„It’s Joe Time“, auch in Europa

Meinung

Plötzlich steht Joe Biden auf der Weltbühne, skizziert die Vision eines Amerikas, das alle mitnimmt. Europa sollte die damit verbundenen Chancen so schnell wie möglich nutzen, meint unser Autor.

von Matthias Koch

, 09.11.2020, 08:33 Uhr / Lesedauer: 3 min
„Wir müssen einander wieder sehen, wir müssen einander wieder zuhören“: Der künftige Präsident der USA, Joe Biden, an der Seite seiner Frau Jill in der Nacht zu Sonntag in Wilmington, Delaware.

„Wir müssen einander wieder sehen, wir müssen einander wieder zuhören“: Der künftige Präsident der USA, Joe Biden, an der Seite seiner Frau Jill in der Nacht zu Sonntag in Wilmington, Delaware © picture alliance/dpa

„Es fühlt sich an, als hätten wir gerade einen Exorzismus überstanden“, sagt der weltberühmte amerikanische Philosoph Francis Fukuyama. In Washington, Atlanta, Philadelphia und unzähligen weiteren Städten tanzten Menschen auf der Straße, hupende Autokorsos schoben sich in die Nacht. „It’s Joe Time“, titelte das Boulevardblatt „New York Post“.

Auch in Europa fühlten sich viele befreit, als sei soeben der Teufel abgeschüttelt worden. Sogar Trumps Lieblingssender Fox erwähnte die weltweiten Vibrationen: In Paris hob Glockengeläut an wie nach einem Kriegsende, in Berlin und Edinburgh stiegen Feuerwerksraketen auf, vielerorts prosteten Leute einander auf Balkonen zu.

Es war schon nach zwei Uhr in der Nacht zum Sonntag, als die strahlend blaue Biden-/Harris-Bühne in Wilmington, Delaware, zu einem globalen Leuchtfeuer wurde. Der erste gemeinsame Auftritt von Joe Biden und Kamala Harris nach dem Wahlsieg bot nicht nur politisch Orientierung. Er fasste die Zuschauer auch emotional an: Hier zeigten sich zwei engagierte, zielstrebige Leute, die allen Ernstes möglichst jeden mitnehmen wollen auf ihrem schwierigen Weg, sogar politisch Andersdenkende.

„Das greise Haus“ hat einen klugen Plan

Stärker denn je wollen die US-Demokraten Schwarze, Latinos und Menschen asiatischer Abstammung in ihre künftige Regierung integrieren. Politisch allerdings ist dies schon eingepreist, ebenso wie der Durchbruch zu einer ersten Vizepräsidentin in der Geschichte der USA.

Aufhorchen ließ indessen in der Nacht zum Sonntag der überdeutliche Aufruf Bidens, die parteipolitischen Gräben im Land zu überbrücken. Dieser Ansatz könnte, deshalb hört auch die Wirtschaft an dieser Stelle aufmerksam zu, den Weg zu einem Konjunktur-, Klima- und Energiepaket weisen, dem auch beide Häuser des Kongresses zustimmen.

Politische Gegner seien keine Feinde

Ist so etwas aber überhaupt noch möglich in der völlig verkanteten und verfeindeten politischen Szenerie der USA? Biden sagt: Ja – und nennt auch gleich eine Begründung: „Wir sind alle Amerikaner.“

Und dann spricht der designierte amerikanische Präsident Sätze aus, die schlicht sind und extrem intelligent zugleich. Es gibt solche Sätze auch als Extrakte der europäischen Populismusforschung. „Wir müssen einander wieder sehen“, sagt Biden. „Wir müssen einander wieder zuhören.“ Der politische Gegner sei eben nur ein politischer Gegner – „kein Feind“.

Schärfer könnte der Kontrast zu Trump kaum sein

Plötzlich wird da ein Patriotismus sichtbar, der alle mitnehmen will und niemanden ausgrenzt. Im flatternden Fähnchen Amerikas soll, so wollen es Biden und Harris, wieder etwas Verbindendes liegen.

Schärfer könnte der Kontrast zu Trump nicht sein. Biden setzt positive gegen negative Emotionalität. Statt Trump noch einmal anzugreifen in dieser historischen Stunde, was leicht gewesen wäre, macht Biden es anders. Er lässt das Heilende, das er sich vorgenommen hat, schon erstmals wirken. Vielleicht muss man 77 Jahre alt sein, um zu solcher Weisheit zu finden.

Deutschlands „heute-show“ höhnte am Freitag über „Das greise Haus“ in Washington. Doch die Ironisierung von Bidens Alter wirkt erbärmlich angesichts des klugen Ansatzes, mit dem ein ungewöhnlich redlicher und ungewöhnlich ernsthafter künftiger Präsident das größte innenpolitische Problem der USA angehen will.

Zeit für ein Best-Case-Szenario

Bidens Politik der ausgestreckten Hand bietet nicht nur im Inneren Chancen, sondern auch in der Außenpolitik. Amerika müsse die Welt wieder überzeugen, sagt er – „nicht durch Beispiele seiner Kraft, sondern durch die Kraft seines Beispiels“. Das ist ein wunderbarer Satz. Biden legt damit für seine eigene Nation die Latte sehr hoch. Zugleich weist er ihr aber den einzig Erfolg versprechenden Weg.

Die Europäer müssen die Chancen, die sich in den kommenden Wochen in der „Transition“ bieten, von Anfang an gezielt nutzen. Allzu lange schoben viele Politiker in den europäischen Hauptstädten nur Endzeitszenarien vor sich her, als gebe es nur die Wahl zwischen einer Wiederkehr Trumps und einem Bürgerkrieg.

Es wird jetzt Zeit, rasch ein Best-Case-Szenario zu entwerfen: Wie geht die EU um mit einer plötzlich wieder unerwartet kooperativen Regierung in Washington? Wie wäre es mit einem neuen Anlauf zu einem gemeinsamen Markt, mit stärkerer ökologischer Ausrichtung als beim letzten Versuch? Und wie wäre es mit einem sicherheitspolitischen Zusammenschluss aller führenden Demokratien: USA plus EU, plus Großbritannien, plus Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland?

Bidens beruhigende Wirkung reicht bis Europa

Immerhin, ein erstes gutes Zeichen ist gesetzt. Die EU-Staats- und Regierungschefs erlaubten sich, Biden schon zur Wahl zu gratulieren, bevor Trump seine Niederlage eingestanden hatte. Das wird der noch amtierende Präsident als Frechheit empfinden, den Europäern kann das aber egal sein. Sie müssen jetzt alles tun, um das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist. Wenn alles gut läuft, könnten EU und USA nach vier Jahren Biden/Harris enger zusammengerückt sein als nach acht Jahren Obama/Biden.

Der neue Präsident hat irische Vorfahren. Er ist ein großer Fan des irischen Dichters und Nobelpreisträgers Seamus Heaney und lässt gelegentlich Zitate aus dessen Werk in seine Reden einfließen. Die Briten übrigens mahnte Biden bereits, nur ja nicht den Karfreitagsfrieden zwischen Irland und Nordirland durch ihre störenden Brexit-Pläne zu gefährden. Dies wiederum stärkt bereits die Verhandlungsposition Brüssels gegenüber London.

Sogar in Europa, man mag es kaum glauben, trägt dieser neue Präsident bereits zu einer Beruhigung bei – noch bevor er sein Amt angetreten hat.


Der Artikel "„It’s Joe Time“, auch in Europa" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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