Bäder schließen und der Schwimmunterricht findet nicht statt. 60 Prozent der Grundschulabsolventen sind unsicher im Wasser. Passiert nichts, wird Deutschland ein Nichtschwimmerland. Und nicht nur in Dortmund müssen viele Nichtschwimmer gefördert werden.

Dortmund

, 31.05.2018, 05:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist Pflicht, dass Schüler im Unterricht Schwimmen erlernen. So sieht die Theorie aus, so schreibt es das Schulministerium vor. Doch die Praxis zeigt eine andere Wahrheit. Die Zahlen der Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa von 2017, die die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Auftrag gegeben hat, sind erschreckend: 60 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen sind keine sicheren Schwimmer. Als sicherer Schwimmer gilt man, wenn man das Bronze-Abzeichen besitzt. 2010 hatte die Studie noch ergeben, dass die Hälfte der Grundschüler nicht sicher schwimmen könne, 2005 sei es ein Drittel gewesen.

Wenn sich nichts ändert, „dann ist Deutschland bald ein Land der Nichtschwimmer“, warnt Achim Wiese, Pressesprecher des Bundeszentrums der DLRG mit Sitz in Bad Nennendorf. Ein bundesweites Problem. „Die Studie hat uns gezeigt, dass die Menschen in Flensburg genauso schlecht schwimmen können wie die Menschen in Koblenz“, sagt Wiese.

Schwimmbäder schließen

Ein Grund für die schlechte Schwimmfähigkeit ist, dass die Schwimmausbildung schlechtere Voraussetzungen habe als noch vor 20 Jahren. Denn: Viele Schwimmbäder schließen. „20 bis 25 Prozent aller Grundschulen in Deutschland können keinen Schwimmunterricht, der Teil des Sportunterrichts ist, mehr anbieten, weil es in ihrer Nähe kaum Schwimmbäder gibt“, erläutert Wiese.

Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) beziffert die geschlossenen Bäder in den vergangenen 15 Jahren in Deutschland auf 800 bis 1000. Der DSV schätzt, dass es derzeit rund 6700 öffentliche Frei- und Hallenbäder in Deutschland gibt. Laut Wiese liegen keine konkreten Zahlen nur für NRW vor.


Den Kommunen fehle es an Geld, um Schwimmbäder zu betreiben und alte Anlagen zu sanieren. „Jedem Häuslebauer sagt man: ‚Du musst Geld für Sanierungen beiseitelegen.‘ Aber die Kommunen haben kein Geld für Schwimmbäder, die auch eine Bildungsstätte darstellen“, ärgert sich Wiese.

In Dortmund konnten bedrohte Schwimmbäder bisher vor einer Schließung gerettet werden. Die gemeinnützige Sportwelt Dortmund gGmbH (Spowedo) hat mittlerweile vier Hallen- und vier Freibäder von der Stadt übernommen und betreibt sie unter städtischer Betriebskostenbezuschussung. Vier weitere Hallenbäder – in Scharnhorst, Eving, Aplerbeck und Hörde – sind in Vereinshand.

Schwimmlehrer fehlen in Deutschland

Ein weiterer Grund für die schlechte Schwimmfähigkeit der Kinder: Es gibt weniger Lehrer, die Schülern das Schwimmen beibringen dürfen. Dafür brauchen Lehrkräfte die sogenannte Rettungsfähigkeit. Diese kann eine Lehrkraft in NRW innerhalb von sechs Kurseinheiten à 45 Minuten von einem DLRG-Mitglied – oder bei der Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes und dem Schwimmverband NRW – erlernen. Die Kosten für diese Fortbildung sind gering. „Da reden wir über Peanuts“, so Wiese. Laut DLRG kostet die Teilnahmegebühr pro Lehrkraft 60 Euro.

Warum mangelt es dennoch an Lehrern mit Rettungsfähigkeit? Fachfremde Lehrer möchten oft nicht die Verantwortung übernehmen, sagt Wiese. Außerdem müsse die Schule auf die DLRG zukommen, um diese Ausbildung zu bekommen, nicht andersherum. „Der Aufwand wäre viel zu groß, wenn wir jede Grundschule anschreiben müssen“, sagt er. Laut Schulministerium gibt es 3000 Grundschulen in NRW.

Aktionsplan der Stadt Dortmund

Der Bundeselternrat, die Dachorganisation der Landeselternvertretungen in Deutschland, fordert seit Jahren, dass der Lehrauftrag konsequent umgesetzt wird. Der Vorsitzende des Bundeselternrates, Stephan Wassmuth, schlägt Alarm: „Die Zunahme der Zahl der Nichtschwimmer in Deutschland muss gestoppt werden.“

Das habe die Stadt Dortmund längst erkannt, sagt Holger Maurer, Mitarbeiter der Stadt im Fachbereich Schule. „Wir sind da ein bisschen weiter als andere NRW-Kommunen.“ Seit 2016 gibt es den Aktionsplan „Anfängerschwimmen – Wir lernen schwimmen“. Neben dem Fachbereich Schule, der Schulaufsicht und dem Ausschuss Schulsport sind der Kreisverband Schwimmen Dortmund, der Stadtsportbund, die Fabido-Kindertageseinrichtungen, die Badbetreiber und die DLRG mit im Boot. Ziel ist es, die Schwimmfähigkeit von Kita- und Grundschulkindern zu fördern – mit Wassergewöhnungsangeboten für die Kleinen und zusätzlichen qualifizierten Übungsleitern, beispielsweise von örtlichen Schwimmvereinen, für Grundschulen mit Engpässen.

Vereinzelt gibt es bis zu 90 Prozent Nichtschwimmer in Grundschulen

„Das Ergebnis der Studie können wir für Dortmund mehr als bestätigen. In einigen Grundschulen haben wir sogar bis zu 90 Prozent Nichtschwimmer“, berichtet Maurer. Das stelle die Schwimmlehrer, die, um ihre Aufsichtspflicht nicht zu verletzten, nicht mit ins Wasser dürfen, im Unterricht vor große Herausforderungen, denn: Kleinen Gruppen kann man das Schwimmen leichter beibringen.

„Vor zehn Jahren war das noch anders“, sagt Juan Carlos Böck, „bis heute hat sich die Zahl der Kinder, die bei Beginn des Schwimmunterrichts noch nicht schwimmen können, nahezu verdreifacht.“ Böck ist Schulleiter der Petri-Grundschule in der Beurhausstraße. Seine Schule ist eine von 16, die im aktuellen Schuljahr vom Förderprogramm des Aktionsplans profitiert.

Zusätzlich zum Schwimmlehrer begleitet eine Übungsleiterin der SG Dortmund den Schwimmunterricht im Südbad – sie geht mit ins Wasser. Wenn ein Kind an der Petri-Grundschule nach einem Jahr Schwimmunterricht in der dritten Klasse noch kein guter Schwimmer ist, bekommt es in Klasse vier von der zusätzlichen Fachkraft Förderunterricht im Schwimmen. „Schwimmen ist eine Kulturtechnik, die überlebenswichtig sein kann, deswegen legen wir großen Wert darauf, dass alle Schüler es lernen“, sagt Böck.


Dortmund setzt auf Schwimmbäder in privater Hand

In Dortmund gibt es immer noch viele Kinder, die nicht sicher schwimmen können. © dpa



So sieht es in anderen Städten aus

In Castrop-Rauxel lernen die Kinder im Hallenbad und zusätzlich in drei Lehrschwimmbecken das Schwimmen. Die Stadt Dorsten setzt darauf, Hallenbäder in private Hände zu geben - wie in Lembeck und Wulfen. Auch hier sind die Kurse längst ausgebucht, die Nachfrage ist groß.

In Haltern am See gibt es fünf Möglichkeiten, zu schwimmen. Kein Schwimmbad musste in den vergangenen Jahren schließen. In Werne lernen schon Kindergartenkinder das Schwimmen, berichtet eine Kita. Ein DLRG-Sprecher erzählt, dass in Lünen nicht alle Schulen die Möglichkeit haben, zum Schwimmbad zu fahren.

Schulen arbeiten eigenverantwortlich

Christoph Söbbeler, Pressesprecher der Bezirksregierung Arnsberg, erläutert, dass der Schwimmunterricht in der Grundschule ein Jahr lang erfolgen muss. „Die 400 Schulen innerhalb der Bezirksregierung Arnsberg dürfen eigenverantwortlich entscheiden, ob sie den Unterricht ein Jahr am Stück anbieten oder aufsplitten“, erklärt Söbbeler.

Wenn eine Grundschule keinen Schwimmunterricht anbieten kann, weil es keine Schwimmbäder in der Nähe gibt – in Dortmund kommt das laut Stadtsprecherin Katrin Pinetzki nicht vor –, solle sie für „Ersatzauffangprogramme“ sorgen, so Söbbeler. Stattdessen könnten die Schulen Sportunterricht in ihren Turnhallen anbieten.

537 Menschen sind 2016 ertrunken

Schwimmen heiße nicht nur, an dem gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sondern auch, Leben retten zu können, unterstreicht der DLRG-Pressesprecher Wiese. Die Zahl der Ertrunkenen steigt an – auch wenn es in der Statistik einen kleinen Knick nach unten gibt: 2016 ertranken 537 Menschen, 2017 waren es 404.

Doch die Zahl trügt. „Wir hatten vergangenes Jahr keinen wirklichen Sommer. Dann gehen auch weniger Menschen schwimmen“, erklärt Wiese. Die Zahl der 404 Toten sei dennoch hoch, weil es allein 69 Ertrunkene im Juni 2017 gab – mehr als ein Sechstel der tödlichen Wasserunfälle des gesamten Jahres.

Diese Menschen sind besonders gefährdet

Besonders vom Ertrinken betroffen sind Ältere. Im vergangenen Jahr ertranken 147 Menschen ab 55 Jahren. Das sind 36,4 Prozent der Gesamtzahl. Aber auch Flüchtlinge und Migranten ohne Deutschkenntnisse bilden eine besondere Gruppe, da sie Warnschilder auf Deutsch nicht verstehen können.

Wer nicht in der Schule das Schwimmen erlernt, kann natürlich von den Eltern das Schwimmen beigebracht bekommen – insofern ein Elternteil sicher schwimmen kann. Doch Wiese warnt davor, die Fähigkeiten Schwimmen und Rad fahren miteinander zu vergleichen. „Schwimmen ist umfangreicher.“

Lange Wartezeiten für Schwimmkurse

Die DLRG-Wartelisten für einen Schwimmkurs sind lang. Das bestätigt auch Philipp Parche, Pressesprecher der DLRG Dortmund: „In unseren 13 Ortsgruppen sind alle Kurse voll. Manchmal müssen wir auch Leute abweisen.“ Er würde sich wünschen, dass die Eltern sich mehr einbringen: „Heute sagen sich viele: Mein Kind lernt in der Schule alles, auch das Schwimmen.“ Das wäre früher anders gewesen.

Mehr Informationen zu Schwimmkursen der DLRG gibt es hier.
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