochen später, lernt Florian Janssen langsam wieder laufen. 250 Meter hat er zuletzt geschafft, im Sechs-Minuten-Test. 250 Meter, das ist schon ziemlich viel für jemanden, der vier Wochen zuvor noch auf der Intensivstation lag und nicht mal allein atmen konnte. Und die 250 Meter hat er sogar ohne Rollator geschafft.

Es ist nur auch ziemlich wenig für jemanden, der vollkommen gesund war, drei- bis viermal in der Woche laufen ging und sich gerade auf einen Halbmarathon vorbereitete.

„Mir war das Ausmaß dieser Krankheit nicht bewusst“, sagt Florian Janssen. „Dass es mich so aus dem Leben haut, das hätte ich nicht gedacht.“

Der 34-jährige Münsteraner ist ein Beispiel für gleich zwei Entwicklungen, die Ärzte in diesen Tagen beobachten: dass der Anteil jüngerer Erwachsener an den schweren Covid-19-Verläufen höher ist als anfangs vermutet – und dass viele oft noch Wochen nach einer Infektion an Beschwerden leiden.

Covid-19, so viel ist inzwischen sicher, ist jedenfalls weit mehr als eine Lungenkrankheit. „Wir haben unheimlich dazulernen müssen, dass da viel, viel mehr dranhängt“, sagt der Internist und Pneumologe Ralf-Dieter Schipmann. „Wir sehen, dass das fast eine Systemerkrankung ist, die das Nervensystem und das kardiovaskuläre System mit betrifft – und dass schwerwiegende Folgen auch bei Patienten auftreten, die vorher gesund waren.“

Schipmann ist Chefarzt der Klinik Martinusquelle in Bad Lippspringe, Ostwestfalen, einer der größten deutschen Lungenrehakliniken. COPD, Asthma, schwere Lungenentzündungen, mit und nach solchen Erkrankungen kommen Patienten sonst hierher. Seit Mai nun, mit leichter Verzögerung, sind auch Schipmann und seine Kollegen mit Covid-19 beschäftigt. Als die Infiziertenzahlen in Deutschland langsam sanken, kamen jene Patienten, die wochenlang auf der Intensivstation lagen und vieles mühsam wieder neu erlernen müssen, hier an. Auch Florian Janssen gehört zu Schipmanns Patienten.

„Die Welle ist jetzt bei uns“, sagt der 61-Jährige, der mehr als 20 Jahre im Rettungsdienst und in Akutkrankenhäusern gearbeitet hat. Was er jetzt sieht, „übertrifft alle meine Befürchtungen. Es ist schlimmer, als wir noch im März gehofft hatten.“

Angesteckt im Supermarkt?

Florian Janssen hat sich wohl durch Kunden im Supermarkt angesteckt – jedenfalls ist das seine Vermutung, da auch ein Arbeitskollege zeitgleich erkrankte. Ein erster Test, drei Tage nach den ersten Symptomen, fällt bei ihm noch negativ aus. Der 34-Jährige fühlt sich allerdings weiter schwach, pendelt nur noch zwischen Bett und Sofa, hat nun auch leichtes Fieber. Als er sich nach acht Tagen noch schlechter fühlt, ruft er den Rettungsdienst, der ihn dann ins Universitätsklinikum Münster bringt. Dort beginnt am 30. Mai der Kampf um sein Leben.

Erinnern kann sich Florian Janssen an das, was folgte, nicht mehr: „Mit dem Moment, als ich ins Krankenhaus kam, setzt mein Gedächtnis aus.“ Als wolle es ihn nachträglich schützen vor dem Gefühl, allmählich keine Luft mehr zu bekommen.

Die Unterlagen des Krankenhauses jedenfalls berichten davon, wie Florian Janssens Zustand immer kritischer wird – und die Ärzte alles versuchen, um ihn zu retten.

Bereits am Tag nach der Einlieferung wird er ins künstliche Koma gelegt und über einen Tubus in seiner Luftröhre beatmet. Die Liste der Medikamente, die er nun erhält, liest sich wie eine Sammlung all der Mittel, die in den vergangenen Wochen Schlagzeilen produzierten, weil sie Hoffnungen weckten im Kampf gegen Covid-19.

Zunächst, noch am Tag des Beginns des künstlichen Komas, Hydroxychloroquin, das Malariamittel, das der US-Präsident angeblich vorsorglich nimmt, das sich aber in Studien bislang nicht als Heilsbringer erwiesen hat.

Dann Remdesivir, eigentlich gegen Ebola entwickelt, von dem die USA mehrere Monatsproduktionen aufkauften und das in Europa das einzig zugelassene Anti-Covid-19-Mittel ist. Schließlich, erstmals am 4. Juni, ein Kortisonpräparat, das jene überschießende Immunreaktion dämpfen soll, die bei schweren Verläufen meist ein größeres Pro­blem ist als das Virus selbst. Und noch am selben Tag bekommt Florian Janssen dann erstmals Blutplasma, das Genesene gespendet haben – die Antikörper darin sollen das Virus auch in seinem Körper bekämpfen.

Sein Zustand ist nun äußerst kritisch. „Ich habe keine Prozentzahl von den Ärzten bekommen“, sagt Janssen. „Aber wenn das Krankenhaus meine Familie anruft und sagt, sie sollte vorsichtshalber noch mal vorbeikommen, dann ist das wohl deutlich.“

Am 5. Juni wird er an die künstliche Lunge angeschlossen. Sein Blut wird nun aus seinem Körper herausgeleitet, mit Sauerstoff angereichert und dann wieder zurückgeführt.

Seine Brüder und die Eltern hängen eine Collage mit Familienbildern am Fußende seines Bettes auf. Er soll sie sehen, wenn er aufwacht. Besuchen darf ihn immer nur einer allein. Für eine Stunde am Tag.

Mit diesem dramatischen Verlauf ist Florian Janssen noch immer ein untypischer Patient. Als britische Forscher vor Kurzem anhand der Daten von 17 Millionen Menschen die wichtigsten Risikofaktoren ermittelten, stießen sie auf höheres Alter, Armut, Vorerkrankungen wie Diabetes, Asthma und Bluthochdruck, starkes Übergewicht. Janssen weist von allen Faktoren nur einen einzigen auf: Er ist ein Mann.

Jüngere sterben auch nach wie vor deutlich seltener an Covid-19. Unter den gut 9000 Corona-Toten in Deutschland waren 23 in Janssens Alter, zwischen 30 und 39 – 17 Männer und sechs Frauen.

Schwere Corona-Verläufe bei jungen Menschen häufen sich

Auf der anderen Seite ist zuletzt in den USA der Anteil jüngerer Corona-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, deutlich gestiegen. Jugend allein schützt vor schweren Verläufen nicht, so das Fazit von Forschern im „Journal of Adolescent Health“.

Und auch die Erfahrungen von Chefarzt Schipmann in seiner Klinik in Bad Lippspringe sind eindeutig: Auch er hatte bereits überproportional viele unter 40-Jährige unter seinen Patienten – auch junge Frauen von Anfang 20, die nun ebenfalls mit dem Rollator wieder laufen lernen. Dem Vorurteil, Jüngere hätten von Sars-CoV-2 nichts zu befürchten, widerspricht er fast wütend: „Wir sehen hier das Gegenteil. Wir sehen die Wahrheit. Und das heißt: Wir sehen erstaunlich viele Jüngere.“

Warum Florian Janssen so schwer an Covid-19 erkrankt ist, können die Ärzte nicht sagen. Genauso wenig können sie eindeutig erklären, was ihn gerettet hat. Noch einmal erhält er im Koma das Plasma von Genesenen. Außerdem bekommt er weiter Remdesivir. Und vielleicht ist es auch seine gute Konstitution, die ihn überleben lässt.

Am 13. Juni wird Florian Janssen wieder von der künstlichen Lunge getrennt. Zwei Tage später entfernen die Ärzte auch den Tubus. Er atmet nun wieder allein. Am Nachmittag bittet er eine Schwester, ein Foto von ihm im Intensivbett zu machen. Darauf hebt er schwach den Daumen, sein Lächeln wirkt mühevoll und erleichtert zugleich. Dann schickt er das Bild seinen Eltern. „Als Zeichen, dass ich es geschafft habe.“

Langwierige Nervenstörungen

Das Coronavirus selbst ist damit besiegt. Doch es ist ein weiterer großer Irrtum, dass die Patienten damit wieder gesund seien. Fast im Tagestakt entdecken Wissenschaftler derzeit neue Folgen von Covid-19, die auch dann noch bestehen bleiben, wenn die Patienten längst als geheilt gelten.

Als Florian Janssen Anfang Juli in der Rehaklinik in Bad Lippspringe ankommt, ist er noch gezeichnet vom Virus, der Beatmung und den Medikamenten. Wenn er die Hände hebt, zittern sie wie bei einem alten Mann. Sein Blutdruck ist höher als normal, bei knapp 150. Die Konzentration reicht höchstens für eine halbe Stunde Lesen in einem Buch. Beim Gehen stützt er sich auf einen Gehwagen.

Es sind Symptome, die Chefarzt Schipmann so auch von anderen Erkrankungen kennt, mit denen Patienten sonst in die Lungenreha kommen. Es gibt allerdings auch einen wichtigen Unterschied: „Die schweren Covid-Fälle haben von allem noch etwas mehr.“ Viele litten zum Beispiel unter weit stärkeren Nerven- und Gehstörungen, oft noch nach Wochen. „Ich habe noch nie Patienten behandelt, die das in so ausgeprägtem Maße hatten wie nach einer Covid-Infektion“, sagt der Chefarzt. Noch ließen sich auch kaum Muster erkennen. „Bei jedem Patienten ist es wieder ein bisschen anders.“

Florian Janssen geht es nach den ersten beiden Wochen in der Reha deutlich besser. Er schafft jetzt schon wieder drei Etagen auf der Treppe, kann weiter laufen, ohne Hilfen, den Rollator braucht er kaum noch.

Bis er wieder arbeiten kann, das werde noch dauern, sagt der Arzt. Aber neben dem Arbeiten hat Florian Janssen noch ein anderes, ehrgeiziges Ziel. Zusammen mit seiner Familie will er im nächsten Jahr den Halbmarathon nachholen, den er jetzt verpasst hat.

„Ich hoffe“, sagt Florian Janssen, „dass ich im nächsten Jahr so fit sein werde, dass ich daran teilnehmen kann.“

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