Julia Wissert: „Einen so exklusiven Intendanz-Start gab es noch nie.“

dzSchauspiel Dortmund

Das Ensemble des Dortmunder Schauspiels unter der neuen Intendantin Julia Wissert stellt sich mit dem höchst amüsanten Abend „17x1“ dem Publikum vor. Einen Überraschungsgast gibt es auch.

Dortmund

, 25.09.2020, 15:18 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es gibt Abende, wenn es die nicht gäbe, müssten sie erfunden werden. Die Ära der neuen Intendantin Julia Wissert beginnt mit solch einer total unterhaltsamen Inszenierung. „17x1“ hat keinen Regisseur, ist vom neuen Ensemble selbst gemacht. Ein federleichter Spaß feierte am Donnerstagabend im Schauspielhaus Premiere, eine heitere Collage, eine sehr persönliche Charme-Offensive, mit der sich das siebzehnköpfige Ensemble (inklusive Sprechchor) dem Publikum vorstellt.

Eine Schauspielerin kommt nach draußen auf den Vorplatz und karrt einen Waschkorb vor sich her – randvoll mit Dokumenten. Es ist Nika Mîskovic aus Kroatien. „Eine ehrliche Person“, sagt sie über sich. Ihre Papiere beweisen es. Der Personalausweis, der Reisepass, der Deutsch-Test für Zuwanderer, der Test „Leben in Deutschland“, der Integrationkurs.

„Alles korrekt“ beim Test des neuen Ensembles

„Alles korrekt“, ruft sie ein ums andere Mal, „alles korrekt“. Immer absurdere Nachweise führt sie vor, bis die Zuschauer beim Pokal fürs Synchronschwimmen Tränen lachten. Aber man geniert sich doch für die groteske Papierschlacht, die Deutschland den Zuwanderern abverlangt.

Total sympathisch: Sarah Yawa Quarshie stellte sich als neue Schauspielerin vor.

Total sympathisch: Sarah Yawa Quarshie stellte sich als neue Schauspielerin vor. © Dürkopp

Danach geht´s hinein. „17x1“ ist eine 90 Minuten lange Tour durchs Schauspielhaus, Sitzmöglichkeiten gibt es erst am Schluss. Die Touren A, B und C starten zeitversetzt um 18 und 20 Uhr. Jede Tour ist komplett anders. Jeweils 20 Zuschauer nehmen teil, die in zwei Gruppen von zehn Personen gegenläufig durch das Haus geführt werden. Bis zu sechs Schauspieler treten einzeln auf.

„Einen so exklusiven Intendanzstart gab es in der ganzen Geschichte der Theater nicht“, hatte Julia Wissert dem Publikum zu Beginn zugerufen. Was Corona angeht, könnte es kaum sicherer sein.

Vom Parkett bis zum Lastenaufzug: Das gesamte Haus wird bespielt

Sarah Yawa Quarshie erwartet die Zuschauer im schick renovierten „Institut“ hinter der Kasse und entfaltet großen Charme. Alexander Darkow spielt Heiner Müllers panischen „Mann im Fahrstuhl“ tatsächlich im Lastenaufzug, kommt zum Schluss in Dortmund an und fragt: „Warum das Theater nicht zu einem wahren Ort machen?“ Viele der Schauspieler räsonieren übers Theater. Aber es liegen auch Komik, Ironie und der Zauber des Anfangs über diesem Abend.

Zum Beispiel, wenn sich Bettina Engelhardt im Studio als Dame in der Badewanne räkelt. Zigarettenrauch steigt von der Lichtinsel auf. Lehárs „Lippen schweigen“ und eine Liebe am Telefon malen ein geniales, zart deprimiertes Stimmungsbild. Danach wird Raphael Westermeier unter dem Titel „Was bleibt?“ ein Selfie mit der Gruppe machen.

Neu-Intendantin Wissert hat sich Internationalität und Vielfalt des Ensembles auf die Fahnen geschrieben. Heute heißt das Diversität – und führt tatsächlich zu gesteigertem Interesse an den „Neuen“ und großer Sympathie.

Kulturdezernent tritt als Überraschungsgast auf

Das Beste kommt aber zuletzt, zumindest auf der hier besprochenen Tour A. Auf der großen Bühne verkörpert Mervan Ürkmez das Theater, das die Stadt Dortmund heiratet. Und wer verkörpert die Stadt? Kein Geringerer als Jörg Stüdemann.

Auf dem Weg zur Hochzeit von Stadt und Theater: In diesen Astronautenkostümen stecken der Dortmunder Kulturdezernent Jörg Stüdemann (l.) und Schauspieler Mervan Ürkmez.

Auf dem Weg zur Hochzeit von Stadt und Theater: In diesen Astronautenkostümen stecken der Dortmunder Kulturdezernent Jörg Stüdemann (l.) und Schauspieler Mervan Ürkmez. © Dürkopp

Der Stadtdirektor, Kämmerer und Kulturdezernent erklärt würdevoll und grundsätzlich dem Theater seine Liebe („Du konfrontierst uns mit den prächtigen Blüten der Fantasie“), verkleidet sich als Astronaut und geht Hand und Hand mit dem Theater ins All hinaus. Wunderbar!

„17x1“ wird am 18. Oktober noch einmal gezeigt. Leider sind jedoch bereits alle Plätze ausverkauft. Das Schauspiel Dortmund plant jedoch, die Reihe in der laufenden Spielzeit 2020/21 fortzuführen. Während des Rundgangs herrscht Maskenpflicht.
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