Ermittlungen gegen Christian B.: So ist der Stand im Fall Maddie McCann

Kriminalität

Drei Monate ist es her, dass die Staatsanwaltschaft von einem neuen Tatverdächtigen im Fall Maddie berichtete. Die wichtigsten Antworten zu Maddies Verschwinden und den aktuellen Ermittlungen.

03.09.2020, 18:12 Uhr / Lesedauer: 3 min
Kate und Gerry McCann, Eltern der vor 13 Jahren verschwundenen Britin Madeleine McCann halten 2012 bei einem Suchaufruf das Foto ihrer Tochter.

Kate und Gerry McCann, Eltern der vor 13 Jahren verschwundenen Britin Madeleine McCann halten 2012 bei einem Suchaufruf das Foto ihrer Tochter. © picture alliance/dpa

Seit 13 Jahren gilt Maddie McCann als vermisst, vor drei Monaten präsentierten die Ermittler einen Tatverdächtigen: Christian B., zuletzt wohnhaft in Braunschweig, soll das Mädchen laut Staatsanwaltschaft getötet haben. Doch wie ist überhaupt der Stand der Ermittlungen? Warum wurde ein Grundstück in Niedersachsen durchsucht? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wo verschwand Maddie McCann?

Die damals dreijährige Madeleine McCann, auch Maddie genannt, verschwand am 3. Mai 2007 aus einer Appartementanlage in Praia da Luz (Portugal). Mit ihren Eltern und den Zwillingsgeschwistern machte sie in dem Ferienort Urlaub. Zum Tatzeitpunkt besuchten die Eltern mit drei befreundeten Paaren ein nah gelegenes Restaurant.

Alle 30 Minuten schauten sie abwechselnd nach den Kindern. Doch um 22 Uhr bemerkte die Mutter Kate McCann, dass Maddie nicht in ihrem Bett lag. Ein Fenster des Appartements habe laut ihrer Angaben offen gestanden, wie „Spiegel“ 2007 berichtete. Zuvor sei das Fenster geschlossen gewesen. Kate McCann rief die Polizei und meldete Maddie als vermisst.

Wie ist der aktuelle Stand der Ermittlungen?

Als das Mädchen verschwand, ging eine umfangreiche Suchaktion los. Hunderte Polizisten durchkämmten die Ferienanlage und den Urlaubsort. Eine internationale Suche wurde von den Eltern gestartet, aber keine Hinweise führten zu Maddie. Die portugiesische Polizei stellte die Ermittlungen nach 14 Monaten ein, fünf Jahre später starteten sie die Untersuchungen doch wieder. Auch die britische Polizei eröffnete 2011 weitere Ermittlungen.

All das half nichts, Maddie McCann gilt noch immer als vermisst. Bisher wurde keine Leiche gefunden: Allerdings glaubt die Staatsanwaltschaft Braunschweig nicht, dass das Mädchen noch lebend aufgefunden wird. „Wir gehen davon aus, dass das Mädchen tot ist“, sagte Staatsanwalt Hans Christian Wolters Anfang Juni in einer Pressekonferenz.

Wer ist tatverdächtig?

Der Hauptverdächtige im Vermisstenfall Maddie ist der deutsche Christian B. – der 43-Jährige wurde 1977 in Würzburg (Bayern) geboren. Weil der Verdächtige seinen letzten Wohnsitz in Braunschweig (Niedersachsen) hatte, ist die Staatsanwaltschaft Braunschweig mit dem Fall befasst.

B. lebte von 1995 bis 2007 regelmäßig an der Algarve, für einige Jahre in einem Haus nahe Praia da Luz. Im Raum Lagos soll er unter anderem in Restaurants gearbeitet haben. Zu dem Vorwurf, Madeleine McCann entführt und ermordet zu haben, äußerte sich der Verdächtige laut seinem Verteidiger jedoch nicht. Die Ermittler gehen weiterhin von seiner Schuld aus: „Nach den uns vorliegenden Erkenntnissen gehen wir von der Ermordung des Mädchens durch den Beschuldigten aus“, so Staatsanwalt Hans Christian Wolters zur Deutschen Presse-Agentur. Ziel der Ermittlungen sei es derzeit, den Tatverdacht zu erhärten.

Welche Vorstrafen hat Christian B.?

Christian B. hat ein langes Vorstrafenregister. Laut Berichten von „Bild“ und „Spiegel“ enthält seine Strafakte 17 Einträge, darunter ein Einbruch, mehrere Diebstähle, sexuelle Nötigung, Verbreitung kinderpornografischer Schriften, Körperverletzung und sexueller Missbrauch von Kindern. Der Verdächtige stellte ebenfalls selber Drogen her und verkaufte diese. Er sitzt mittlerweile das siebte Mal im Gefängnis, momentan in der JVA Kiel wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Im September 2005 soll er eine 72-jährige Amerikanerin in ihrem Haus in Portugal vergewaltigt haben. Damals fanden die Ermittler ein Haar auf dem Bettlaken des Opfers. Das Haar konnte mithilfe einer DNA-Untersuchung auf B. zurückgeführt werden. Das Landgericht Braunschweig hatte den 43-Jährigen Ende 2019 wegen Vergewaltigung und unter Einbeziehung früherer Strafen zu sieben Jahren Haft verurteilt. B. bestreitet die Tat, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Warum wurde bei Hannover eine Privatgartenanlage durchsucht?

Ende Juli durchsuchten Ermittler zwei Tage lang eine Privatgartenparzelle bei Hannover (Niedersachsen). Darüber berichtete zuerst die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ (HAZ). Christian B. soll nach Maddies Verschwinden in Hannover gelebt haben: Er soll in einem Kleinbus gewohnt und in einer Werkstatt nicht weit von dem durchsuchten Kleingarten gearbeitet haben.

Die Polizisten hatten auf dem verwaisten Grundstück das Erdreich mit einem Bagger, Spaten und Harken durchkämmt. Ein Spürhund kam in einem Hohlraum unter einer Bodenplatte zum Einsatz. Ob bei der zweitägigen Polizeiaktion etwas gefunden wurde, ist bislang unklar. Auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerk Deutschlands hieß es, dass die aktuellen Ermittlungen und möglichen Ergebnisse derzeit nicht kommentiert werden.

Wo lebte der Verdächtige noch?

Christian B. soll von Oktober 2013 bis April 2016 ebenfalls in einer Kleingartenanlage in Braunschweig gewohnt haben. Von einer Durchsuchung des Areals durch die Polizei ist allerdings nichts bekannt. In der Braunschweiger Gemeinde machte sich dennoch ein ungutes Gefühl breit, wie der Vorsitzende der Gartengemeinde, Jürgen Krumstroh, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) Ende Juli erzählte.

Doch B. habe während seines Aufenthalts einen guten Eindruck gemacht. „Er ist seinen Verpflichtungen nachgekommen.“ Nur der Auszug sei komisch gewesen: „Mittags kam die Kündigung, nachmittags war er weg“, so Krumstroh. Laut Berichten von „Bild“ und „RTL“ soll B. Mitte der 2010er-Jahre ein Grundstück in Neuwegersleben (Sachsen-Anhalt) erworben haben.

Wo befinden sich die Eltern des Mädchens?

Mutter Kate und Vater Gerry McCann wohnen mit ihren Zwillingen in Rothley in der britischen Grafschaft Leicestershire. Beide haben die Hoffnung bis heute nicht aufgegeben, ihre Tochter lebend zu finden. In einem Statement von Anfang Juni heißt es: „Alles, was wir je wollten, ist, sie zu finden, die Wahrheit aufzudecken und die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Wir werden nie die Hoffnung aufgeben, Madeleine lebend zu finden, aber wie auch immer das Ergebnis aussehen mag, wir müssen es wissen, denn wir müssen Frieden finden.“

Äußerten Maddies Eltern sich zu den neuesten Entwicklungen?

Obwohl Maddies Eltern sich am Anfang der Suchaktion regelmäßig in der Öffentlichkeit äußerten, geben sie mittlerweile nur wenige Interviews. Zu dem deutschen Verdächtigen wollen sie sich nicht äußern. So erklären sie in einem Statement: „Wie wir bereits mehrfach erklärt haben, werden wir keinen laufenden Kommentar zu den Ermittlungen abgeben – das ist die Aufgabe der Strafverfolgungsbehörden, und wir werden sie in jeder gewünschten Weise unterstützen.“