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Masterarbeit über das Marienviertel

Anregungen zur Entwicklung

Die Zukunft des Marienviertels in Hervest bewegt die Bewohner. Die Hervester mischen sich intensiv in die Diskussion um Wohnen und Leben im Viertel ein, um die Zukunft ihres Lebensmittelpunktes mitzubestimmen. Dazu ein Interview mit einem Masterabsolventen in Dortmund, der seine Arbeit übers Marienviertel geschrieben hat.

Dorsten

, 05.07.2017

Stephan Gudewer  vom Planungsbüro Utku in Dortmund, das auf Städtebau, Denkmalpflege und Stadtforschung spezialisiert ist und in Dorsten die Entwicklung fachkundig begleitet, hat seine Masterarbeit „Verdichtet? Das Marienviertel in Dorsten - Dichteperspektive für ein Einfamilienhausgebiet“ interessierten Marienviertlern bei einem Informationsabend vorgestellt. 

Sie haben Ihre Masterarbeit zur Entwicklung des Marienviertels geschrieben. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Für das Dortmunder Stadtplanungsbüro SDS Utku war ich im Auftrag der Landesinitiative Stadtbaukultur NRW 2020 an der Erarbeitung einer Studie zum Bewohnerengagement in Einfamilienhausgebieten aus den 1950er- bis 1970er-Jahren beteiligt. Bei den Recherchen für diese Studie sind wir auch auf das Marienviertel gestoßen. Das starke Engagement der „Initiative Zukunft Marienviertel“ hat dann mein Interesse geweckt, tiefer einzutauchen.

Worum geht es, kurz und knapp, in Ihrer Arbeit?

Während die ursprünglich von Familien genutzten Einfamilienhäuser nach dem Auszug der Kinder oft nur noch von ein oder zwei Personen bewohnt werden, entstehen entgegen der demografischen Trends oft immer noch neue Einfamilienhausgebiete an den Rändern der Städte. Gleichzeitig haben sich auch die Zielgruppen für Einfamilienhäuser und ihre Wohnvorstellungen teilweise verändert. Dadurch entsprechen die Bestände der 1950er- bis 1970er-Jahre oft weder den Anforderungen ihrer gealterten Bewohner, noch den Bedürfnissen ihrer potentiellen Nachfolger. Die Arbeit untersucht am Beispiel des Marienviertels, welchen Beitrag Nachverdichtungsstrategien und die Anpassung der Gebäude leisten können, um diesen Tendenzen gerecht zu werden und die Gebiete zukunftsfähig weiterzuentwickeln.

Ihr Thema ist die Nachverdichtung, also die Nutzung des vorhandenen Häuser- und Grundstücksbestandes durch weitere Bevölkerungsgruppen. Was ist dabei zu berücksichtigen?

Einerseits ist es wichtig, die Qualitäten der Ausgangssituation zu bewahren – für viele Eigentümer macht die Atmosphäre und die lockere Struktur des Bestands ja gerade den Reiz solcher Gebiete aus. Andererseits muss man aber auch in den Blick nehmen, dass diese Strukturen eben teilweise nicht mehr den Bedürfnissen der älter gewordenen Bewohner oder der Nachfrage aktueller Kaufinteressenten entsprechen. Man muss also ausloten, wie man gleichzeitig ausreichend Spielraum für Anpassungen schafft, aber auch die lebenswerten Seiten des Marienviertels davor bewahrt, diesem Anpassungsdruck zum Opfer zu fallen.

Was ist Ihnen bei Ihren Untersuchungen im Marienviertel aufgefallen?

Insbesondere die Auswertung der statistischen Daten hat einen spannenden Einblick in die derzeitige Situation des Viertels gegeben. Die Ausgangslage im Marienviertel ist bei genauerem Hinsehen nämlich sehr unterschiedlich: Es gibt Bereiche, in denen die Einfamilienhäuser mit teils sehr großen Grundstücken im Durchschnitt von weniger als zwei Personen bewohnt werden. Gleichzeitig liegt der Altersdurchschnitt dort teilweise über 60 Jahren. An anderer Stelle konzentriert sich hingegen der Zuzug jüngerer Bewohner und der Generationenwechsel ist schon weiter fortgeschritten. Das kann man teilweise auch daran ablesen, dass dort schon heute die Anpassungen durch die neuen Bewohner sichtbar werden und das Straßenbild verändern.

Inwieweit können Politik und Verwaltung Einfluss auf die Entwicklungen im Marienviertel nehmen?

Einige der maßgeblichen Entscheidungen für die Zukunft des Viertels werden ja letztlich in Politik und Verwaltung gefällt. Sie haben beispielsweise das letzte Wort dazu, welche Investoren sich unter welchen Bedingungen bei der Umwidmung der im letzten Sommer geschlossenen Gerhart-Hauptmann-Realschule einbringen können. Andererseits hat man darauf, was die einzelnen Eigentümer der Immobilien zur Entwicklung des Marienviertels beitragen, dort zumindest keinen direkten Einfluss. In diesem Zusammenhang stecken die rechtlichen Rahmenbedingungen zum Beispiel durch Bebauungspläne aber einen Rahmen ab und Beratungsangebote können die Entwicklung unterstützen. Ohne dass sich Politik und Verwaltung für das Thema offen zeigen geht es also nicht – in dieser Hinsicht ist man in Dorsten aber gut aufgestellt.

Sie schreiben in Ihrer Masterarbeit von verschiedenen Menschentypen, den Genügsamen, den Verwirklichern, den Etablierten, den Verharrenden, den neuen Nachfragern. Welche von ihnen sind Ihnen in Dorsten begegnet?

Das Marienviertel ist in dieser Hinsicht sehr vielfältig: Es gibt Bewohner, die seit vielen Jahrzehnten dort leben und andere, die erst in den letzten Jahren zugezogen sind. Es gibt teils sehr große Grundstücke mit großzügigen Gebäuden, aber auch vergleichsweise günstige kleine Reihenhäuser. Man trifft deshalb auch auf sehr unterschiedliche Motive für das Wohnen im Marienviertel. Während für die einen die Nachbarschaft im Vordergrund steht, schätzen die anderen das familienfreundliche Umfeld. Wieder andere haben wohl auch einfach eine günstige Gelegenheit ergriffen, oder in einer bestimmten Immobilie die Chance zur Verwirklichung ihrer individuellen Wohnvorstellungen gesehen. Kurzum: Diese Nachfragegruppen gibt es alle auch in Dorsten.

Welche Vorteile sehen Sie für künftige Bewohnergenerationen im Marienviertel?

Obwohl in den letzten Jahren einige Angebote wie das Freibad oder die Grundschule weggefallen sind, profitiert das Viertel immer noch von seiner vergleichsweise gut eingebundenen Lage mit Anschluss an Hervest und Holsterhausen. Auch zum Dorstener Zentrum ist es nicht besonders weit und der Bahnhof Hervest bietet Anbindungen in die Region. Das Marienviertel selbst hat auch nicht nur attraktive Landschaft im Viertel und darum herum zu bieten. In Verbindung mit der Vielfalt der Gebäudebestände und dem lebendigen Nachbarschafts- und Vereinsleben sehe ich auch in Zukunft gute Chancen, dass es für ganz unterschiedliche Bedürfnisse ein passendes Angebot bereithält.

Und wie sollen die Alteingesessenen mit den Veränderungsprozessen klarkommen?

Die Veränderungen passieren ja nicht einfach. Die Menschen im Marienviertel sind aktiv in die Prozesse eingebunden und haben die Chance, sich mit ihren Bedürfnissen in die Entwicklung einzubringen. Das geht zum Beispiel, indem sie sich am Dialog um die Zukunft des Schulgeländes beteiligen. Aber auch mit der Entscheidung, was sie mit ihrer eigenen Immobilie machen oder nicht machen – ob sie ihre Immobilie vielleicht in ein altersgerechtes Mehrgenerationenhaus umbauen oder sich ein kleineres Gebäude auf einem rückwärtigen Grundstücksteil errichten, um das zu groß gewordene Haus verkaufen zu können, gestalten sie die Entwicklung mit. In jedem Fall können auch die Alteingesessenen von den anstehenden Veränderungen profitieren und Einfluss auf die Zukunft ihres Zuhauses nehmen.

Was ist notwendig, um die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bekommen?

Aus meiner Sicht ist es entscheidend, dass die beteiligten Parteien rechtzeitig und auf Augenhöhe in einen Dialog über die Zukunft des Viertels treten. Die ersten Schritte dazu sind bereits getan: Über Formate wie eine Ideenwerkstatt, wie sie im Mai dieses Jahres für das Schulgelände stattgefunden hat, können die unterschiedlichen Interessen gesammelt und gemeinsame Ziele für die Entwicklung formuliert werden. Auch regelmäßige Gespräche mit dem Büro für Bürgerengagement, Ehrenamt und Sport und anderen Stellen der Stadt Dorsten tragen dazu bei, dass die Bewohner über den aktuellen Stand der Entwicklungen informiert sind, und ihre Anliegen einbringen können. Jetzt besteht die nächste Herausforderung darin, die Ziele zu konkretisieren und gemeinsam geeignete Strategien zur Umsetzung zu entwickeln.

Zum einen geht es darum, die Anbindung an die umliegenden Einzelhandels-, Dienstleistungs-, Infrastruktur-, Freiraum- und Freizeitangebote zu sichern und im Rahmen der Möglichkeiten auch das Angebot im Marienviertel selbst zu justieren. Zum anderen muss das Wohnraumangebot schrittweise an die veränderten Anforderungen angepasst werden. Dabei kann auch die Entwicklung auf dem Gelände der Gerhart-Hauptmann-Realschule helfen, wenn dort auch bisher fehlende Wohnformen wie beispielsweise kleinere barrierefreie Wohnungen ergänzt werden. Auf jeden Fall geht es nur gemeinsam – indem man sich auch weiterhin an einen Tisch setzt und auslotet, was jede der beteiligten Seiten beitragen kann. Die Voraussetzungen sind jedenfalls günstig.

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