Melanie Kröger (39) ist seit 18 Jahren verheiratet. Seit zwei Jahren überlegt sie, eine Ehetherapie zu machen. Doch den entscheidenden Schritt, den traut sie sich einfach nicht.

Selm

, 11.12.2018, 11:45 Uhr / Lesedauer: 6 min

Am Anfang, so sagt Melanie Kröger*, war alles perfekt. Damals - vor genau 20 Jahren - im Jahr 1998, gab es noch keine Flirt-Apps und keine zahlreichen Internet-Singlebörsen. Dafür gab es eine Telefonnummer, wo flirtwillige Singles anrufen und ins Gespräch kommen konnten. Männer zahlen, Frauen rufen kostenlos an.

Melanie Kröger, gerade mal 19 Jahre alt und frisch Mutter geworden, wählt diese Flirt-Nummer. Einer der Männer gefällt ihr besonders. „Er hat so eine schöne Stimme“, schwärmt die Selmerin noch heute. Sie telefonieren, sie treffen sich, sie verlieben sich. Und er zieht schon am zweiten Tag bei ihr ein. „Es war wie im Märchen“, erzählt Melanie Kröger. „Liebe auf den ersten Blick.“

Alles sieht perfekt aus

Ihre Mutter ist skeptisch. Einziehen an Tag zwei? Und dann ist der Mann, dessen Stimme ihre Tochter so toll findet, auch noch zehn Jahre älter. Doch es funktioniert. Melanie Kröger und der Mann mit der schönen Stimme heiraten zwei Jahre später. Er kümmert sich um Melanies Tochter wie ein Vater, gemeinsam bekommen sie noch drei weitere Kinder. Zwei Söhne und eine Tochter.

Für ihre Freunde sieht alles perfekt aus. „Wir sind eine Einheit“, sagt Melanie Kröger über die Beziehung zu ihrem Mann. In Erziehungsfragen haben sie die gleiche Meinung, sie kennen sich in- und auswendig. In 18 Jahren Ehe und 20 Jahren Beziehung haben sie sich nur ein einziges Mal vor ihren Kindern gestritten. Sie haben etwas, was vielen verheirateten Paaren sicher guttun würde: Elternzeit ab 8 Uhr abends. Das heißt, die Eltern haben das Wohnzimmer für sich und die Kinder platzen nicht dazwischen. Melanie und ihr Mann nutzen die Zeit, um gemeinsam über den Tag und mögliche Probleme bei den Kindern zu reden - oder einfach nur gemeinsam auf dem Sofa einen Film zu schauen und sich nach einem anstrengenden Tag eine Nackenmassage zu gönnen. Es klingt perfekt.

Aber.

Die Probleme sprechen sie nicht an

„Die Probleme sind da, aber wir sprechen sie nicht an“, sagt Melanie Kröger. Sie und ihr Mann reden über die Erziehung der Kinder, „aber wir stellen uns hinten an“, sagt sie. Sie schläft schon seit Jahren auf dem Sofa. Ihr jüngster Sohn denkt, es liege daran, dass sein Vater zu laut schnarcht. Das stimmt auch. Aber das ist nicht der einzige Grund.

Seit zwei Jahren sind Melanie und ihr Mann eigentlich getrennt. Es gab da diesen Tag, als ihr Mann getrunken hatte. So wie schon die Jahre zuvor. Manchmal trinkt er gar nicht, dann wochenlang am Stück. Er ist dann so betrunken, dass er am Tisch einschläft. Geschlagen hat er sie nie, sagt Melanie Kröger. An diesem Tag aber trinkt er und steigt ins Auto. Passiert ist nichts. Aber Melanie Kröger reicht es. Sie trennt sich.

Und irgendwie auch nicht. Denn die Beiden leben noch zusammen. Wegen einer Krankheit trinkt ihr Mann nicht mehr. Aber zusammen sind sie dennoch nicht. Jeden Abend um 8 Uhr haben sie noch immer ihre Elternzeit, so wie die ganzen Jahre zuvor auch, zum Valentinstag und zum Hochzeitstag machen sie sich Geschenke. Wenn Melanie Kröger einen anstrengenden Tag bei der Arbeit hat, bekommt sie Blumen von ihrem Mann. „Eigentlich ist er ein toller Mann“, sagt sie.

Aber.

Seit zwei Jahren haben sie nicht mehr miteinander geschlafen. „Auch nicht mit anderen“, beteuert Melanie Kröger. Sie hat sich mal in einer Facebook-Gruppe für Singles angemeldet. Nie geschrieben, nur geguckt, wie sie sagt. Am nächsten Tag war ihr Mann auch da. Eigentlich hat sie Angst davor, dass einer von ihnen einen anderen Partner kennenlernt. Schließlich sind sie doch so ein eingespieltes Team. Könnte ein neuer Partner das überhaupt akzeptieren? Und, will sie überhaupt einen? „Eigentlich ist alles in Ordnung, aber die Zärtlichkeit, die fehlt mir schon“, sagt sie. Ebenfalls seit zwei Jahren denkt sie darüber nach, eine Eheberatung zu machen. Dafür gibt es verschiedene Stellen. Zum Beispiel die Offene Beratungsstelle für Familien im Haus Nienkamp in Selm oder die Paarberatung des Bistums Münster in Lünen oder Lüdinghausen.

Eheberatung ja oder nein? „Eigentlich fehlt mir nur die Zärtlichkeit“

Melanie Kröger (Name geändert) ringt mit sich. Soll sie zur Eheberatung gehen oder nicht? Einen Ehering trägt sie übrigens nicht mehr. Aber nur, weil sie ihn verloren hat. Auf ihrem Shirt steht: Werever you go shine on. © Sabine Geschwinder

Melanie Kröger hat sich die Adresse und Telefonnummer einer dieser Beratungsstellen schon längst besorgt. Doch sie hat sich noch nicht getraut, einen Termin auszumachen. „Eigentlich ist es nur ein Anruf“, sagt sie.

Aber.

Melanie Kröger ist unsicher. „Wenn man die Probleme angesprochen hat, sieht man seinen Partner vielleicht mit ganz anderen Augen“, sagt sie. Soll sie wirklich all diese kleinen Dinge ansprechen, die kaum der Rede wert sind und sie dennoch so stören? Zum Beispiel diese: Geht er zu Terminen, wählt er seine Kleidung sorgsam aus und legt dazu auch Parfüm auf. „Für mich macht er das nie“, klagt sie. Sie sehe ja auch nicht aus wie ein Model, doch sie hat Make-up aufgelegt an diesem Tag. Er könnte sich im Alltag mehr Mühe geben, findet sie. Er hat außerdem einen Bauch bekommen. Früher war er spindeldürr. Und dann ist da noch die Sache mit dem Bart. „Er lässt sich einen Bart wachsen. Ich mag ihn aber nicht mit Bart“, sagt Melanie Kröger. Es sind ja nur Kleinigkeiten. Er trinkt nicht mehr. Aber soll sie die Kleinigkeiten ansprechen? Riskieren, dass plötzlich alles explodiert, was sich in so vielen Ehejahren angestaut hat? „Aber wenn ich ihm nicht sage, dass ich seinen Bart nicht mag, dann kann er das ja auch nicht ändern“, überlegt sie. Die Gedanken drehen sich im Kreis.

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Lösungen statt Kompromisse

„Ich würde empfehlen, anzurufen“, sagt Birgit Spieshöfer. „Es geht immer darum zu sehen, was ist der erste Schritt, den ich tun kann und danach kann ich mich mit dem zweiten Schritt beschäftigen. Nur weil sie anruft, ist die Beziehung noch nicht beendet. Und ein Anruf ist auch noch kein Termin.“ Spieshöfer ist Diplom-Psychologin. Sie berät seit über 15 Jahren Paare in schwierigen Situationen und sagt: „Wir alle suchen eine Beziehung, die lange hält und glücklich ist. Und das ist auch möglich. Der Reiz kann erhalten bleiben, wenn ich akzeptiere, dass mein Mann anders ist als ich. Das ist doch auch das was die ursprüngliche Anziehung zwischen uns ausmacht.“

Männer und Frauen handeln anders und kommunizieren auch anders, sagt Birgit Spieshöfer. Die Beratung könne dabei helfen, das zu erkennen und auch zu erkennen, ob man gerade auf einer Sachebene oder einer emotionalen Ebene miteinander kommuniziere. „Metaphorisch geht es oft darum, Türen zu öffnen“, sagt Birgit Spieshöfer. Eine Frau kenne die Tür - also die Lösung - ganz genau. Sie hätte nur Angst, hindurchzugehen. Männer handelten hingegen direkt, aber sie bräuchten lange, um das Problem erstmal zu erkennen. „Einem Mann kann ich ein halbes Jahr lang etwas von einer Tür erzählen - und plötzlich hat er ein Aha-Erlebnis, und Zack, ist er auch schon durch diese Tür hindurch gegangen“, sagt Spieshöfer.

Eheberatung ja oder nein? „Eigentlich fehlt mir nur die Zärtlichkeit“

Die Diplom-Psychologin Birgit Spieshöfer berät schon seit über 15 Jahren Paare in schwierigen Situationen. © Spieshöfer

Es gibt verschiedene Varianten, wie so eine Paar-Beratung ablaufen kann. Bei Birgit Spieshöfer muss sie nicht zwangsläufig zusammen stattfinden. „Im Paargespräch wird oft deutlich, dass es mehr Sinn macht, alleine zu reden“, sagt die Psychologin. Damit sich jeder seiner Muster bewusst werde, warum er etwas tut und bestimmte Dinge in einer Beziehung erwartet.

„Auf der Sachebene geht es um Lösungen, nicht um Kompromisse“, sagt Birgit Spieshöfer. „Lösungen, die für beide passen.“ Wenn er zum Beispiel die Berge liebe und sie die See, sei es ein schlechter Kompromiss, ein Jahr ans Meer und das nächste Jahr dann in die Berge zu fahren. „Dann kriegen beide das Kotzen“, sagt Spiehöfer. Besser: „Sie fährt alleine an die See, er fährt alleine in die Berge. Und Urlaub machen sie zusammen ganz woanders, zum Beispiel eine Städtereise.“

Aus Ihrer langjährigen Praxis weiss sie, dass es jetzt mehr Menschen gibt, die eine Paarberatung in Anspruch nehmen. Auch wie lange ein Paar schon zusammen ist variiert. „Manchmal sind es Paare, die erst seit einem Jahr zusammen sind“, sagt Spieshöfer. Und das sei gut so. „Beziehungen laufen anders als früher“, sagt sie.

Andere Bedürfnisse als früher

„Wir leben einfach in einer ganz anderen Zeit.“ Zusammen zu sein, nur um finanziell klarzukommen, gilt nicht mehr. Es gehe nicht mehr darum, einfach nur ein Kind zu haben, sondern ein glückliches Kind. Nicht mehr darum, einfach nur irgendeinen Mann zu heiraten. Sondern auch eine erfüllte Ehe zu führen. „Wir sind mit so viel konfrontiert, mit unserer Arbeit, mit Familie, mit Sport, mit Persönlichem und deswegen ist es doch schön, Unterstützung zu haben, gerade in der Beziehung“, so die Psychologin, „Jemand schaut von außen auf die Beziehung und sieht Dinge, die ich, die er, die wir beide einfach nicht sehen.“ Auch ich nehme mit meinem Partner eine Beratung in Anspruch, sagt Spieshöfer. Einmal im Jahr, man kann das wie einen Wellnesstermin sehen und so schleichen sich bestimmte Probleme in eine Beziehung gar nicht erst ein.

Melanie Kröger hat sich zwar getrennt. Aber eigentlich möchte sie doch, dass alles wieder wie früher ist. Schon so lange hat sie über eine Beratung nachgedacht, dennoch hadert sie mit sich. Irgendwann sagt sie diesen Satz, der klar macht, worum es eigentlich geht: „Es gibt Dinge, die mich einfach stören. Und ich weiß nicht, ob, wenn er sie ändern würde, ob es dann reicht.“

Warum sie nicht zum Telefon greift? Birgit Spieshöfer hat eine Vermutung: „Sie hat Angst, dass es in ihr einen Teil gibt, der die Beziehung eigentlich beenden möchte. Das kann zu einem Selbstläufer werden, wenn Sie sich damit nicht auseinander setzt.“ Doch die Psychologin gibt auch Hoffnung: „Wenn sie sich diesen Ängsten stellt, dann kann sie vielleicht bleiben. Einfach, weil Sie anfängt sich wirklich mit sich selbst und dem Partner auseinanderzusetzen.““

In der Beziehung von Melanie Kröger gibt es vieles, was niemals ausgesprochen wurde und das unter der Oberfläche brennt. Und doch, ist da auch noch viel Liebe. Das merkt man, wenn man hört, wie liebevoll Melanie Kröger über ihren Mann spricht. Wie sie strahlt, wenn sie davon erzählt, wie sie auch nach all den Jahren die Stimme ihres Mannes liebt.

Ob das reicht, das können nur sie und ihr Mann wissen. Doch sie können Hilfe in Anspruch nehmen, um es herauszufinden. Damit die vielen Abers verschwinden und endlich Klarheit herrscht.

*Name von der Redaktion geändert

Beratung bei Eheproblemen: - Die Beratung im Haus Nienkamp, Nienkamp 28 in Selm ist eine offene Sprechstunde für Eltern, Kinder und Jugendliche. Sie ist anonym und kostenlos und ein Angebot des Caritasverbands Lünen-Selm-Werne. Donnerstags 14 bis 16 Uhr. Terminvereinbarung über die Geschäftsstelle Lünen: (02306) 700424. - Die Ehe-, Paar- und Familienberatung des Bistums Münster hat 32 Stellen in NRW. Die für Selm nächstgelegenen sind in Lünen (Pfarrer-Bremer-Straße 20, Tel. 02306/ 30171214) und in Lüdinghausen (Bahnhofstr. 20, Tel. 02591/ 78725). Alle Stellen sind hier zu finden. - Im Fall einer gescheiterten Ehe bietet die Familienbildungsstätte Selm auch eine Mediation an, um eventuelle Uneinigkeiten, zum Beispiel beim Thema Sorgerecht, konstruktiv und ohne Streit zu klären. Kontakt: Familienbildungsstätte Selm, Ludgeristraße 111, Tel. (02592) 1620. - Darüber hinaus gibt es natürlich auch die Möglichkeit, eine Paar- oder Einzelberatung bei einem Psychologen oder Psychotherapeuten zu machen.
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