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Familie mit "Schreikind" fand Hilfe in Gelsenkirchen

Monatelange Qual

Darian, heute fünf Monate alt, war ein sogenanntes "Schreikind". Die Sorge, ob es ihrem Kind gut geht, und die stundenlangen Brüllattacken ließen Mutter Kerstin und Vater Kevin Schulz monatelang nicht zur Ruhe kommen. Erst in der Schreiambulanz in Gelsenkirchen fand die Familie Hilfe.

WULFEN

von Von Karin von Cieminski

, 21.11.2010
Familie mit "Schreikind" fand Hilfe in Gelsenkirchen

Der kleine Darian (5 Monate) war ein "Schreikind". Erst die Schreiambulanz brachte Hilfe für seine Eltern Kevin und Kerstin Schulz.

Zuletzt hatte Kerstin Schulz ständig den sirenenlauten Tinnitus im Ohr, selbst als der kleine Darian schon schlief.

Das ist nun Vergangenheit. Dank eines Tipps sind die Eltern auf die Schreiambulanz in der Gelsenkirchener Kinderklinik aufmerksam geworden. Sie war ihre letzte Chance. Dort wurde der Familie geholfen. Denn bis dahin hatte sie schon eine Ärzte-Odyssee hinter sich. Intuitiv haben Kerstin und Kevin Schulz in den ersten Tagen im Krankenhaus geahnt, dass Darian zu viel schreit. „Er ist unser erstes Kind, wir hatten ja keine Vergleichsmöglichkeit“, erzählt der Papa und knuddelt seinen Sprössling.

Der lächelt und kommentiert die Streicheleinheiten mit fröhlichem Glucksen. „Die Babys meiner Zimmernachbarinnen waren viel stiller“, erinnert sich Kerstin Schulz. Zu Hause ist das übermäßige Schreien im ersten Monat nicht aufgefallen, weil sie ihr Kind viele Stunden gestillt hat. Als sie abgestillt hatte, wurde es eindeutig. Darian schrie über Stunden und ließ sich nicht beruhigen. Seine besorgten Eltern versuchten alles: Füttern, Wickeln, aufmunterndes Singen oder beruhigendes Flüstern und Umhertragen – nichts half. Kevin Schulz holt sein Handy und spielt eine Aufnahme ab. „Das mussten wir einfach festhalten.“ Allein diese zwei Minuten reichen, um sich auszumalen, wie sehr die Eltern gelitten haben.

„Darian hat dabei einen hochroten Kopf bekommen. Wir hatten Angst um seine Gesundheit“, beschreibt Kerstin Schulz, „mehrmals haben ihn die Ärzte untersucht. Und sagten, er sei gesund. Er schreie nicht, weil ihm etwas fehlt.“ Erst in der Schreiambulanz gab es die helfenden Anweisungen und einen konkreten Verdacht zur Ursache: die schwierige Geburt. Dort wurden die Eltern des Schreikindes Darian Schulz ausführlich befragt. Zu ihrer Krankheitsgeschichte und ob sie etwa während der Schwangerschaft ein Trauma erlebt haben.   Dann erzählte Kerstin Schulz von der schwierigen Geburt: „Sie wurde am Mittwoch eingeleitet und am Freitag wurde Darian dann per Notkaiserschnitt geholt.“ Das Baby hatte den Kopf in den Nacken gestreckt, schaffte es deshalb nicht aus dem Geburtskanal. Für kurze Zeit hatte es keine Herztöne mehr. „Und das Fruchtwasser war grün“, erzählt Kevin Schulz und muss schlucken: „Das bedeutet, dass Kot im Fruchtwasser ist. Das ist ein Zeichen für die Panik des Babys.“

Viele Schreikinder haben solch einen Hintergrund, erfuhren die Eltern in der Schreiambulanz. Sie seien nicht in der Lage, sich selbst zu regulieren. „Darian schrie sich in Rage und schaffte es nicht, von selbst wieder herunter zu kommen.“ Die gut gemeinte Beachtung der Eltern behinderte noch den Lernprozess. Von der Schreiambulanz bekamen die Eltern strikte Anweisungen, die sie zu Hause einhalten sollten. Sie mussten Darian ignorieren, wenn er schrie. Wenn er sich beruhigt hatte, durften sie wieder sein Zimmer betreten und sollten ihn loben – mit einer munteren Tonlage, ähnlich wie bei einem Hund. Auch der Tagesablauf und Rituale, wie die Spieluhr vor dem Gute-Nacht-Kuss, sollten fest eingehalten werden. „In den beiden ersten Tagen verwirrte das Darian, und er schrie noch mehr. Doch am dritten Tag war es um 80 Prozent besser.“ Das ist einige Wochen her, nun schreie er „fast nie“.

Standhaft zu bleiben und nicht hinzugehen, wenn das Baby schreit, war nicht einfach für die Eltern. „Deshalb bietet die Schreiambulanz verzweifelten Eltern auch an, das für sie durchzuführen.“ Oder wenn die Eltern keine Kraft mehr haben. Auch die Ehe des Paares litt. Und aus dem Umfeld mussten sich die Eltern mal ein Augenrollen oder gut gemeinte Ratschläge gefallen lassen. „Die dachten, dass wir übertreiben. Aber wer das nicht miterlebt hat, kann nicht mitreden.“ Die kleinen Stimmbänder machten aus den Eltern große Nervenbündel. Kerstin und Kevin Schulz schauen sich mit tiefem Blick an, das ist überstanden. Jetzt singen und spielen und tragen die Eltern ihren Darian, und können es einfach nur genießen.

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