"Ich sah den Schuh und das Gesicht"

<p>Von Klaus Wilker</p> <p>MARL. Der junge Mann im Zeugenstand ist zwar kein Riese, doch dafür hat er breite Schultern und muskulöse Oberarme. Dennoch: Gegen die Angreifer, die ihn in der Nacht zum 22. Juli 2006 krankenhausreif schlugen, hatte auch er keine Chance.</p>

von FiggeG

, 31.07.2008, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Knochenbruch am rechten Auge, die Operationsnarbe und die beiden Stichwunden am Rücken sind inzwischen verheilt. Doch richtig klar sehen kann der 35-jährige Ex-Türsteher auf dem rechten Auge auch heute noch nicht.

Acht mutmaßliche Täter hat die Polizei ermittelt. Seit gestern müssen sich die jungen Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung vor dem Jugendschöffengericht verantworten. Alle sind libanesischer Herkunft.

Um den Überblick zu behalten, hat der Vorsitzende Richter Herbert Schmitz die Plätze für die acht Angeklagten und deren Verteidiger durchnummeriert. Die Feststellung der Personalien und Befragung der Angeklagten, was sie machen, wie und wovon sie leben, dauert eine knappe Stunde. Danach reden die jungen Männer nicht mehr. Zur Tat wollen sie keine Angaben machen.

Schauplatz der Schlägerei war eine Diskothek in der Stadtmitte. Dort wollten 14 junge Männer, die von einer libanesischen Hochzeit kamen, noch etwas feiern. Eine Ohrfeige, die sich ein unbeteiligter Gast eingefangen hatte, soll Auslöser für die Eskalation gewesen sein. Konnte sich der Ex-Türsteher bei der ersten Schlägerei gegen zwei Gegner noch einigermaßen behaupten, hatte er gegen die anrückende Verstärkung keine Chance. Doch wer schlug und trat zu? Wer stach mit dem Messer? Die beiden Messerstiche, einer drang drei Zentimeter tief in den Rücken ein, nahm der Ex-Türsteher gar nicht wahr. Sie wurden erst später im Krankenhaus festgestellt.

Bei sechs der acht Angeklagten ist sich der 35-Jährige ganz sicher: "Ja, die waren dabei. Die haben mich getreten, als ich noch mit zwei anderen am Boden lag." Zweifelsfrei identifiziert hat der Ex-Türsteher den Angeklagten mit der Nummer 1. Er sei sicher, dass dieser ihm die Verletzung am Auge zugefügt hat. "Ich sah den Schuh und das Gesicht..." Die Verteidiger haben Zweifel. Ist der Zeuge glaubwürdig?

Mehr als eine Stunde lang stellen die Herren in Schwarz dem Zeugen bohrende Fragen. Es sei doch dunkel gewesen, wer kam von links, wer von rechts?

Zwei weitere Zeugen kann das Gericht nicht vernehmen. Ein Zeuge macht gerade Urlaub in der Türkei, eine andere Zeugin lässt sich durch ein Attest entschuldigen. Sie sei bedroht worden, leide an posttraumatischen Störungen und sei daher psychisch nicht in der Lage, zu kommen. Eventuell könne sie aussagen, wenn ihr Zeugenschutz gewährt würde, informiert Richter Schmitz die Prozessbeteiligten und warnt die Angeklagten. Sollte es einen begründeten Verdacht geben, dass - egal auf welche Weise - Kontakt zu Zeugen aufgenommen werde, um auf das Verfahren Einfluss zu nehmen, drohe sofort Untersuchungshaft. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.