Erwin Wurm präsentiert Riesen-Pulli und Moppel-Porsche

Doppel-Ausstellung in Duisburg

Das Museum Küppersmühle in Duisburg zieht sich warm an. Ein über 90 Meter langer und fünf Meter hoher Strickpullover bedeckt die Wände. Der Riesen-Pulli ist ein Werk von Erwin Wurm - ebenso wie ein Porsche mit Speckröllchen, der in der zweiten Hälfte der Ausstellung im Duisburger Lehmbruck-Museum steht. Der Bildhauer Erwin Wurm in gleich zwei Häusern - das dürfte der Kunst-Hit dieses Sommers werden.

DUISBURG

, 05.07.2017, 18:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der 62-jährige Erwin Wurm ist ein Weltstar. Derzeit vertritt der Österreicher sein Land bei der Biennale von Venedig. Eine Ausstellung in New York ist gerade beendet. Dass die zwei wichtigsten Duisburger Museen - das Lehmbruck-Museum liegt in der Innenstadt, die Küppersmühle am Innenhafen - Wurm ab Freitag (7.7.) präsentieren können, ist eine kleine Sensation und eine Doppel-Ausstellung der Sorte "Muss man gesehen haben".

Der Direktor ist sichtlich stolz

Walter Smerling als Direktor des Museums Küppersmühle war denn auch sichtlich stolz auf den 400 Quadratmeter großen Riesen-Pulli und fühlte sich gleich an den berühmten "Teppich von Bayeux" aus dem Mittelalter erinnert.

Nun ja. Das war vielleicht etwas hoch gegriffen. Aber der gigantische Wandpullover, der Kosten wegen in Bangkok an Maschinen gestrickt, ist wirklich spektakulär. Alle paar Meter hängen ein Ärmel oder ein Rollkragen herab.

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Erwin Wurm in Duisburg

Gleich zwei Duisburger Museen widmen dem Kunst-Star Erwin Wurm eine Retrospektive mit Arbeiten aus den letzten 25 Jahren. Eine Ausstellung, die man gesehen haben muss.
05.07.2017
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Der östereichische Künstler Erwin Wurm stellt in zwei Duisburger Museen aus. Der riesige Boxhandschuh steht vor dem Museum Küppersmühle.© Foto: Jäger
Besonders interessant ist der Wandpullover, der im Inneren etwa die Hälfte der Wände verhüllt. © Foto: dpa
Ab und zu hängt ein Ärmel herab.© Foto: Jäger
Einen roten Wandpullover gibt es auch. "Sex" heißt der Titel. © Foto: Jäger
Der Künstler erklärt seine Arbeit sehr ernsthaft und mit Bedacht. © Foto: Jäger
"Kastenmänner" heißen diese Herren ohne Kopf. © Foto: Jäger
Im Lehmbruck-Museum hat der Künstler drei Räume mit einer Tapete gestaltet, die ihn selbst zeigt. Hier befinden sich die "Drinking Sculptures". © Foto: Jäger
"Fat Convertible" (fettes Cabriolet) entstand 2005. © Foto: Jäger
Von vorne sieht man, dass es einst ein Porsche war. © Foto: Jäger
Auch die Sitze wirken so aufgepumpt, dass hier niemand mehr sitzen kann. © Foto: Jäger
Die Arbeit "Land der Berge" bezieht sich auf die österreichische Bundeshymne - und den Müll, den der Künstler in der Natur gefunden hat.© Foto: Jäger
"The Artist who Swallowed the World" heißt diese Arbeit - der Künstler, der die Welt verschluckt hat. Man sieht´s. © Foto: Jäger

Überhaupt sind Ausstellungen von Erwin Wurm ein echte Erfahrung, weil sie witzig, irritierend und bissig zugleich sind. Vor allem die Auswüchse unserer Gesellschaft, ihre Verfettung durch Konsum oder Kalorien nimmt er wörtlich. Sein "Fat Convertible" steht im Lehmbruck-Museum: Ein Moppel-Porsche mit Speckröllchen, zugeschwollenen Scheinwerfern und so dicken Ledersitzen, dass kein Fahrer mehr hineinpasst. "Wir mussten dafür einen echten Porsche kaufen", erzählte Wurm, "dann haben wir ihn mit Polyester verändert." Jetzt steht da ein böser Kommentar zu Angeberkarren aller Art.

Auch der menschliche Körper ändert das Volumen

Auch die Volumenänderungen menschlicher Körper - oder anders gesagt: das Dickwerden - beschäftigt Erwin Wurm, der selbst ganz schlank ist. In einer Art Tagebuch hat er den Weg von "Konfektionsgröße 50 bis 54 in acht Tagen" festgehalten. Einer der Tipps: "Liegend lesen oder fernsehen, dazwischen zwei Tafeln Milchschokolade."

Wurms "Drinking Sculptures" dagegen enthalten eine Flasche Alkohol. Der Besucher soll in die umgedrehten Möbel hineinsteigen und sich einen Wodka hinter die Binde gießen. Zur Aktivität rufen auch die "One Minute Sculptures" auf. Der Betrachter stellt sich nach der hingekritzelten Anweisung des Künstler etwa einen Stuhl auf den Fuss, Selfies sind erlaubt. Höchst amüsant ist das "Land der Berge", benannt nach der österreichischen Bundeshymne. Im Lehmbruck-Museum hat Wurm 55 braune Bronzehaufen auf Sockel gestellt und Müll in das edle Material gedrückt, den er in der Natur gefunden hat - Müllberge ganz neuer Art.

Ist das nun das Scherz, Satire oder tiefere Bedeutung? Ein bisschen von allem. "Ihn interessiert die Gegenwart. Er beobachtet sie präzise", sagte Söke Dinkla als Direktorin des Lehmbruck-Museums und nannte die Arbeiten gestern eine "beißende Kritik an der spätkapitalistischen Gesellschaft."

Der Künstler wirkt so ganz anders als seine Arbeiten

Verblüffend ist allerdings, dass Erwin Wurm selbst ein ernster, gelassener, elegant wirkender Intellektueller ist, der nur selten in ein befreites Lachen ausbricht. Wir Besucher dagegen dürfen hemmungslos grinsen über die Tapete, die mehrere Wände im Lehmbruck-Museum ausfüllt und nur ein Motiv zeigt: Erwin Wurm selbst. Und manchmal eine Zeitung, die ihm im Hintern steckt. Was wir an dieser Stelle schreiben, dürfte ihm also ziemlich egal sein.

Die Ausstellung "Erwin Wurm" läuft in zwei Duisburger Museen, die sieben Autominuten voneinander entfernt sind: Museum Küppersmühle, Philosophenweg 55, 7.7.-3.9.2017, Mi 14-18, Do-So 11-18 Uhr. Lehmbruck-Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, 7.7.-29.10., Di-Fr 12-17, Sa/So 11-17 Uhr. Die Kombikarte kostet 12 (ermäßigt 10) Euro. Ein Katalog erscheint später.