Durch die Augen der Freunde: Telespazieren und gemeinsam Neues entdecken

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Spaziergänge mit Freunden oder Familie sind eine schöne Sache. Hat man nicht die Möglichkeit, gemeinsam loszuziehen, ist ein gutes Gespräch jedoch nur einen Anruf entfernt.

20.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer in Zeiten der Corona-Krise das Spazierengehen wieder für sich entdeckt hat, der weiß: Man erlebt seine Umgebung bewusster und nimmt sich mehr Zeit für Eindrücke. Und auch wenn die Kontakt- und Freizeiteinschränkungen inzwischen weitestgehend aufgehoben sind und man seinen Hobbys wieder frönen kann, so sollte man trotzdem weiter ab und zu eine Runde drehen. Spazierengehen entschleunigt unseren Alltag und baut Stress ab, tut Körper und Seele gut – es hat also viele Vorteile. Zumindest beinahe. Der einzige Nachteil ist, dass nicht jeder von uns immer einen Spazierpartner zur Seite hat.

Für den Fall, dass mir meine Freunde und die Familie fern sind, habe ich aber eine gute Lösung gefunden. Wir leben im Zeitalter moderner Technik und sind, zumindest über unsere Telefone, immer mit unseren Liebsten verbunden, die uns vielleicht gerade fern erscheinen. Wie also nutzt man das am besten für sich? Ich habe da eine ideale Lösung gefunden. Man kombiniert einfach beides und geht telespazieren.

Telespazieren – also telefonieren und dabei spazieren gehen - ist mein Kompromiss, wenn ich nicht allein losziehen will, um die tägliche Runde zu drehen. Es klingt simpel, ich weiß, doch gefällt mir der Gedanke, dass ein gemeinsames Erlebnis nur einen Anruf entfernt liegt, ohne dass unnötige Risiken eingegangen werden. In den Kontakten ist schnell nachgefragt, wer Lust hat, sich ebenfalls die Beine zu vertreten. Man stattet sich mit Kopfhörern aus, mit denen man telefonieren kann - das wars. In die bequemen Schuhe, fertig, los. Ich nehme Sie gern mit auf meinen Telespaziergang.

Beim Spaziergang die Umgebung im Blick behalten

Zunächst der unschöne Teil des Weges, der mich zu meiner liebsten Route führt. Einmal an der Straße entlang und auf die alte Bahntrasse ins Grüne. Ich rufe eine Freundin an, die in Gelsenkirchen wohnt – auch sie hat sich auf den Weg gemacht, ihre Stadt zu erkunden, während sie sich mit mir unterhält. Wir schlängeln uns durch den ersten Smalltalk, bringen uns auf den neusten Stand. Wir freuen uns jedes Mal, zumindest die Stimme der jeweils anderen zu hören.

Damit der Telespaziergang jedoch nicht nur ein einfaches Telefonat bleibt, haben wir beide auch immer weiterhin Augen für unsere Umgebung. Denn fällt uns etwas Spannendes oder Amüsantes auf, dann zücken wir das Handy und schießen ein Foto für die jeweils andere. Das Bild ist schnell versendet, entweder unterwegs oder auch Zuhause, wenn man Internet hat. Währenddessen beschreiben wir einander, was wir sehen.

Ein Bild ist schnell gemacht von den Eindrücken, die man auf dem Weg so sammelt. Und noch schneller ist das Bild an den Gesprächspartner verschickt.

Ein Bild ist schnell gemacht von den Eindrücken, die man auf dem Weg so sammelt. Und noch schneller ist das Bild an den Gesprächspartner verschickt. © Manuel Radtke

Es gibt viele Stellen auf meiner Route, die ich schön finde und deren Eindrücke ich gern weitergeben möchte. Eine Weide am Wegesrand, deren Blätter so tief hängen, dass sie meinen Kopf streifen, um mich herum ist alles grün, der Weg wirkt endlos weit. Ich laufe immer weiter, bis sich das Grün schließlich lichtet und ich von Feldern umgeben bin. Ein Regionalzug fährt vorbei und stört als einziges die Ruhe.

Fotos von Gesehenem direkt verschicken

Meine Freundin erzählt von einem Park und jungen Gänseküken, die am Ufer eines kleinen Sees entlangtapsen, stets bewacht von ihren Elterntieren. Dazwischen einmütig ein paar Enten, die vor sich hindösen. Die Vögel stören sich nicht an meiner Freundin, die mit respektvollem Abstand ein Foto macht und es mir zuschickt. Ich freue mich darauf, es mir nach dem Spaziergang anzusehen.

Während des Spaziergangs werden alltägliche Dinge bewusster wahrgenommen. Hier ist es ein Zug, der die ruhige Landschaft durchquert.

Während des Spaziergangs werden alltägliche Dinge bewusster wahrgenommen. Hier ist es ein Zug, der die ruhige Landschaft durchquert. © Manuel Radtke

Mittlerweile bin ich am Fluss angekommen, der Seseke. Ich erzähle meiner Freundin die Geschichte des Flusses: einst hat er eine ganz eigene Fischart beherbergt, den „Kömschen Bleier“. Als der Fluss in ein Betonbett gezwungen wurde, verschwand auch der Fisch. Erst vor wenigen Jahren entschied man sich, die Seseke zu renaturieren und Rad- und Wanderrouten entlang ihrer Ufer auszubauen. Der Fisch kam nicht zurück, doch eine Statue erinnert stets daran, dass es ihn einst gegeben hat.

Mittlerweile befinden wir uns beide auf dem Rückweg. Meine Freundin ist überrascht, welch schöne Ecken sie in ihrer Stadt hat finden können. Sie ist erst vor kurzem dorthin gezogen und hatte noch keine Zeit, sich alles in Ruhe anzusehen. Die meisten Eindrücke, die sie mir beschreibt, erzählen von alten Bäumen entlang ihres Weges durch den Park, aber auch von den Menschen, die ihr entgegenkommen. Viele wirken noch grimmig und verschlossen, spiegeln die Eindrücke der letzten Wochen wider.

Entsprechen die Bilder den Vorstellungen?

Doch die meisten genießen die frische Luft und das gute Wetter wie wir. Inzwischen geht die Sonne langsam unter und ich mache mein letztes Foto, das Motiv ist eine alte Eisenbahnbrücke, die unter der Seseke herführt. Meine Freundin hat ihre Route durch den Park und die Stadt bereits beendet, bleibt jedoch am Hörer, bis auch ich Zuhause angekommen bin. Kaum ist mein Handy mit dem Internet verbunden, bekomme ich auch schon die Bilder. Dieser Augenblick ist besonders spannend: entspricht das wirkliche Bild den Vorstellungen, die ich mir selbst gemacht habe? Oder habe ich mir etwas völlig anderes vorgestellt?

Ein letzter Blick auf die Seseke und die Eisenbahnbrücke, danach geht es zurück nach Hause.

Ein letzter Blick auf die Seseke und die Eisenbahnbrücke, danach geht es zurück nach Hause. © Manuel Radtke

Doch darüber zu diskutieren, das würde den Rahmen sprengen. Wir legen auf, das Handy wird abgelegt, die Füße hochgelegt. Die Batterien sind wieder aufgeladen.

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