Zickenalarm, dauernd an Handy oder Konsole, Chaos im Zimmer: Wenn Kinder groß werden, nehmen Konflikte zu. Was ist erlaubt, was nicht? Eine Familie erzählt. Experten sagen „Nerven behalten“.

Lünen

, 27.11.2018, 10:14 Uhr / Lesedauer: 5 min

Kinder in der Pubertät wollen mehr Freiheiten. Eltern sind gefordert, die richtige Balance zu finden. Meist sind es in den Familien ähnliche Themen, die zu Diskussionen führen.

Paul ist 15, trägt Jeans mit Löchern und hängt gerne an der Play-Station ab. Fortnite heißt eines seiner Spiele. „Wenn ich mal anfange, kann ich lange davor sitzen.“ Paul geht in die neunte Klasse eines Gymnasiums, spielt Fußball seit er drei ist und hat schon lange ein Freundin. Ein smarter Typ, ruhig und sympathisch. Er sagt, dass seine Freunde mehr spielen dürften. Er würde das auch gerne. Das klassische Spannungsfeld. Viele Familien mit Kindern in dem Alter kennen diese Diskussion.

„Ohne Handy wäre es der Weltuntergang“

Carlotta (13) ist seine Schwester. Sie wirkt quirlig, redet mehr als ihr Bruder und sitzt in modischem Wollpulli und Jeans am Tisch. Ein aufgeschlossenes Mädchen, gern überall dabei. Carlotta liebt ihr Handy und ist in den sozialen Netzwerken unterwegs, auf Snapchat oder Instagram. Da postet sie Stories mit Bildern und zeigt beispielsweise ihre neuen Schuhe. 400 Follower interessieren sich dafür. Carlotta ist in der achten Klasse eines Gymnasiums. In ihrer Freizeit spielt sie ebenfalls Fußball im Verein. Sie sagt: „Wenn mein Handy mal weg ist, ist das ein Weltuntergang.“ In ihrer Klasse sind viele ältere Schüler, die Freundin darf länger chatten.

„Möchte nicht beste Freundin der Kinder sein“

Auf klare regeln setzt Mutter Katja (43), von Beruf Sozialpädagogin: In den Ferien dürfen ihre Kinder Medien länger nutzen, in der Schulzeit werden die Handys vor dem Schlafengehen einkassiert. Klingt rigoros. Katja sagt: „Bedürfnisorientierte Erziehung ist nicht meins. Ich möchte nicht die beste Freundin meiner Kinder sein, sondern Grenzen setzen und Werte vermitteln.“

Handy, Aufräumen, Sex: Wie Eltern und Kinder die Pubertät erleben

Für den Umgang mit Handy oder Tablett gibt es für Paul und Carlotta feste Regeln. © Dieter Menne

Als Paul zehn war, hat er mal probiert, ob das auch anders geht. Da spielte er eine Nacht durch. Am nächsten Tag musste er das Handy abends abgeben. Was die Mutter nicht ahnte: Er hatte ein altes Handy ausgegraben und mit dem neuen verbunden, so konnte er heimlich weiterspielen. Das flog auf. „Da war viel Zirkus in der Bude“, erinnert sich Katja.

Mit ihrem Mann Sascha ist sie sich zwar grundsätzlich einig. Die Kinder wissen aber genau: Er sanktioniert weniger. „Wenn das Handy weg muss, reagiere ich schon stinkig“, sagt Carlotta. Und doch können beide Kinder ihre Mutter verstehen: „Ich könnte ja auch mal ein Buch lesen“, so Carlotta.

Sozialpädagoge: „Faustregel gibt es nicht“

Handy einkassieren, ist das die Lösung? Rafael Holtwick ist Sozialpädagoge in der Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder des Caritasverbandes Lünen, Selm und Werne. Pubertät und alle Fragen drumherum seien dort ein Dauerthema, weil Kinder anfangen, sich selbst zu suchen und ihre eigenen Wege zu gehen. Das geht nicht immer stressfrei. Manche Familien fühlen sich überfordert.

Handy, Aufräumen, Sex: Wie Eltern und Kinder die Pubertät erleben

Rafael Holtwick ist als Diplom-Sozialpädagoge in der Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder des Caritasverbandes Lünen-Selm-Werne tätig. Sein Tipp an Eltern: „Nur Mut“. © Magdalene Quiring-Lategahn

„Eine Faustregel, wie Eltern sich verhalten sollen, gibt es nicht“, sagt Rafael Holtwick. Eltern seien unterschiedlich tolerant. Regeln müssten zur Familie und ihrer Lebenssituation passen. Eltern könnten ihr Handeln in Sachen Mediennutzung aber daran festmachen, ob ihre Kinder sportliche Aktivitäten zurückschrauben oder sich aus dem normalen Leben zurückziehen.

Faszination Handy: „Ein Spritzer Glück“

Psychotherpeut Dr. Christian Lüdke sieht das Handy als tolles Kommunikationsmittel. Aber er sagt klar: „Eltern sollten frühzeitig Regeln einführen und Vorbild sein.“ Mit dem Handy in der Hand dem Kind sagen, es solle es weglegen, das funktioniere nicht.

Handy, Aufräumen, Sex: Wie Eltern und Kinder die Pubertät erleben

Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke rät zu festen Handy-Zeiten: Nicht beim Essen und nicht im Bett. © Beate Rottgardt (A)

Eine Regel könnte sein: Kein Handy beim Essen oder, wie es auch Katja praktiziert, möglichst kein Handy im Schlafzimmer, auch nicht als Wecker. Lüdke erklärt die Handy-Faszination so: „Jeder Handy-Pieps aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn.“ Es sei quasi ein „Spritzer Glück“. Er plädiert für festgelegte Zeiten. „Bestrafungen funktionieren nicht.“ Eltern sollten bedenken, dass die Gruppe der Gleichaltrigen in dieser Lebensphase für ihre Kinder wichtiger ist als die Eltern.

Sklaven eigener Hormone

Ein vertrauenvolles Verhältnis zu pflegen, nicht immer gelingt das Eltern und Kindern in dieser Zeit. Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüche der Pubertierenden erschweren das. Doch es gilt, sie auszuhalten, so Lüdke. „Jugendliche sind Sklaven ihrer eigenen Hormone“, erklärt er. Zwischen 12 und 21 Jahren heiße es „wegen Umbau geschlossen.“ Da müssten Eltern die Nerven behalten. Wichtig sei, möglichst vertrauensvoll miteinander umzugehen. Es helfe, etwas zusammen zu unternehmen: Beispielsweise gemeinsam ins Restaurant zu gehen und dort einen Handy-Turm zu bauen. Wer zuerst ans Handy geht, zahlt die Runde.

Die erste Liebe, der erste Sex

Es ist nicht nur das Handy, das für Konflikte sorgt. Paul hat schon länger eine Freundin. Gemeinsam übernachten? Katja zieht eine klare Linie: In diesem Alter noch nicht, auch wenn andere Jugendliche das dürfen. „Da ist Mama sehr seltsam“, kommentiert Paul.

Das Thema erste Liebe und Sex sei immer auch eine Frage der Wertehaltung der Eltern, oft auch der Religiosität, so Rafael Holtwick. Manche Eltern sagen, sollen die Kinder doch ihre Erfahrungen machen, berichtet er. Andere setzen eine Grenze. „Wichtig ist für Eltern, bei aller Nähe eine eigene Position zu behalten.“

Unterschiedliche Positionen

Die ist für Christian Lüdke eine andere als für Katja. Aus dem Thema Sex „sollten sich Eltern `raushalten. Sex ja, aber nicht ohne Kondome“, ist seine Auffassung. Die unterschiedlichen Positionen zeigen, was Holtwick meint: Sichtweisen sind anders, ganz individuell. Eines schränkt Lüdke allerdings ein: Kritisch werde es, wenn die Tochter minderjährig und der Freund deutlich älter sei. Da kämen dann Themen wie Kindeswohlgefährdung und Missbrauch ins Spiel. Solange die Jugendlichen im gleichen Alter seien, spiele das keine Rolle.

Rauchen und trinken: Reichlich Stoff für Zoff

Partys, Alkohol, rauchen oder schminken? Es gibt reichlich Stoff für Zoff. Bei Paul und Carlotta allerdings weniger. „Würde ich nicht machen“, sagt Carlotta. Obwohl sie jemanden kennt, der mit 13 raucht. Katja fährt auch hier die strenge Linie. „Schminken, rauchen, trinken, das diskutiere ich gar nicht.“ Bei Alkohol sagt auch Christian Lüdke „null Toleranz“. Auf Partys nicht unter 16 Jahren, „und niemals bei Jugendlichen in ein Auto steigen, wenn sie getrunken haben“, appelliert er. Eltern sollten den Kindern dann lieber Taxigeld mitgeben. Die Risikobereitschaft von Jugendlichen sei unter Alkoholeinfluss zu hoch.

Streitpunkt Chaos im Zimmer

Chaos im Zimmer ist in vielfach ein Streitpunkt. Auch bei Carlotta. Wenn sie nicht aufräumt, wird Katja ungemütlich. „Dann muss sie früher nach Hause, dann kommen schon mal Sachen weg oder ich lege ihr Anziehsachen ´raus.“ Carlotta erinnert sich: „Das war mal ein ganz schlimmes T-Shirt.“

Handy, Aufräumen, Sex: Wie Eltern und Kinder die Pubertät erleben

Trotz mancher Meinungsverschiedenheiten sehen Paul (15) und Carlotta (13) das Familienleben ganz entspannt. Das findet auch Mutter Katja (43). © Dieter Menne

Interessant sei, dass Jugendliche mit Chaos-Zimmer bei Gastfamilien sehr ordentlich sein können, schildert Christian Lüdke. Zuhause herrschten andere Gesetzmäßigkeiten. Sein Tipp: „Einfach nicht mehr ins Zimmer gehen.“ Katja sieht das anders. Ein unaufgeräumtes Zimmer hat für sie auch etwas mit Respektlosigkeit Dingen gegenüber zu tun. „Das mag ich nicht.“ Genauso wenig, wie Vereinbarungen nicht einhalten. Sollte ich um 18 Uhr losfahren oder zuhause sein? Carlotta reizt das schon mal gerne aus.

Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz

Grenzen setzen, Grenzen einhalten. Wie geht das praktisch? „Man kann erst mal an die Vernunft appellieren. Je älter die Kinder werden, desto wichtiger ist ein Aushandeln“, sag Rafael Holtwick. Mit einer 11-Jährigen gehe man anders um als mit einer 16-Jährigen. Er hält Pubertät für einen ganz normalen Prozess, bei dem es holpert und auch zu Spannungen kommt. Das sei immer so gewesen. Junge Menschen, die sich finden wollen, bräuchten dieses Anstoßen an Grenzen. Für Eltern sei diese Phase eine Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Beziehung und Grenzsetzung.

Experte: Humor und Toleranz helfen

Er rät Eltern: „Seien sie authentisch und ein Gegenüber für Ihre Kinder.“ Holtwick setzt auf Toleranz. „Erinnern Sie sich, wie Sie selbst in diesem Alter waren. In Sachen Klamotten hilft manchmal auch ein Blick auf ein altes Foto.“ Ein weiterer Tipp ist Humor. Nicht alles bierernst nehmen, auch mal darüber lachen. Als Beispiel zitiert er einen Dialog: Tochter: „Du bist gemein.“ Vater: „Ich bin gerne gemein. Ich musste lange üben, um so gemein zu sein.“ So könne man eine Ebene finden, auf der man lachen kann. Oft helfe es auch, sich mit anderen Eltern auszutauschen und gemeinsam über etwas zu lachen.

Kinder sehen Familienleben entspannt

Paul und Carlotta sehen trotz mancher Konfliktpunkte ihr Familienleben ganz entspannt. Alles in allem laufe es gut. Beim Thema Urlaub beispielsweise dürfen sie mitreden. Als es ihnen nach mehrfachen Aufenthalten auf Mallorca langweilig wurde, ging es nach Kreta. „Einmal im Jahr zusammen gemeinsam Urlaub. Da muss es dann auch für alle passen“, sagt Katja.

Rafael Holtwick gibt allen Eltern mit auf den Weg: „Nur Mut.“ Eltern seien prädestiniert dafür, diese Lebensphase mit ihren Kindern zu schaffen, auch wenn sie nicht konfliktfrei sei.

  • Die Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Erwachsene des Caritasverbandes Lünen-Selm-Werne hilft Eltern und Familien, aber auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei Problemen.
  • Ein Erstgespräch findet innerhalb von 14 Tagen nach der ersten Anfragen statt. Es ist vertraulich und kostenlos.
  • Kontakt: Graf-Adolf-Straße 23-25, 44534 Lünen, Tel. (02306) 7004-24., E-Mail: eb@caritas-luenen.de
  • Öffnungszeiten: Mo-Do 8.30-12 Uhr und 13.30-17 Uhr, Fr 8.30-12.30 Uhr.
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