In der Krise zeigt sich der Charakter: Wer wollen wir nach Corona sein?

Coronavirus

In Krisenzeiten ist nicht alles schlecht: Freundlichkeit und Achtsamkeit stehen plötzlich hoch im Kurs. Die Verantwortung für den weiteren Verlauf der Krise liegt nicht zuletzt bei jedem Einzelnen.

NRW

von Matthias Koch

, 31.03.2020, 12:55 Uhr / Lesedauer: 4 min
„Hoffnung“: Lichtkünstler Gerry Hofstetter projiziert das Wort „hope“ auf das Schweizer Matterhorn.

„Hoffnung“: Lichtkünstler Gerry Hofstetter projiziert das Wort „hope“ auf das Schweizer Matterhorn. © picture alliance/dpa

„Es ist wirklich kurios in diesen Tagen“, sagt Frau K., die bei Aldi an der Kasse sitzt. „Die Kunden, die immer schon nett waren, sind jetzt noch netter als je zuvor.“ Und die anderen? „Tja.“ Die Wahrheit ist: Die anderen benehmen sich daneben, oft in unbeschreiblicher Weise.

Von einer Verkäuferin, keifte eine Kundin in einem Supermarkt in Bergneustadt bei Köln, werde sie sich nichts vorschreiben lassen. Sie bestehe jetzt darauf, mehr als nur eine Packung Toilettenpapier mitzunehmen. Als die aufgebrachte Frau zu randalieren begann, kamen Polizisten und legten ihr Handschellen an.

Was, wenn es einmal um mehr geht als Toilettenpapier?

In Würselen bei Aachen zertrümmerten Diebe die Scheiben eines geparkten Autos und ließen außer Klopapier nichts mitgehen.

Was lehren uns solche Entgleisungen – in Zeiten, in denen ein wahrer Notstand nicht mal ansatzweise eingetreten ist?

„In der Krise“, dozierte schon Helmut Schmidt, „zeigt sich der Charakter.“

Heute wie zu allen Zeiten fällt das Testergebnis sehr gemischt aus.

Da gibt es die einen, die nachts in ihren Nachbarschaftsgruppen auf Whatsapp diskutieren, wer am nächsten Tag auf wessen Kind aufpassen könnte und wer der gehbehinderten Nachbarin frisches Obst und Gemüse mitbringt.

Aber da gibt es eben auch jene, die schon in der verqueren Gier nach Toilettenpapier die Contenance verlieren. Wie will man solche Leute in Schach halten, wenn es wirklich eines Tages einen bedrohlichen Mangel geben sollte, etwa an Bargeld, an Benzin – oder an Beatmungsgeräten?

Die Monster leben unter uns

Auch der moderne Mensch trägt das Risiko eines Zivilisationsbruchs ständig mit sich herum, zwischen den Ohren, im eigenen Kopf. Wenn die tiefsten und zugleich primitivsten Hirnregionen Gefahr fürs Überleben wittern, wird alles Komplizierte, alles Gelernte, alles Trainierte beiseitegeschoben. Der Puls geht hoch, die Pupillen verengen sich. Not kennt kein Gebot: Das ist eher eine Erfahrung aus dem Tierreich als eine menschliche Maxime.

Manche werten schon jetzt alles um und kennen nur noch sich selbst. Wozu Gesetze beachten, wenn man doch einfach nur überleben will? Mit dieser schnaubenden Grundhaltung schlichen Diebe in die Kinderintensivstation 39i des Berliner Virchow-Klinikums, wo leukämiekranke Neugeborene mit heruntergefahrenem Immunsystem nach Knochenmarktransplantationen um ihr Leben ringen – und stahlen Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken.

Es ist, in einer Pandemiephase noch ohne jede objektive Not, schon mal ein kleiner Gruß aus der Abteilung Horrorfilm: Vorsicht, die Monster sind mitten unter uns.

„Wenn es hart auf hart kommt“, warnt der Göttinger Psychologe und Angstforscher Borwin Bandelow, „ist der Mensch nicht sozial.“ Denn dann führe das „Angsthirn“ Regie, nach genetisch von Generation zu Generation weitergetragenen Grundsätzen, die dummerweise älter seien als die Zivilisation.

Viele prominente Denker jedoch, vor allem sogenannte Zukunftsforscher, zünden in diesen Tagen eine Kerze an und rufen in Interviews und Talkshowrunden mit großer Geste die Corona-Krise zu einer Chance aus, die man nur nutzen müsse.

Ein Beschwörer des Wunderbaren

So beschwört der Buchautor und Vortragsreisende Matthias Horx in diesen Tagen in immer neuen Auftritten das Wunderbare, das in einer „Entschleunigung der Menschheit“ liege. Dass weniger Autos fahren und kaum Flugzeuge fliegen, sei eine gute Nachricht im Kampf gegen den Klimawandel. „Wenn das ein Virus kann, können wir das nicht auch?“

In einigen Punkten trifft Horx mit seinen Beobachtungen bei vielen ins Schwarze. „Die Menschen telefonieren wieder lange, Leute lesen wieder Bücher“, schwärmte er bei Markus Lanz. „Irgendetwas ist im Gange, das unser Hirn, unsere Existenz verändert.“

Horx schiebt sogar die drohenden Verluste von Jobs und Geld beiseite. „In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle“, sagt er. „Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.“ Vielen schmilzt da erst mal das Herz.

Doch mal ehrlich: Hat man nicht auch nach dem Ende der einen oder anderen Diktatur auf deutschem Boden gesagt, es sei „nicht alles schlecht“ gewesen? Natürlich lag etwas Gutes darin, wenn man einander flüsternd seine Ängste eingestehen konnte im Kreis solidarischer Nachbarn. Oder wenn man einander ausgeholfen hat mit Dingen, die einfach fehlten.

In Wahrheit hat die Romantisierung solcher Notzustände etwas Zynisches – besonders wenn sie von Leuten wie Horx kommt, die man bei europaweit operierenden Agenturen als Keynote Speaker buchen kann, etwa für Kongresse von Verbänden oder Konzernen – und die dann ihre ganz eigenen Tagessätze aufrufen.

Wozu braucht man Orangen und Bananen?

„Wir werden lernen, mit weniger gut zu leben“ – dieser Weissagung von Horx stimmen im Augenblick viele geradezu andächtig zu. Globalisierungskritiker von links und Globalisierungskritiker von rechts, Leute im Schafwollpullover und Leute im Lodenmantel, finden sich da vereint: Kann in Zukunft nicht unsere eigene Scholle genug hervorbringen?

Wie rückschrittlich das alles ist, fällt gerade keinem auf. Wozu eigentlich braucht man Orangen und Bananen aus fernen Ländern? Natürlich kann man das fragen. Man muss nur wissen: Diese Frage stellte einst auch, verkniffen und mit wegwerfender Geste, der zuständige SED-Bezirksleiter beim Regionaltreffen der Freien Deutschen Jugend.

Dass Gurus wie Horx jetzt Konjunktur haben, ist kein gutes Zeichen. Aber es ist gut erklärbar. Die Politik steuert durch eine Phase, in der sie ungewöhnlich tief greifende Entscheidungen wie Ausgangsverbote treffen muss auf der Basis von Fakten, die der Einzelne nicht nachzuvollziehen vermag. In solchen Zeiten gedeihen Verschwörungstheorien und neue Welterklärungen stärker als sonst.

Diese Situation ist ernst und sie ist offen.
Angela Merkel Bundeskanzlerin

Biologisch-dynamische Selbstversorgung eher ein Notbehelf

Die biologisch-dynamische Selbstversorgung der Menschen auf dem Land etwa ist immer mal wieder zum Ideal einer neuen Zeit ausgerufen worden. Auch der Zukunftsforscher Daniel Dettling sieht so etwas kommen – aber als eher uneleganten Notbehelf für jene, die aus den Städten geflohen sind. Dort nämlich werde eine Deurbanisierung einsetzen, die ihrerseits Folge einer weltweiten Deglobalisierung sei. „Die Städte“, glaubt Dettling, „werden zu den nervösesten Plätzen der Welt.“

Schöne neue Welt, schlimme neue Welt? Auch in dieser Debatte kann es nur schaden, wenn allzu viele sich in allzu extreme Anschauungen hineinsteigern. Denn dann droht vor lauter Spekulation über das Künftige eine Vernachlässigung der Gegenwart.

Ein Gegenmittel steht bereit. Es liegt in Transparenz und Offenheit, in Respekt vor der Wissenschaft, in Wahrnehmung von Eigenverantwortung – und auch im Festhalten an einer gesunden Skepsis. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Fernsehrede die Ausgangssperren verkündete und begründete, flocht sie einen denkwürdigen kleinen Satz ein: „Diese Situation ist ernst und sie ist offen.“

In diesen acht Wörtern liegt viel Weisheit. Sie enthalten auch eine Anspielung auf Karl Popper, den Lieblingsphilosophen der Kanzlerin. Popper, geboren 1902 in Wien, gestorben 1994 in London, war Begründer des sogenannten kritischen Rationalismus. Er hielt wenig von guruhaften Deutungen oder gar Prognosen aller Art. Festlegungen auf angeblich unabweisbare Trends oder alles bezwingende historische Gesetze waren ihm zuwider. Ein Satz Poppers, der Merkel gut gefällt, lautet: „Die Zukunft ist weit offen. Sie hängt von uns ab, von uns allen.“