Fall Amad A.: Sachverständige weist auf Fehler in Polizeisoftware hin

Amad A.

Im Fall des unschuldig eingesperrten Syrers Amad A. gab es möglicherweise einen erheblichen Fehler in der NRW-Polizeisoftware, sagt eine Sachverständige. Sie wehrt sich zugleich gegen die Kritik an ihr.

Düsseldorf/Kleve

16.06.2020, 05:44 Uhr / Lesedauer: 2 min
Im Fall des unschuldig eingesperrten und zu Tode gekommenen Syrers Amad A. hat eine Sachverständige auf einen Fehler in der NRW-Polizeisoftware Viva hingewiesen.

Im Fall des unschuldig eingesperrten und zu Tode gekommenen Syrers Amad A. hat eine Sachverständige auf einen Fehler in der NRW-Polizeisoftware Viva hingewiesen. © picture alliance/dpa

Im Fall des unschuldig eingesperrten und zu Tode gekommenen Syrers Amad A. hat eine Sachverständige auf einen Fehler in der NRW-Polizeisoftware Viva hingewiesen. Dieser Fehler könne die Verwechslung des Syrers mit einem Afrikaner mitverursacht haben, schreibt die Datenforensikerin in einem Brief, der der dpa vorliegt, an den zuständigen Untersuchungsausschuss des Landtags.

Auf den Fehler seien Landesbehörden bereits im Februar 2018 hingewiesen worden. Bei der Polizei in Kleve sei damals aufgefallen, dass bei zwei zufällig gleichen Namensfragmenten ein sogenannter Kreuztreffer angezeigt worden sei. Die Polizei Kleve habe damals gewarnt, dass dies zu unrechtmäßigen polizeilichen Maßnahmen führen könne. Der Fehler sei aber erst nach der Inhaftierung von Amad A. behoben worden.

Sachverständige wehrt sich

Zugleich kritisierte die Sachverständige den Umgang mit ihr. Sie sei einstimmig vom Untersuchungsausschuss als sachverständige Zeugen geladen und für ihre Arbeit nicht finanziell honoriert worden. Dennoch sei sie danach unfair angegriffen worden. „Ich verwahre mich nachdrücklich gegen die Diskreditierung meiner Person“, schreibt sie in einem Brief an den Ausschussvorsitzenden Jörg Geerlings (CDU).

Die Behauptung der CDU-Fraktion, ihrer Arbeitsergebnisse seien widerlegt, weist sie zurück. Die „beratende“ Softwarefirma, die dafür von der CDU angeführt werde, sei in Wirklichkeit der verantwortliche Hersteller des fehlerhaften Systems. Das Unternehmen kassiere für sechs Jahre Wartung des Systems 27,7 Millionen Euro und sei alles andere als unabhängig. Der Öffentlichkeit werde ein falsches Bild der Fakten vermittelt.

„Ich bin über den respektlosen Umgang mit der Zeugin schon lange sehr unglücklich“, sagte SPD-Obmann Sven Wolf auf Anfrage. „Solche Angriffe auf die Integrität einer ausgewiesenen Expertin habe ich noch nicht erlebt. Dass unangenehme Zeugenaussagen verächtlich gemacht werden sollen, scheint offensichtlich.“

Verwechslung von Amad A. und Amedy G.

„Die öffentlichkeitswirksame Anfeindung von Sachverständigen, die ihre Expertise und ihre Zeit für die Aufklärung komplexer und wichtiger Sachfragen opfern, ist stillos und unangemessen“, kritisierte auch der Obmann der Grünen, Stefan Engstfeld. „Wir sind auf unabhängige Sachverständige angewiesen.“

Statt sich mit dem Gutachten der Expertin sachlich auseinanderzusetzen, berufe man sich für ihre „Vernichtung“ auf ein Gutachten ausgerechnet der Akteure, deren Handeln zu untersuchen sei.

Der Syrer war den bisherigen Ermittlungen zufolge im Juli 2018 irrtümlich wegen eines Haftbefehls eingesperrt worden, der für den dunkelhäutigen Amedy G. aus Mali galt. Der hellhäutige Amad A. hatte wochenlang in Kleve unschuldig im Gefängnis gesessen und schließlich in seiner Zelle selbst Feuer gelegt. Dabei erlitt er so schwere Verbrennungen, dass er im September 2018 in einer Klinik starb.

dpa

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