Fünf Fotografen zeigen Umbrüche im Ruhrgebiet

Museum unter Tage

Einen Schatz hat Rodolf Holtappel der „Situation Kunst“ nach seinem Tod 2013 mit 90 Jahren hinterlassen: 150 Ruhrgebiets-Fotografien hat die Witwe des Fotografen dem Bochumer Museum geschenkt. 110 davon sind nun in der Ausstellung „Umbrüche“ im Museum unter Tage in dem wunderschönen Kunst-Park in Bochum-Weitmar zusammen mit Fotos von Holtappels Kollegen zu sehen.

BOCHUM

von Julia Gaß

, 05.09.2017, 17:26 Uhr / Lesedauer: 2 min
Fünf Fotografen zeigen Umbrüche im Ruhrgebiet

„Die letzte Schicht“ fotografierte Rudolf Holtappel 1964 in Oberhausen. Stiftung Situation Kunst © KOCH/KGI

Es sind fantastische, oft fast malerische Aufnahmen, für die Holtappel zwischen 1959 und den 70er-Jahren das Ruhrgebiet wie ein Chronist bereist hat. Viel in Oberhausen, wo er auch Theaterfotograf war, hat der Bildjournalist und Künstler fotografiert.

Und immer komponiert der Menschen in den Industriekulissen. Ruß weht über viele Fotos, aber Holtappel zeigt die schönen Seiten des Staubs und Drecks – selbst dann noch, wenn weiße Wäsche vor der Zechentür und Schloten weht. Fast Caspar-David-Friedrich-Atmosphäre hat diese Fotografie.

Das Besondere im Alltag



Ein Rundgang durch die Ausstellung ist für ältere Besucher ein Spaziergang in die Kindheit, wo Jungs in kurzen Hosen vor der Trinkhalle spielen, Kumpel am Zechenhaus-Zaun plauschen, Flamingos im Dortmunder Westfalenpark vor der Hochofenkulisse stehen oder Menschen an Maschinen malochen. Stillleben vor Backsteinmauern zeigt Holtappel und konserviert und dokumentiert damit eine vergangene Zeit. Das haben auch Bernd und Hilla Becher getan, die in dieser Ausstellung mit einer Reihe von Hüttenwerks-Foto vertreten sind.

Kein nostalgischer Rückblick auf die Zechenvergangenheit soll die Ausstellung sein, sondern Denkanstöße geben, wie sich die Region verändert hat. Bis 2018 ist die Schau zu sehen – also noch in dem Jahr, in dem im Ruhrgebiet die letzte Zeche schließt.

Beitrag zum Strukturwandel

Diese „Umbrüche“ sind auch ein Beitrag zum Strukturwandel, denn die Fotografen Joachim Brohm und Jitka Hanzlová zeigen ein ganz anderes Bild vom Revier. Farbig ist das, sonniger und idyllisch, mit viel Natur. Joachim Brohm hat in den 80er-Jahren fotografiert und zeigt das Freizeitleben im Ruhrgebiet: Menschen am Kanal und beim Eislaufen unter Autobahnbrücken.

Noch einen anderen Zugang hat Jitka Hanzlová zu ihrer neuen Heimat Essen gefunden. Vor 35 Jahren ist sie aus der Tschechoslowakei geflohen und hat, weil sie kein Deutsch sprechen und verstehen konnte, durch die Kameralinse das Revier erkundet. Entstanden sind Fotos, die nicht das Spektakuläre zeigen, sondern auf meist menschenleeren Bildern in unauffälligen Alltagssituationen das Besondere gefunden haben. Oft sind das Bäume.

Zwei Videos aus der Zechenvergangenheit

Zwei Videos illustrieren akustisch die Zechenvergangenheit: Marco Kugel zeigt die Folgen einer Werksschließung in Duisburg, und Bildhauer Richard Serra dokumentiert die Entstehung der Skulptur „Berlin Block for Charlie Chaplin“, die in der Henrichshütte Hattingen geschmiedet wurde.

Eröffnet wird die sehenswerte Ausstellung heute um 18 Uhr – am Geburtstag des 1988 verstorbenen Bochumer Kunsthistorikers Max Imdahl, dessen schriftlicher Nachlass in der „Situation Kunst“ archiviert ist.

Situation Kunst: „Umbrüche“ – Fotografien von Rudolf Holtappel, Bernd und Hilla Becher, Joachim Brohm und Jitka Hanzlová, 6.9. (Eröffnung um 18 Uhr) bis 25.3., Schlossstraße 13 in Bochum, Mi-Fr 14-18 Uhr, Sa/So/Feiertage 12-18 Uhr. Katalog: 32 Euro.

www.situation-kunst.de

Situation Kunst: „Umbrüche“ – Fotografien von Rudolf Holtappel, Bernd und Hilla Becher, Joachim Brohm und Jitka Hanzlová, 6.9. (Eröffnung um 18 Uhr) bis 25.3., Schlossstraße 13 in Bochum, Mi-Fr 14-18 Uhr, Sa/So/Feiertage 12-18 Uhr. Katalog: 32 Euro. www.situation-kunst.de