Hüter der Erinnerungen

NARTUM Er sammelte, was sonst kaum jemanden interessiert: Erinnerungen. Er gab Menschen eine Stimme, die in der Literatur sonst nicht zu Wort kommen: jenen Männern und Frauen zum Beispiel, die nach dem Luftangriff am 13. Februar 1945 durch das brennende Dresden irrten.

von Von Bettina Jäger

, 05.10.2007, 18:51 Uhr / Lesedauer: 2 min

Retten, was zu retten ist

Retten, was zu retten ist

"Seit langem bin ich besessen von der Aufgabe zu retten, was zu retten ist", hatte er 1993 im Vorwort zu seinem Meisterstück "Echolot" geschrieben. Und wie er rettete: Auf 500 laufenden Regal-Metern sammelte er 3,5 Millionen Archivblätter und 300 000 Fotos aus deutschen Familienalben. Ein Jäger jener beinahe verlorenen Erinnerungen, aus denen er seine Zeitbilder komponierte.

"Der rote Hahn" über den Untergang Dresdens ist so ein Buch: packend in der prägnanten Auswahl der Zitate, verblüffend in den Gegenüberstellungen. Tagebucheinträge von Goebbels treffen den Funkverkehr der US-Bomber und die grausigen Berichte der Augenzeugen. Und nur durch diese Vielstimmigkeit, diesen Chor der Erinnerungen erhascht der Leser einen Moment der Wahrheit, den Rockzipfel der Authentizität.

Gearbeitet bis zum Schluss

Gearbeitet hatte Kempowski bis zum Schluss, seine Krankheit ertrug er mit galligem Humor. Er habe viel zu tun, "ich muss dauernd das Testament umschreiben". Auf die Frage warum, meinte er: "Wenn meine Frau mir nicht ,Guten Morgen' sagt, schreibe ich es um." Ein Scherz, natürlich. Denn seine Frau Hildegard, mit der seit 1960 verheiratet war, umsorgte ihn liebevoll. Zuletzt musste er sich künstlich ernähren und bedauerte: "Ich kann keine Bratkartoffeln mit Spiegelei mehr essen."

Sohn eines Rostocker Reeders

Kempowski war am 29. April 1929 als Sohn eines Reeders geboren worden, kurz nach dem Krieg wurde der 19-Jährige wegen angeblicher Militärspionage verhaftet. "Im Block" heißt das Werk, in dem er seine acht Jahre lange Haft im DDR-Zuchthaus Bautzen verarbeitet hat. "Tadellöser & Wolff" - der knuffige Spruch des Vaters, wenn er etwas lobte - gab der eigenen Familiengeschichte 1971 den Titel. Das Fernsehen sendete später eine unvergessene Verfilmung mit Edda Seippel ("Kinder, wie isses nun bloß möglich"). Zum Erfolg bei den Lesern mit "Uns geht's ja noch Gold" (1972) kamen erst mit dem Mammutprojekt "Echolot" (1993-2005) auch offizielle Ehren - also der Thomas-Mann-Preis und die Ausstellung "Kempowskis Lebensläufe" in Berlin, die er selbst nicht mehr besuchen konnte.

Auf den Tod vorbereitet

Auf den Tod war der gelernte Lehrer vorbereitet. "Ich bin 78, und es wird Zeit, sich zu verabschieden. Ich habe genug getan, ich war 30 Jahre Pädagoge, habe 40 Bücher geschrieben, das reicht allmählich." Tatsächlich, ein gewaltiger Lektüre-Vorrat, der von jeder Generation neu zu entdecken sein wird. 

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