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"Männer haben ganz großen Nachholbedarf"

Vera Konieczka im Interview

Seit 25 Jahren kämpft die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Dorsten, Vera Konieczka (Foto), für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Iris Schmellenkamp sprach mit der studierten Historikerin und Sozialwissenschaftlerin über Lücken im Kampf um mehr Gleichberechtigung in der Arbeitswelt.

DORSTEN

von Von Iris Schmellenkamp

, 24.05.2011
"Männer haben ganz großen Nachholbedarf"

Vera Konieczka.

Es gibt einen ganz großen Nachholbedarf auf Seiten der Männer. Für sie sind Kinder und Familie ein Karriereverstärker. Frauen halten ihnen mit ihrer Hausarbeit den Rücken frei. Leistungen wie Kochen und Bügeln funktionieren ja, weil Frauen sie übernehmen. Für die Frauen dagegen sind Kinder und Familie immer noch das größte Hemmnis für die eigene Karriere.

Meine Erfahrung aus der Wiedereinstiegsberatung ist, dass viele Frauen in der Privatwirtschaft nach drei Jahren Elternzeit wieder zurück in den Beruf möchten, aber statt früher Vollzeit nun Teilzeit arbeiten möchten. Wir empfehlen, auch andere Arbeitszeitmodelle als nur vormittags ins Auge zu fassen. Zum Beispiel zwei Tage pro Woche voll und einen Tag halb zu arbeiten. Das ist für den Arbeitgeber oft attraktiver, weil er ganze Tage voll mit der Arbeitnehmerin rechnen kann. Und die Frau spart sich Anfahrtswege.

Es gibt einen neuen Beruf, der mit dem Ausbau der Kindertagespflege entsteht. Diese wird als Stein der Weisen gelobt für den Bereich, wo öffentliche Betreuungsangebote nicht greifen. In der Regel arbeiten in der Kindertagespflege Frauen mit Unterstützung des Jugendamtes. Sie haben aber nicht die normalen Arbeitnehmerrechte, keine Arbeitslosenversicherung, keinen Anspruch auf bezahlten Urlaub oder sechswöchige Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Der Beruf der Tagesmutter ist nicht existenzsichernd. Er lebt auch davon, dass Frauen in der Familienversicherung ihres Ehemannes mitversichert sind.

Aus meiner Sicht müsste die Kindertagespflege künftig als Baustein in einer Ausbildung zur Erzieherin angerechnet werden können. Bisher ist die Kindertagespflege ein Sackgassenberuf für Frauen. Und so lange Frauen die Kinderbetreuung unter sich ausmachen und sich gegenseitig den Rücken freihalten, ändert sich nichts.

Unternehmer könnten offensiver für Teilzeitmodelle werben und sagen, dass Teilzeit auch in Führungspositionen möglich ist. Sie können auch dem „Verbund für Unternehmen und Familie“ beitreten. Es wäre schön, wenn dort nicht nur die Stadt Dorsten als einziger Dorstener Arbeitgeber Mitglied wäre. Der Verbund bietet unter anderem Seminare für Frauen an, die länger aus dem Beruf raus sind. Es ist einfach etwas anderes, ob ich als Unternehmer über gesetzliche Auflagen wie Elternzeit- und Teilzeitregelungen stöhne oder sie aus vollem Herzen akzeptiere und aktiv Angebote an qualifizierte Beschäftigte mit familiären Verpflichtungen mache.

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