GEW über Schulöffnungen: „Sehr großes Misstrauen gegenüber der Politik“

Coronavirus

Lehrer stehen angesichts der Corona-Situation in Schulen im Kreuzfeuer der Kritik Ilka Hoffmann, Schulbeauftragte der GEW, erklärt im Interview, warum sie vor allem der Politik Vorwürfe macht.

13.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 7 min
Viele Lehrer hätten mehr Mitspracherecht bei den Entscheidungen in der Coronakrise gewünscht.

Viele Lehrer hätten mehr Mitspracherecht bei den Entscheidungen in der Coronakrise gewünscht. © picture alliance/dpa

Frau Hoffmann, Sie stehen als Schulbeauftragte des GEW-Bundesvorstands im täglichen Austausch mit den Lehrkräften hierzulande. Schildern Sie doch bitte mal ein paar aktuelle Eindrücke von der „Lehrerfront“.

Die Lehrerschaft ist gespalten. Wir bekommen sehr, sehr unterschiedliche Rückmeldungen. Wir haben zum einen Grundschullehrerinnen, die sehr glücklich sind, dass sie ihre Kinder jetzt wiedersehen, dass sie ein Stück weit Normalität haben, die sich in den vergangenen Wochen auch um viele Kinder Sorgen gemacht haben, weil sie sie nicht erreichen konnten, die auch Schwierigkeiten hatten, gerade die kleineren Kinder mit Onlineangeboten zu erreichen. Das hat natürlich auch ein bisschen etwas mit der Berufshaltung zu tun. Ich bin ja auch selbst als Grundschullehrerin gestartet und kann das durchaus nachempfinden. Das Ganze mischt sich aber natürlich mit großen Sorgen und Ängsten. Das ist also eine ganz widersprüchliche Gemengelage.

Woran liegt das?

Sicher auch daran, dass die Virologen ganz widersprüchliche Studien herausgegeben haben. Einerseits sind Kinder Überträger, andererseits dann wieder nicht. Immerhin sind ja auch schon Schulen wieder geschlossen worden wegen Coronafällen. Da kommt dann gleich wieder die Angst vor dem totalen Shutdown. Die eigene Ansteckung ist natürlich auch ein Thema, bringt man das Virus möglicherweise in die eigene Familie? Und dann ist es für die Lehrkräfte natürlich äußerst befremdlich, dass überall noch mit dem Mund-Nasenschutz rumgelaufen wird, beim Einkaufen und in Bus und Bahn, überall gibt es Abstandsregelungen, die nun in den Schulen aufgehoben werden sollen.

Da entsteht vermutlich ein sehr paradoxes Bild?

Da besteht seitens der Lehrer ein ganz, ganz großes Misstrauen gegenüber der Politik, ob man da die Schule nicht sogar zu einem Versuchsfeld macht. Mediziner sagen ja sogar ganz offen, dass man in der Schule das Infektionsgeschehen gut beobachten kann. Da fühlen sich die Lehrkräfte aktuell überhaupt nicht wertgeschätzt, auch Erzieher nicht. In der Öffentlichkeit herrscht ja ohnehin das allgemeine Lehrerbashing, so nach dem Motto: „Digitalisierung haben sie nicht hinbekommen, jetzt wollen sie sich auch noch drücken.“ Es gibt natürlich auch überall schwarze Schafe, aber die meisten haben auch deutlich mehr gearbeitet, haben sich ungeheuer verausgabt, müssen aber ständig dieses Bashing lesen und dann noch solche Aussagen von Virologen: „Das ist schön, da öffnen wir mal und schauen in der Schule, wie die Infektionsrate sich so entwickelt.“

Ilka Hoffmann  gehört zum Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und verantwortet dort den Bereich Schule.

Ilka Hoffmann gehört zum Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und verantwortet dort den Bereich Schule. © picture alliance / dpa-tmn

Möglicherweise ja auch basierend auf der Annahme, dass es bei Kindern kaum schwere Infektionsverläufe gibt.

Lehrer und Erzieher fühlen sich aktuell schon als Menschen zweiter Klasse von der Politik behandelt. In manchen Bundesländern sind sie zwar mehr in Entscheidungen eingebunden, in anderen Bundesländern wiederum gar nicht. Den Rückenwind für Lehrkräfte, wie beispielsweise in Skandinavien, den haben wir in Deutschland traditionell nicht. Hinzu kommt, dass wir vorgegebene Mikro- und Makrostrukturen wie Notengebung, zu große Klassen und Zeitmangel haben, die Beschämungen und Herabsetzungen von Kindern begünstigen. Von daher haben viele einen Hass auf die Schule oder gar noch eine Rechnung offen. Und die Lehrer müssen ja als Bedienstete das exekutieren, was von oben beschlossen wird. Das ist so widersprüchlich wie der ganze Beruf. Die Lehrkräfte werden quasi immer wieder ins offene Messer laufen gelassen, die Konflikte, die politisch verursacht sind, auszubaden. Dabei gibt es eine zunehmende Zahl an Lehrern, die sich die Schule anders wünscht und das auch im Rahmen der Möglichkeiten umsetzt. Aktuell erschweren die Rahmenbedingungen aber eine zugewandte Pädagogik.

Wie könnte es besser gehen – auch im Hinblick auf die coronabedingten Umstände?

Ich würde mir wünschen, dass wir jetzt vor den Sommerferien, wenn Unterricht nur bedingt möglich ist – immerhin sind ja auch viele Kinder durch die Krise ziemlich durch den Wind und können ohnehin nicht so viel nachholen –, die Zeit nutzen, um in erster Linie die Lehrkräfte für Planungsgespräche in die Schule zu holen und für die Kinder den Mix an Präsenz- und Fernunterricht beizubehalten, damit wir an verschiedenen Szenarien arbeiten können, sprich: Was passiert, wenn es wieder zu einem Lockdown kommt? Wie kann eine Normalisierung von Schule anfangen?. Außerdem sollte verstärkt darüber nachgedacht werden, wie man Jugendhilfe und Schule besser vernetzen kann, um die Kinder zu erreichen, die es in den vergangenen Wochen wirklich schwer hatten.

Wir waren zum Beispiel nicht zum KMK-Gespräch eingeladen, da waren lediglich Virologen und Bildungswissenschaftler. Die Gewerkschaften als Vertretung der Lehrerschaft wurden also nicht gehört.
Ilka Hoffmann, Schulbeauftragte der GEW

Was glauben Sie, wie viele Schüler prozentual hinten runtergefallen sind?

Auch da gibt es nur sehr widersprüchliche Informationen. Eine Kollegin aus Neukölln, die an einer Brennpunktschule tätig ist, hat berichtet, dass Kinder, die normalerweise gar nicht so gern lernen und in die Schule gehen, plötzlich eine richtige Panik bekommen haben, dass die Schule nicht stattfindet, weil die Schule ein Ort ist, an dem sie sich sicher fühlen. Gerade in diesen sogenannten Brennpunktschulen gibt es ja ein enges Verhältnis zu den Lehrkräften. Oft arbeiten da auch sehr engagierte Lehrkräfte und es gibt ausgefeiltere Konzepte – aus der Not heraus. Die Beziehung ist da enorm wichtig.

Andersrum gefragt: Wie viele Kinder konnten denn über das E-Learning erreicht werden?

Es hängt davon ab, inwiefern die Schulen materiell und professionell aufgestellt sind. Das ist auch sehr unterschiedlich. Was wir wissen ist, dass es etwa 20 Prozent Kinder gibt, die mit den Basiskompetenzen Probleme haben, sprich Rechtschreibung, Grundrechenarten, und die dadurch sehr viele Instruktionen und Hilfe brauchen. Um diese Kinder müssen wir uns Sorgen machen. Grundsätzlich hätte ich mir regional einen runden Tisch gewünscht, auch mit Eltern- und Schülervertretern, an dem man gemeinsam schaut: Wie ist die Schule von der Hygiene her aufgestellt? Wie viele Schüler konnten wir nicht erreichen? Wie könnte ein Konzept aussehen, das gerechter und inklusiver ist? Wo müssen wir in Sachen digitale Bildung nachsteuern? Stattdessen heißt es jetzt, kommt alle, macht alle. Hauptsache, die Kinder sind wieder auf den Füßen.

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Das klingt so ein bisschen nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“?

Der Blick auf Schule gefällt mir einfach nicht. Das ist halt irgendwie so eine Lehranstalt, da fülle ich die Schüler mit Wissen, fast so wie ein Fass, das jetzt aufgrund der Umstände nur halbvoll ist, also müssen wir da noch ein bisschen nachfüllen. Mit der Qualität von Bildung hat die aktuelle Diskussion nichts zu tun. Wir sollten besser über Chancengleichheit und Bildungsqualität in die Diskussion kommen. Auch über die Arbeitsbedingungen muss gesprochen werden. Und dann gibt es auch in der Krise eine Chance, die wird aktuell nicht genutzt, und das treibt mich um. Da ist dem Druck vieler Eltern und der Wirtschaft nachgegeben worden, ohne dass man an die grundsätzlichen Probleme des Bildungssystems herangegangen ist.

Mit der Qualität von Bildung hat die aktuelle Diskussion nichts zu tun. Wir sollten besser über Chancengleichheit und Bildungsqualität in die Diskussion kommen. Apropos „Versuch und Irrtum“: Wie ist denn der Stand in Sachen Hygienestandard aktuell in den Schulen? Zu Beginn der Pandemie hatten Sie ja von desolaten Zuständen gesprochen.
ILKA HOFFMANN, SCHULBEAUFTRAGTE DER GEW

Apropos „Versuch und Irrtum“: Wie ist denn der Stand in Sachen Hygienestandard aktuell in den Schulen? Zu Beginn der Pandemie hatten Sie ja von desolaten Zuständen gesprochen.

Es wurde ein bisschen nachgesteuert. Es gibt aber nach wie vor Schulen, in denen die Waschbecken nicht reichen, wo die Seife auch nicht nachgeliefert wird. Zum Teil stehen da so mobile Waschbecken auf dem Flur rum. Und dann gibt es nur lose Tücher, die auf einem Stapel liegen zum Händeabtrocknen. Die Kommunen haben sich bemüht, aber es wäre wirklich wichtig gewesen, dass es allgemeine Standards gibt, wie man ein Hygienekonzept entwickelt. Uns kommt es so vor, als ob die Politik vor allem die Belange von Eltern und Wirtschaft in den Blick nimmt, aber nicht mit denen spricht, die es vor Ort umsetzen müssen.

Wie gut lassen sich denn die Hygienemaßnahmen in den Schulen umsetzen?

Wichtig wäre, dass man auf die Erst- und Zweitklässler einen Blick wirft, auch auf den Übergang von der Kita in die Schule. Das geht bei dem aktuellen Infektionsgeschehen aber nicht so schnell. Da müssen Prioritäten gesetzt werden, und dazu muss man reden, die Politik mit Virologen, aber auch vor allem mit den Pädagogen.

Was aber offenbar nicht geschehen ist?

Wir waren zum Beispiel nicht zum KMK-Gespräch eingeladen (KMK = Kultusministerkonferenz, Anm. d. Red.), da waren lediglich Virologen und Bildungswissenschaftler. Die Gewerkschaften als Vertretung der Lehrerschaft wurden also nicht gehört. Das ist sehr bedauerlich. In einigen Bundesländern läuft das etwas besser. Wir sind ja sehr föderal aufgestellt.

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In anderen Ländern gibt es ja eine sehr viel engere Vernetzung von Bildungssektor und Politik. Als ewig leuchtendes Beispiel gelten die skandinavischen Länder. Gab es da einen Austausch in der Krise?

Einmal im Jahr gibt es immer einen internationalen Gipfel von der Bildungsinternationalen, da sind unter anderem die Gewerkschaften aus den OECD-Ländern präsent. Hintergrund dieses Treffens ist, dass die Regierungen, die Gewerkschaften und die OECD über die Bildung der Zukunft beraten. In der diesjährigen Videokonferenz gab es einen sehr interessanten Vortrag von Andreas Schleicher, dem Bildungskoordinator der OECD, wie Schulen überall auf der Welt mit der Coronakrise umgehen. Die größte Akzeptanz für die Maßnahmen der Bildungspolitik gab es in den Ländern, in denen es eine besonders enge Zusammenarbeit zwischen Bildungsgewerkschaft und Regierung gegeben hat.

Die größte Akzeptanz für die Maßnahmen der Bildungspolitik gab es in den Ländern, in denen es eine besonders enge Zusammenarbeit zwischen Bildungsgewerkschaft und Regierung gegeben hat.
ILKA HOFFMANN, SCHULBEAUFTRAGTE DER GEW

Welche Länder waren das?

Tatsächlich waren es wieder die skandinavischen Länder, die die Zufriedenheitsskala angeführt haben. In den meisten skandinavischen Ländern wurde engmaschig mit den Lehrkräfteverbänden und Gewerkschaften besprochen und austariert. Da gab es zwar auch große Schulöffnungen, aber die Akzeptanz ist größer. Und Akzeptanz ist eine wichtige Basis, um Maßnahmen auch umzusetzen.

Gab es da auch landesweite Standards, die es ja hierzulande aufgrund des Föderalismus so nicht gibt?

Die haben es natürlich etwas einfacher. Das sind kleine Länder, auch von der Einwohnerzahl her. Sie haben eine zum Teil demokratischere Mentalität, und sie haben ein zentrales Schulsystem. Das ist natürlich bei uns etwas anderes. Hier ist es total unterschiedlich, je nach Bundesland. Es wäre aber schön, wenn es von Seiten der KMK auch eine Art Monitoring geben würde, sprich sich die Kultusminister der Länder Gedanken darüber machen würden, welche Empfehlungen sie den Ländern mit auf den Weg geben können.

Wäre es möglicherweise sogar besser gewesen, hätte es beizeiten verbindliche Standards von höchster Stelle gegeben, auch wenn das föderale System damit ein Stück weit aufgeweicht worden wäre?

Standards ja, einheitliche Regelungen nein, weil das Infektionsgeschehen und die Lage vor Ort doch sehr unterschiedlich ist. Das gilt sowohl fürs Bauliche als auch fürs Materielle, für Lehrkräftefortbildungen, den Stand der Digitalisierung und letztlich die unterschiedlichen Schulsysteme. Einheitliche Regelungen wären da schwer umzusetzen. Was aber helfen würde, wäre eine Art Checkliste: Was muss hygienisch gegeben sein? Wie können wir mehr Chancengleichheit herstellen? Benchmarks, die für alle gelten, hätten uns sehr geholfen, und dann wäre es auch nicht zu so einem Hin und Her wie in NRW etwa gekommen. So etwas hätte man durch Kommunikation und das Aufstellen kluger Kriterien verhindern können.

So ein Hin und Her wie in NRW etwa hätte man durch Kommunikation und das Aufstellen kluger Kriterien verhindern können.
ILKA HOFFMANN, SCHULBEAUFTRAGTE DER GEW

Warum ist denn hierzulande die Bereitschaft so gering, sich etwas von Ländern abzuschauen, in denen es besser läuft?

Es gibt so eine deutsche Arroganz. Wir sollten uns lieber mal besser selbst reflektieren, statt uns immer nur zu loben und darauf hinzuweisen, was sich andere Länder von uns abschauen. Das würde dem deutschen Wesen mal ganz gut tun. Ich war zwar kein Fan der DDR, aber sie hatten ein Schulsystem, das man mit einer kleinen Erweiterung in Sachen Inklusion durchaus hätte demokratisieren können. Die Finnen haben etwa die polytechnische Oberschule aus der DDR übernommen und nicht unser Schulsystem aus dem Westen. Sie waren damit erfolgreich. Und da hätte man auch damals mehr in den Dialog zwischen Ost und West gehen müssen. Dialog, Wertschätzung und Selbstkritik, das wären so drei Punkte, die uns in Deutschland wirklich mal in Sachen Bildung nach vorne bringen könnten.

Also an dem Punkt „Schulöffnung jetzt und für alle“, da sind wir noch lange nicht?

Dafür müssten erst mal verschiedene Szenarien in den Blick genommen werden. Wenn jetzt Schulen coronabedingt wieder zumachen müssen, dann sind wieder jene Kinder benachteiligt, die es schon die ganze Zeit waren – weil es an Konzepten fehlt. Das ist ein Schnellschuss, der uns noch mit dem Recht auf Bildung verkauft wird.

Wir sollten uns lieber mal besser selbst reflektieren, statt uns immer nur zu loben und darauf hinzuweisen, was sich andere Länder von uns abschauen. Das würde dem deutschen Wesen mal ganz gut tun.
ILKA HOFFMANN, SCHULBEAUFTRAGTE DER GEW

Für Eltern wird die unausgereifte Situation allerdings auch mehr und mehr zur Belastung …

Das stimmt sicher, deswegen müssen die Präsenzphasen in den Schulen auch so gestaltet sein, dass die Zeit des Fernlernens möglichst selbstständig bewältigt werden kann und Eltern möglichst entlastet werden. Das ist aber eine herausfordernde Aufgabe, die gut vorbereitet werden muss. Auch hierfür braucht es Zeit und eine breite Unterstützung für die Schulen, sonst wird es immer wieder Reibungsverluste geben!

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