Drogen und Sucht führen häufig auch zum Wohnungsverlust

Suchthilfe mobil

Drogen und Sucht können zum Verlust der Wohnung führen. Ein vom Land gefördertes Projekt soll Betroffenen helfen. Im Kreis Borken waren im vergangenen Jahr 920 Menschen ohne Wohnung.

Ahaus/Bocholt

von pd

, 18.11.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Stefanie Hartmann (Caritasverband Ahaus) und Lutz Ponten-Biermann (SKM-Bocholt) arbeiten beim Projekt „Suchthilfe mobil“ mit.

Stefanie Hartmann (Caritasverband Ahaus) und Lutz Ponten-Biermann (SKM-Bocholt) arbeiten beim Projekt „Suchthilfe mobil“ mit. © Caritasverband

Die Hilfe zu den Menschen bringen – das ist in diesem Fall besonders wichtig. „Suchthilfe mobil“ heißt das kreisweite Projekt, mit dem der Caritasverband Ahaus-Vreden und der Katholische Verein für soziale Dienste Bocholt (SKM) eine enge Vernetzung mit den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe im Kreis Borken umsetzen wollen. Der Kreis Borken gehört zu den 16 geförderten Projektstandorten der Initiative gegen Wohnungslosigkeit. Die Projektförderung läuft von September 2020 bis Februar 2022.

Drogen und Sucht können zum Verlust der Wohnung führen. Wohnungslosigkeit und die damit verbundenen Probleme wiederum verschärfen häufig eine Suchtproblematik, schreibt der Caritasverband in einer Pressemittelung. „Es ist schwierig, diesen Personenkreis zu erreichen“, berichtet Helena Sieniawski, Leiterin der Suchtberatung beim Caritasverband Ahaus-Vreden. „Deshalb kooperieren wir auch mit der Wohnungslosenhilfe, um Zugang zu bekommen.“

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Zielgruppe sind suchtkranke Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen. „Ihnen ist der Zugang zur „normalen“ Suchtberatung zu hochschwellig“, erläutert Helena Sieniawski. Oft seien sie überfordert, die Beratungsstellen aufzusuchen.

Zahl der Wohnungslosen im Kreis nimmt zu

Dabei nimmt die Zahl der Wohnungslosen im Kreis Borken seit Jahren zu. Waren 2014 im Kreis insgesamt 69 Personen wohnungslos, stieg die Zahl bis 2018 auf 666 Personen. Im vergangenen Jahr waren im Kreis Borken 920 Menschen ohne Wohnung.

„Wir wollen über Grenzen schauen und komplexer denken“, sagt Michael Helten, Leiter der Drogenberatungsstelle Bocholt. „Oft betrifft es die Ärmsten, Menschen in ganz konkreten Problemsituationen. Wir müssen diese Menschen da abholen, wo sie stehen und können nicht warten, bis sie den Wunsch haben, abstinent zu leben.“ Damit Suchtkranke nicht in die Wohnungslosigkeit abrutschen, wird die „Suchthilfe mobil“ aktiv.

Für wohnungslose Menschen im Kreis eine Wohnung zu finden, ist schwierig

„Die Hilfen müssen ganz praktisch wirken“, schildert Helena Sieniawski: „Wenn beispielsweise Wohnungsverlust wegen finanzieller Schwierigkeiten droht, nehmen wir Kontakt zu Vermietern auf.“

Ein erster Schritt könne sein, Ratenzahlungen zu vereinbaren. Auch mit Stadtwerken wird gesprochen, falls eine Sperrung der Energieversorgung wegen Zahlungsrückständen droht. Doch für schon wohnungslose Menschen im Kreis Borken eine Wohnung zu finden, „das ist tatsächlich schwierig“, berichtet Helena Sieniawski. „Das ist es auch schon für Nicht-Suchtkranke.“

„Wieder ein Zuhause…“ ist ein Prozess von Rehabilitation und Integration. „Wir setzen da an, den suchtkranken Menschen Wege aus diesem Teufelskreis aufzuzeigen, die sie auch annehmen können,“ ergänzt Michael Helten.

Die Projektmitarbeiter Stefanie Hartmann (Caritasverband Ahaus) und Lutz Ponten-Biermann (SKM-Bocholt) stehen im engen Kontakt mit den kooperierenden Einrichtungen, wie der Ewibo in Bocholt oder dem Verein für katholische Arbeiterkolonien in Westfalen.

Frühe Erreichbarkeit und Zusammenarbeit

„Wenn ein Wohnungsloser aktuell noch Drogen konsumiert, dann erschwert das natürlich die Wohnungssuche. Können wir ihn stabilisieren, zum Beispiel durch die Teilnahme an einer Therapie, dann wird die Wohnungssuche realistischer“, berichtet Helena Sieniawski.

„Über frühe Erreichbarkeit, Zusammenarbeit und abgestimmtes Handeln können praktische Hilfen von HIV- und Hepatitisprävention, niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten, Frühstücksangebote und Waschen, Duschen und Körperpflege bis hin zu Entzugs- und Entwöhnungshilfen mit den Fachkompetenzen der Wohnungslosenhilfen im Kreis Borken gebündelt werden,“ führt Helten aus.

Offene Sprechstunden im Kreisgebiet

Der Caritasverband ist im Nordkreis, der SKM im Südkreis tätig. Angeboten werden beispielsweise offene Sprechstunden flächendeckend im Kreisgebiet. Im Blick: Suchtkranke Menschen, quer durch alle Altersgruppen. Die Suchthilfe mobil unterstützt die Betroffenen, trifft sich mit ihnen. So wie mit einem jungen Mann, der mit 16 Jahren von seinen Pflegeeltern vor die Tür gesetzt wurde. Er kam bei Freunden unter und rutschte in die Drogenschiene. Die Teilnahme am Suchthilfe-mobil-Programm kam in einer Verhandlung vom Amtsgericht.

Wie erfolgreich das Projekt sein wird, das hängt nicht zuletzt davon ab, ob es eine Fortführung über Februar 2022 hinaus gibt. „Und das wiederum hängt davon ab, ob vom Land weiter Geld bereitgestellt wird“, sagt Helena Sieniawski. „Die Suchthilfe mobil wurde erst mal für 18 Monate bewilligt. Aber eineinhalb Jahre gehen schnell vorbei.“ Allein der Aufbau der Strukturen und das Wissen um das Angebot bei den Betroffenen sei nicht von heute auf morgen zu erreichen.

Projektinfo

  • Das Land NRW stellt für 20 Städte und Kreise, die von Wohnungslosigkeit besonders betroffen sind, jährlich insgesamt zwei Millionen Euro an Projektmitteln für die „Suchthilfe mobil“ zur Verfügung (Personalkosten und Sachmittel).
  • Bewilligt wurden zunächst 16 Projekte. Zielgruppe sind suchtkranke Wohnungslose und suchtkranke Menschen, die Wohnungslosigkeit bedroht sind.
  • Das Angebot ist niedrigschwellig: es gibt offene Sprechstunden, eine Beratung vor Ort und keine Zugangsvoraussetzungen.
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