Die Artenvielfalt ist nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land bedroht. Dabei lässt sich der eigene Garten ganz einfach nicht nur schön, sondern auch ökologischer gestalten.

Capelle

, 15.07.2020, 14:26 Uhr / Lesedauer: 4 min

Im Garten von Dorothea Knepper-Wollny schwirrt und summt es, Vögel steuern im Sinkflug ihre Unterschlupfe an. Hier, vielleicht zwei Kilometer vom Capeller Ortskern weg, scheint nichts ferner zu sein, als das Insektensterben, vor dem Forscher und Naturschützer seit einiger Zeit warnen.

Hinweis: Dieser Text wurde am 27. September 2018 erstmals veröffentlicht. Im Zuge unserer Serie über schöne Privatgärten in der Region haben wir ihn am 15. Juli 2020 erneut veröffentlicht.

Den Normalfall stellt der Garten der 66-Jährigen allerdings nicht dar, weiß der Nordkirchener Bauamtsleiter Josef Klaas. Steingärten und große Rasenflächen seien auch in Nordkirchen seit einiger Zeit auf dem Vormarsch, erklärt er auf Anfrage dieser Redaktion.

Wo nichts wächst, gibt es keine Insekten

Das bestätigt auch Irmtraud Papke, Leiterin des Biologischen Zentrums in Lüdinghausen. „Leider sind Schotter in Vorgärten auf dem Vormarsch“, sagt sie. Das Problem daran: „Da wächst nichts mehr.“ Und wo nichts wächst, gebe es auch keine Insekten. Laut einer 2017 durch das Wissenschaftsjournal „PLOS ONE“ veröffentlichten Studie ist die Biomasse bei Fluginsekten um rund 75 Prozent zurückgegangen. Ermittelt wurde dieser Wert über einen Zeitraum von 27 Jahren an verschiedenen Standorten in ganz Deutschland, 57 davon in Nordrhein-Westfalen. Diese Studie habe das Thema Insektensterben eigentlich erst der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht, sagt Irmtraud Papke. Und es sei keinesfalls ein Problem der Städte, im Gegenteil: „Gemessen wurde für die Studie in Naturschutzgebieten.“ Das Insektensterben sei ein Problem des ländlichen Raums und lasse sich auch direkt auf unsere Region übertragen, so Papke.

Wie gestalte ich meinen Garten insektenfreundlich?

Viele Bürger würden in Nordkirchen primär die Gemeinde in der Pflicht sehen, wenn es um das Thema Naturschutz gehe, sagt Josef Klaas. „Wir bekommen immer wieder Fragen, aber auch Anregungen und Bitten, doch mehr Blumenwiesen in der Gemeinde stehen zu lassen“, erklärt er. Eine reine Fokussierung auf Blumenwiesen sei ihm allerdings bei diesem umfassenden Thema zu wenig. Neben der Gemeinde und den Landwirten sieht Josef Klaas auch jeden Gartenbesitzer in der Pflicht, sich am Artenschutz zu beteiligen. Die wichtigste Frage, zum Beispiel für Eigenheimbesitzer ist aber: Wie gestalte ich meinen Garten so, dass er nicht nur schön aussieht, sondern auch einen geeigneten Lebensraum für Insekten und Tiere darstellt?

Dorothea Knepper-Wollny kann nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch als Vorstandsmitglied des Naturschutzbundes (Nabu) im Kreis Coesfeld wichtige Tipps geben, welche Pflanzenarten und Gestaltungsmöglichkeiten sich für einen insekten- und tierfreundlichen Garten anbieten. Dazu müssen Gartenbesitzer keine vierstelligen Summen für einen Landschaftsgärtner ausgeben. Die meisten Anregungen lassen sich für insgesamt unter 450 Euro auch gemeinsam mit Kindern umsetzen.

1. Insekten brauchen ein Zuhause

Insektenhotels gibt es mittlerweile überall für ein paar Euro zu kaufen, aus Schilfrohren, Holzresten und Drahtgitter lassen sie sich außerdem einfach selbst zusammenbauen. Wer es noch etwas einfacher haben möchte, kann einen porösen Stein nehmen und mit einem Handbohrer oder einer Bohrmaschine unterschiedlich große Löcher hineinbohren. Der Insektenunterschlupf wird anschließend einfach an einer geschützten Stelle am Haus aufgehängt.

Einen Unterschlupf für Insekten bieten solche porösen Steine mit Bohrlöchern in verschiedenen Größen. Sie lasssen sich - wie in diesem Fall - fertig kaufen, oder auch einfach selbst herstellen.

Einen Unterschlupf für Insekten bieten solche porösen Steine mit Bohrlöchern in verschiedenen Größen. Sie lasssen sich - wie in diesem Fall - fertig kaufen, oder auch einfach selbst herstellen. © Karim Laouari

2. Teiche kommen gut bei Fröschen, Insekten und Fledermäusen an

Zwei Teiche hat Dorothea Knepper-Wollny in ihrem Garten: einen großen und einen kleinen mit einer Wasserfläche von nur etwa einem bis zwei Quadratmetern. „Unser Garten ist sehr groß und bietet viel Platz, ein kleiner Teich reicht aber vollkommen aus“, erklärt sie. Und der lasse sich auch in kleinen Gärten anlegen. Pflanzen wie der weißrosa blühende Wasserdost, der in der Nähe des Teichs wächst, seien eine ideale Nahrungsquelle für Insekten. Die wiederum werden nicht nur von Vögeln gefressen, sondern auch von Fledermäusen.

Darüber freuen sich viele Insekten, ganz besonders aber Schmetterlinge: Der Wasserdost wächst, wie der Name verrät, gerne in der Nähe von Teichen zum Beispiel.

Darüber freuen sich viele Insekten, ganz besonders aber Schmetterlinge: Der Wasserdost wächst, wie der Name verrät, gerne in der Nähe von Teichen zum Beispiel. © Karim Laouari

Den Wasserdost würden vor allem Schmetterlinge bevorzugen, wie die Capellerin erklärt. Samen gibt es für unter zwei Euro im Fachhandel zu kaufen oder noch bequemer im Internet zu bestellen. Das Loch dafür lässt sich per Hand ausheben. Teichfolie kostet für einen kleinen Teich im Schnitt zwischen 2,50 und 5 Euro pro Quadratmeter. Für einen Teich mit einer Fläche von einmal zwei Metern und einer Tiefe von etwa 80 Zentimetern sind zwischen zehn und 15 Quadratmeter Folie nötig. Eine passende Teichpumpe gibt es im Baumarkt für rund 50 Euro. Wer kleine Kinder im Haus hat, muss bei einem Teich natürlich besonders aufpassen. Einfache Teichschutzzäune gibt es im Internet zu bestellen. Sie werden einfach in den Boden gesteckt. Drei bis vier Meter solcher Zäune kosten unter 100 Euro.

Nicht nur für Frösche ist ein Teich der ideale Lebensraum. "Der Teich muss gar nicht groß sein", erklärt Dorothea Knepper-Wollny. Zwei Quadratmeter Wasserfläche würden ausreichen. In einem solchen Biotop finden dann auch Fledermäuse ausreichend Nahrung.

Nicht nur für Frösche ist ein Teich der ideale Lebensraum. "Der Teich muss gar nicht groß sein", erklärt Dorothea Knepper-Wollny. Zwei Quadratmeter Wasserfläche würden ausreichen. In einem solchen Biotop finden dann auch Fledermäuse ausreichend Nahrung. © Karim Laouari

3. Auf die richtigen Pflanzen kommt es an

Von Minze, über Mädesüß bis hin zur Hasel und Obstbäumen: Knepper-Wollny kann aus dem Stehgreif zig verschiedene Blumen, Sträucher und Baumsorten aufzählen, die zur Artenvielfalt beitragen können. Neben der Frage, was sich gezielt anpflanzen oder aussäen lässt, gehe es aber auch darum, stehen zu lassen, was sich im Garten bereits angesiedelt hat. Margeritten und Malwen beispielsweise seien auch langlebiger als die mittlerweile in vielen Geschäften erhältlichen Saatmischungen für Wildblumenwiesen. „Die blühen meist nur zwei- bis dreimal“, sagt die Capellerin. Auch Bauamtsleiter Josef Klaas rät nur bedingt dazu, zu solchen Saatmischungen zu greifen, weil der Anteil an asiatischen oder afrikanischen Gras- und Blumensamen darin häufig sehr hoch sei. Das sei problematisch, erklärt Irmtraud Papke, weil diese fremden Arten einheimische Pflanzen verdrängen. Oder, was noch schlimmer aus der Sicht vieler Biologen sei: Arten, wie nicht einheimische Malwenarten, die sich mit den einheimischen kreuzen. „Für viele Insekten ist das zwar kein Problem, für manche alelrdings schon“, sagt die Leiterin des Biologischen Zentrums. Die Einrichtung in Lüdinghausen biete bei Fragen unter anderem nach der richtigen Pflanzenauswahl auch Beratung an, so Papke. Das gelte auch für Schulen, die zum Beispiel Pflanzprojekte auf die Beine stellen wollen.

Die Malve blüht nicht nur schön, sie lässt sich leicht aussäen und ist eine echte Bereicherung für den insektenfreundlichen Garten.

Die Malve blüht nicht nur schön, sie lässt sich leicht aussäen und ist eine echte Bereicherung für den insektenfreundlichen Garten. © Karim Laouari

4. Projekte für Erwachsene und Kinder

Am meisten Spaß machen Gartenprojekte, die sich gemeinsam mit der ganzen Familie umsetzen lassen. Dorothea Knepper-Wollny arbeitet selbst zurzeit an einer Trockenmauer. Sie nimmt dafür eher flache Sandsteine, die locker übereinandergestapelt werden. Eine solche Mauer müsse nicht besonders hoch oder lang sein. Zwei Meter Länge und 50 Zentimeter Höhe würden zum Beispiel ausreichen, erklärt das Nabu-Mitglied. Eine Tonne Trockenbausteine (eine Palette, etwa 2,5 Quadratmeter Mauerfläche) kostet im Fachhandel oder im Internet um die 200 Euro. Das Material kann bestellt und bis nach Hause geliefert werden (gegen eine Liefergebühr).

Leicht zu bauen ist eine Trockenmauer. Zwischen den Steinen können sich Insekten und Eidechsen zurückziehen.

Leicht zu bauen ist eine Trockenmauer. Zwischen den Steinen können sich Insekten und Eidechsen zurückziehen. © Karim Laouari

Abgesehen davon, dass eine solche Mauer eine schöne Möglichkeit bildet, Bereiche im Garten abzugrenzen, bieten die offenen Fugen zwischen den Steinen Unterschlupf für Insekten, aber auch für Eidechsen.

5. Den Weg zum Wertstoffhof sparen und Gartenabfälle richtig nutzen

Wer Igel in seinem Garten haben möchte, muss den Tieren die Möglichkeit geben, sich verstecken zu können, weiß die Capellerin. Ein solcher Rückzugsort lasse sich mit Holzschnitt, zum Beispiel von Bäumen oder Hecken, ohne zusätzliche Kosten einfach anlegen. In ihrem Garten hat Dorothea Knepper-Wollny einen Haufen auf etwa einen Meter aufgestapelt. Dass dieser bewohnt ist, zeigt sich an einer kleinen Mulde, die an einer Seite unter den Haufen gegraben wurde.

In jedem Garten fällt es irgendwann an: Altholz eignet sich hervorragend, um für Igel einen Unterschlupf zu bauen.

In jedem Garten fällt es irgendwann an: Altholz eignet sich hervorragend, um für Igel einen Unterschlupf zu bauen. © Karim Laouari

Das machen Gemeinde und Landwirte für die Artenvielfalt
  • Das Thema ist zuletzt in der Sitzung des Umweltausschusses am 18. September besprochen worden.
  • Darin stellte Bauamtsleiter Josef Klaas einige Beispiele vor, an welchen Stellen, die Gemeinde versucht, die Artenvielfalt zu fördern.
  • So schneide die Gemeinde Straßenbankette, beispielsweise entlang der Lüdinghauser Straße, grundsätzlich erst ab Juni, um den Pflanzen dort Zeit zum Blühen zu geben. Lediglich an Kreuzungen müsse früher gemäht werden, damit die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigt werde.
  • Entlang des Capeller Bachs und in Regenrückhaltebecken würden Rohrkolben und andere Wasserpflanzen bewusst stehengelassen. Im Capeller Dorfpark zum Beispiel sei eine sich selbst überlassene Wiesenfläche denkbar, die nur einmal im Herbst gemäht werden würde, so Klaas.
  • Die Gemeinde würde aber auch private Initiativen, zum Beispiel von einzelnen Bürgern, Schulen oder Vereinen unterstützen, indem sie kostenlos Flächen zur Verfügung stellen würde, die dann von Freiwilligen gestaltet und gepflegt werden könnten.
  • Denkbar wäre das unter anderem, so Klaas, entlang des Grünen Weges in Nordkirchen, an der Schloßstraße, in den Dorfparks in Capelle und Südkirchen, aber auch in Neubaugebieten.
  • Das Problem des Insektensterbens lasse sich nicht nur mit insektenfreundlicheren Gärten lösen, sagt Irmtraud Papke. Wichtig sei das Thema trotzdem, weil es dazu beiträgt, dass sich mehr Menschen mit dem Insektensterben auseinandersetzen, so Papke.
  • Mit der Aktion „Blütenpracht am Wegesrand“, an der sich Landwirte aus dem gesamten Kreis Coesfeld beteiligen, sollen entlang der Felder mehr Blühstreifen angelegt werden, die Lebensraum für Insekten und Tiere bieten.

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