Joko und Klaas Live: Moria – das ist Europa

ProSieben

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf widmeten ihre gewonnene Sendezeit den Flüchtlingen des Insellagers. Sie warnten vorab Eltern, die Sendung nicht mit ihren Kindern anzuschauen.

Unterföhring

17.09.2020, 06:56 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf widmeten ihre Sendezeit den Flüchtlingen aus Moria.

Die Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf widmeten ihre Sendezeit den Flüchtlingen aus Moria. © picture alliance/dpa

„Ich dachte, in Europa gibt es Gleichberechtigung und Freiheit. Ich dachte, in Europa gelten Menschenrechte“ – das sagt Milad Ebrahimi, der Interviewpartner von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf in der jüngsten Ausgabe von „Joko und Klaas Live“. Es handelt sich um einen 21 Jahre alten Afghanen, der seit Januar in Moria lebt, in jenem Flüchtlingslager, das in den vergangenen Tagen in den Schlagzeilen war. Er und weitere Flüchtlinge nahmen Videos auf und zeigten die Zustände im Lager.

Schon vor einem Monat wurde die Sendung „Joko & Klaas gegen ProSieben“ aufgezeichnet, sagten Winterscheidt und Heufer-Umlauf. Deshalb wissen sie bereits seit einem Monat, dass sie am Mittwoch 15 gewonnene Sendeminuten zur Verfügung haben. Schon damals gab es die Idee, bei „Joko und Klaas Live“, auf deren Inhalt Pro7 keinen Einfluss hat, auf die vergessenen Schicksale im Flüchtlingslager Moria aufmerksam zu machen.

Nun, so sagt es Heufer-Umlauf, sei die fehlende Aufmerksamkeit nicht mehr das Problem. Aber die grauenvollen Zustände, in denen Flüchtlinge „nur zwei Flugstunden von uns entfernt“ leben, sollten dennoch das Thema sein. Die Recherchen ihrer #MoriaStory, wie das Thema der Sendung lautete, wollten sie präsentieren. „Wir wissen, dass es keine einfache Lösung gibt, aber wir wollen auf die Zustände aufmerksam machen“, sagte Winterscheidt.

Warnung an Eltern: Die Sendung ist nichts für Kinder

Vorab warnten die beiden Moderatoren, dass die Sendung und die Bilder für Kinder nicht geeignet seien. Sie baten Eltern, die Sendung nicht mit Kindern anzuschauen, da die Bilder zu grausam seien – auch wenn die Videoaufnahmen die Kinder von Lesbos zeigten. Und wer die 15 Sendeminuten der #MoriaStory durchhielt, was angesichts der verstörenden Bilder nicht einfach war, weiß auch, warum diese Warnung ausgesprochen wurde.

Weinende Kinder, die vom Tränengas aus Polizistenhänden verletzt wurden, Kinder, die auf der Flucht vor dem Feuer am 8. September hingefallen sind und sich verletzt haben, Menschen, die das Minimale, was sie noch hatten, beim Brand verloren haben.

Doch schon vor dem Brand waren die Zustände auf Moria katastrophal. Videoaufnahmen, die Flüchtlinge gemacht haben, zeigen die verdreckten sanitären Anlagen und kaputten Wasserhähne, aus denen kein Wasser mehr kommt. Strom gab es nicht, Ärzte auch nicht. Die hygienischen Zustände in dem Zeltlager, das für 3000 Menschen konzipiert war und 13.000 bis 19.000 beherbergte, waren schlimm. Wir müssen uns die Frage stellen, so sagten es sowohl die Moderatoren als auch die Flüchtlinge und Journalisten, die zu Wort kamen, ob das wirklich das Europa ist, das wir uns wünschen.

„Die Polizei schießt mit Tränengas auf kleine Kinder, es ist unglaublich“

Der Brand, so Ebrahimi, sei auch ein Notruf gewesen aus dem Camp. „Ändert die Bedingungen. Ändert unsere Situation!“ Er habe zusammen mit Tausenden Bewohnern aus Moria flüchten müssen, er habe alles verloren. „This is what Europe looks like“ – so sieht Europa aus –, sagte Journalist Jan Theurich. Doch die griechischen Beamten stellten sich in den Weg und verriegelten Zugänge. „Es ist unglaublich, die Polizei schießt Tränengas auf Familien und dort brennt es. Die Polizei schießt mit Tränengas auf kleine Kinder“, sagt Theurich in Liveaufnahmen der Brandnacht hörbar schockiert.

Milad Ebrahimi berichtet von seinen insgesamt drei Fluchtversuchen über Iran und die Türkei nach Griechenland. Er zeigt Aufnahmen von völlig überfüllten Flüchtlingsbooten, die versuchen, Lesbos zu erreichen: „Wir waren kurz vor Lesbos, dann kam die griechische Küstenwache, hat unseren Motor zerstört und uns zurück aufs Meer gezogen“. Erst im dritten Anlauf schaffte es Milad Ebrahimi nach Europa – und war enttäuscht über den Dreck und Zustand von Moria.

Viel Lob – aber auch Kritik in den sozialen Medien

In den sozialen Medien kam die Sendung erneut gut an. Viele kritisieren den Umgang Europas mit den Flüchtlingen, die Situation auf Lesbos schon vor, aber erst recht nach der Brandkatastrophe vom 10. September. Einige fordern, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Doch es gab auch Kritik, vor allem von Menschen aus dem rechten Spektrum. „Joko und Klaas drücken auf die Tränendrüse“, hieß es da. Oder schlicht: „Abschalten!“

In der zweiten Folge der vierten Staffel von „Joko & Klaas gegen ProSieben“ hatten die beiden Moderatoren einen Sieg eingefahren und damit erneut 15 Minuten freie Sendezeit gewonnen. Normalerweise werden die 15 Minuten Sendezeit nur einmalig ausgestrahlt – eine Ausnahme gab es bisher nur bei der vieldiskutierten Sendung „Männerwelten“ – die Sendung thematisierte Sexismus und sexuelle Übergriffe auf Frauen in Deutschland. ProSieben hat das Video inzwischen online gestellt. „Es sind grausame Bilder, die aber jeder sehen sollte“, schrieb der Sender auf Twitter.

In der Vergangenheit hatten die beiden die freie Sendezeit sowohl für Quatsch genutzt – etwa als sie das Programm von RTL abfilmten, öfter hingegen auch für ernste Themen. In Erinnerung blieben etwa die ersten 15 Minuten, in denen drei Menschen zu Wort kamen, „die viel zu sagen haben“, darunter ein Flüchtlingshelfer, eine Sendung gegen Rechtspopulismus sowie „Männerwelten“.

RND