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Genaues Hinsehen ist Neugierde am Leben

29.11.2007

Barop Das Wichtigste vorweg: Wir dürfen weiterhin - ob heimlich oder nicht - Talkshows sehen. Unser Interesse, ob Fritz nun der Vater von der kleinen Michele ist oder doch Karl, hat seine Berechtigung. Jedenfalls in der Wissenschaft.

Schon seit über einem Jahrzehnt erforscht Jo Reichertz (Foto), Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg Essen, das Phänomen "Sehen und gesehen werden" im Fernsehen. Und hat von "Traumhochzeit" über "Nur die Liebe zählt" bis hin zu "Arabella Kiesbauer" und "Big Brother" alles gesehen. An seinem Wissen über privates Leben im TV ließ er am Mittwochabend die Besucher der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) teilhaben. Dort referierte er unter dem passenden Titel: "Sind wir alle Voyeure?" "Das genau Hinschauen ist keine Schande", verdeutlichte er. Es sichere nämlich vor allem eins: Unsere Neugier am Leben. Und somit auch das Überleben.

Die Statistiken zeigen, dass nicht bloß Schüler und Senioren die Unterhaltung am Nachmittag konsumieren. Die Menschen in der globalisierten Gesellschaft sehnen sich laut dem Wissenschaftler nach Stabilität. Und die bekommen sie auch vor dem Fernsehen. Traurig, aber laut Jo Reichertz wahr.

Die Leute, die sich öffentlich zeigen, seien genauso wenig Exhibitionist wie der Zuschauer ein Voyeur. "Am Leben des anderen wurde schon immer teilgenommen, egal ob auf dem Dorfplatz im Mittelalter hinter vorgehaltener Hand oder auf dem Maskenball der Frühen Neuzeit." Zuschauen - im Maße - sei also natürlich.

Den Aspekt der Schadenfreude kann jedoch selbst der Soziologe nicht bestreiten. Jo Reichertz: "Das stimmt. Und so lange sich aus diesem Glück des Davongekommenseins eine positive Lebensfreude entwickelt, ist es doch auch gut." LdB

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