Harvard-Forscher: Auch gutes Wetter bremst das Coronavirus kaum

Coronavirus

Seit einiger Zeit steht die Frage im Raum, inwiefern das Wetter die Ausbreitung des Coronavirus beeinflusst. Nun schalten sich auch Forscher der Harvard Universität in die Diskussion ein.

Hannover

12.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der Effekt des warmen Wetters auf die Virus-Tröpchen reicht nicht aus, Covid-19 einzudämmen.

Der Effekt des warmen Wetters auf die Virus-Tröpchen reicht nicht aus, Covid-19 einzudämmen. © picture alliance/dpa

Überlegungen, dass eine erhöhte Temperatur die Ausbreitung des Virus verlangsamt, gibt es inzwischen viele. Denn einige verwandte Virusinfektionen wie die Grippe sind stark saisonabhängig. Experten vermuten beim SARS-CoV-2-Virus daher Ähnliches. Höhere Luftfeuchtigkeit und wärmere Temperaturen scheinen das Virus weniger stabil zu machen - wortwörtlich.

Denn die kleinen Tröpfchen, die das Virus enthalten und durch Husten oder Niesen in die Luft gelangen, könnten bei Wärme eher Wasserdampf anzuziehen, dadurch werden sie schwerer und sinken zu Boden, bevor sie eine andere Person infizieren. Das Gegenteil tritt bei kälteren, trockeneren Bedingungen auf. Die Tröpfchen sind leichter und bleiben länger in der Luft. Forscher beobachteten in der Vergangenheit Veränderungen der Übertragung vor allem bei Temperaturen über 25 Grad.

Wetteränderungen reichen kaum aus

Die Hoffnung auf einen Sommer, der das Coronavirus eindämmt, machen die Harvard-Forscher mit ihrer neuen Untersuchung allerdings zunichte. Denn ein Team der Abteilungen für Epidemiologie und Immunologie, sowie Infektionskrankheiten der T.H. Chan School of Public Health in Harvard führte zu den jahreszeitlichen Auswirkungen von Covid-19 eine umfangreiche empirische Studie durch.

„Wir haben ein mathematisches Modell verwendet, um zu verstehen, wie stark die saisonalen Schwankungen sind“, sagte der leitende Forscher Dr. Stephen Kissler. Das Ergebnis: Der Effekt auf die Virus-Tröpchen reicht nicht aus, um Covid-19 einzudämmen. Auch werde das Sommerwetter nicht dazu beitragen, die Zahl der Fälle so niedrig zu halten, dass die Krankenhaussysteme mithalten können.

Mehr als 3.700 Standorte untersucht

Das Team um Kissler stellte einen Datensatz zusammen, der die weltweite Verbreitung von COVID-19 und Wetterdaten von über 3.700 Standorten vom 12. Dezember 2019 bis 22. April 2020 berücksichtigt. Durch den Vergleich ihres Modells mit den bereits bekannten saisonalen Schwankungen bei der Grippe konnten sie feststellen, wie sich das neuartige Coronavirus mit der Zeit in den verschiedenen Regionen entwickelte - und, wie groß der Einfluss des Wetters dabei war.

Demnach gibt es durchaus einen Zusammenhang zwischen dem Wetter und der Ausbreitung des Virus: Die Forscher stellten fest, dass es in Zonen mit Durchschnittstemperaturen unter 25 Grad und hoher Bevölkerungsdichte vermehrt zu Ausbrüchen kam. In wärmeren Regionen kam es hingegen langsamer zu Übertragungen, was die bislang vergleichsweise kleinen Ausbrüche in Südasien und Afrika erklären könnte.

Das Wetter wird Corona nicht auslöschen

Allerdings ist der Wettereffekt nicht besonders groß: „Unsere Prognosen deuten darauf hin, dass wärmere und feuchtere Jahreszeiten und Standorte eine geringfügige Verringerung der Fortpflanzungszahl bewirken können, was dazu beiträgt, die Pandemie einzudämmen und Reaktionskapazitäten aufzubauen. [...] Doch die bevorstehenden Wetteränderungen allein reichen nicht aus, um die Übertragung von COVID-19 vollständig einzudämmen“, heißt es.

Bei der Untersuchung wurde nicht berücksichtigt, ob ein Impfstoff oder eine Behandlung gegen das Virus ins Spiel kommt, was das Ergebnis verändern würde. Auch weitere Faktoren wie regional unterschiedlich gut ausgebaute Gesundheitssysteme könnten die Statistik verzerrt haben. Die Forscher betonen, dass ihre Ergebnisse trotzdem aussagekräftig sind.

Verlauf auf der Südhalbkugel könnte Antworten liefern

Wichtig sei es nun auch, die Ausbreitung von COVID-19 über den Sommer hinaus zu untersuchen, schlussfolgern die Wissenschaftler. Die südliche Hemisphäre, die den Winter während unseres Sommers erlebt, müsse jetzt genau überwacht werden. Man erhoffe sich Antworten darauf, wie sich das Virus bei uns - auf der nördlichen Hemisphäre - im Laufe des Jahres ausbreiten und entwickeln könnte.

Aktuell ist es laut Studie außerdem wichtig, die Maßnahmen zur Eindämmung, wie Händewaschen und Social Distancing auch im Sommer weiter einzuhalten.

RND

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