Dirigentin Mirga Gražinyté-Tyla wird Exklusivkünstlerin am Konzerthaus Dortmund

dzWeltstar aus Birmingham

Es ist Tradition im Konzerthaus Dortmund, Exklusivkünstler beim Vornamen zu nennen. Auf Yannick folgt Mirga. In drei Jahren spricht das Publikum Gražinyté-Tyla so fließend wie Nézet-Séguin.

Dortmund

, 04.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Sie ist 32 Jahre jung, charmant, erfolgreich, temperamentvoll, charismatisch und zielstrebig. Und sie ist eine Frau. Die erste Frau, die ab der nächsten Saison Exklusivkünstlerin des Dortmunder Konzerthauses ist.

Besuch in Birmingham

Mitte März: Wir besuchen Mirga Gražinyté-Tyla in Birmingham, wo sie seit drei Jahren Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) ist. Damit ist sie in dieser Kadeschmiede in die Fußstapfen junger Newcomer wie Sir Simon Rattle und Andris Nelsons getreten.

„Mirga conducts Shostakovich“ steht auf der Eintrittskarte ins Konzert in der Birmingham Symphony Hall. Auch für die Konzertfreunde in der zweitgrößten Stadt Englands ist die zierliche, 1,60 Meter große Dirigentin nach drei Jahren immer noch die Mirga. So wie Yannick Nézet-Séguin in Dortmund anfangs eben der Yannick war.

Aber die Vollblut-Musikerin, die gerade als erste Dirigentin einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon abgeschlossen hat, wird in den nächsten drei Jahren eine so große Karriere machen, dass am Ende ihrer Zeit als Exklusivkünstlerin in Dortmund allen der Name Gražinyté-Tyla leicht über die Lippen fließen wird. Das litauische Tyla ist übrigens ein angehängter Künstler-Name und bedeutet Schweigen, Stille. Ungewöhnlich für eine Dirigentin, oder? „Ich finde Doppel-Künstlernamen faszinierend, weil viele Literaten den haben. Und wichtiger, als das, was man sagt, ist das, was man tut“, sagt Mirga.

Die Briten sind begeistert

Ihre Debüts in allen großen Häusern und bei allen wichtigen Orchestern hat die Maestra schon 2017 gegeben. Auch im Konzerthaus Dortmund hat die Tochter einer Musikerfamilie aus Vilnius, die mit Gesang aufgewachsen ist und erst Chorleiterin war, 2017 begeistert und wird es am 31. Mai wieder tun, bevor sie ab Herbst Exklusivkünstlerin ist.

Nachdem sie 2012 den „Young Conductors Award“ der Salzburger Festspiele gewonnen hat, hat die Karriere der Dirigentin Fahrt aufgenommen. Ihr erstes festes Engagement bekam die Musikerin, die fließend Deutsch spricht, in Deutschland: 2011 wurde sie zweite Kapellmeisterin am Theater Heidelberg. Intendant war dort Heribert Germeshausen, der nun Opernintendant in Dortmund ist.

Die junge Dirigentin hat viele Ideen

„Amazing“ war das Wort, das man nach dem Konzert in der mit rund 2000 Besuchern ausverkauften Konzerthalle in Birmingham am häufigsten hörte: „Amazing Mirga“ – die Briten lieben die Litauerin und jubeln ihr begeistert zu. Und der Intendant des CBSO, Stephen Maddock, ist so fasziniert, dass er den Vertrag mit seiner Maestra, der bis 2021 läuft, sofort verlängern würde. „Sie ist so frisch, sie hat so viele tolle Ideen“, sagt Maddock und zeigt auf die Bilder im Foyer, die Künstler live im Konzert zu Musik von Elgar gemalt haben.

Auch die Orchestermusiker sind begeistert. Weil Mirga so charming, höflich und immer freundlich ist und in der Probe am Nachmittag vor dem Konzert in Jeans und Sweatshirt-Jacke Sätze sagt wie „Ich würde mich sehr freuen, wenn es in den Holzbläsern in Takt 120 weicher klingen könnte“ oder „Ich hätte es sehr gerne, wenn wir alle dem Cello in Takt 54 noch mehr zuhören würden“.

Und das machen die Musiker dann – auch abends im Konzert. Die Maestra singt den Musikern auch gerne Stellen so vor, so, wie sie sich wünscht, dass sie später klingen sollen. Auch das kommt an. Und Mirga weiß genau, was sie will.

Ihren weißen Taktstock führt die Litauerin mit viel Präzision, trotzdem sehen ihre Armbewegungen superweich aus, ihre Mimik ist sprechend, die Körpersprache lauernd und temperamentvoll. Sie wirkt glücklich, wenn sie die Arme in die Luft reißt und lacht. Die Probe und das Konzert mit der jungen Dirigentin haben eine schöne Atmosphäre. Und das hört man.

Sängerfestival könnte auch in Dortmund stattfinden

Musik des polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg mag Mirga und den Geiger Gidon Kremer. Ob sie lieber mit Solistinnen als Solisten zusammenarbeite, fragen wir sie – weil sie in Dortmund mit Vilde Frang aufgetreten ist, im Mai mit Yuja Wang wiederkommt und in Birmingham Anna Vinnitskaya begleitet. „Das ist Zufall“, sagt sie und lacht: „Es gibt Frauen, die weniger sensibler spielen als Gidon Kremer“.

Ein Sängerfestival ruft Maetra Mirga im Juni Birmingham ins Leben – so, wie sie es aus ihrer Heimat Litauen kennt. „20.000 Menschen kommen in Vilnius zu so einem Ereignis. Litauen ist ein Sängerland. Waren Sie schon mal da?“, fragt Mirga und strahlt. In Birmingham haben sich für ihr „Song Festival“ schon 6000 Menschen angemeldet. „In Dortmund habe ich mich schon umgesehen. Da könnte man so etwas auch machen. Es gibt auch schöne alte Kirchen in der Nähe des Konzerthauses.“

Ein Lied für Baby Leonardas

Es klopft, das Kindermädchen bringt Sohn Leonardas in das kleine Zimmer im Orchesterbüro. Seine Geburt vor sieben Monaten hat das Leben der Dirigentin verändert. Sie arbeitet konzentrierter, fokussierter, reist weniger, gibt weniger und exklusivere Konzerte. Das Baby lächelt. „Er hat ein Lieblingslied, wenn ich das singe, lacht er immer“, sagt Mirga. Für ein, zwei Stunden ist sie jetzt nur Mutter, dann wieder Maestra.


Vier Fragen an Maestra Mirga:

Herbert Blomstedt und Kurt Masur waren Ihre Dirigier-Lehrer. Sie wirken temperamentvoller als die beiden.

Ja, aber das waren die schönsten Kurse, die ich gemacht habe. Beide haben mir klar vermittelt, dass alles, was wir als Dirigenten machen, aus Liebe zur Musik geschehen muss. Mit Blomstedt habe ich Bruckner 6 einstudiert, die ich in Dortmund mache.

Sie gehören zur zweiten Generation von Frauen am Pult. Haben Sie es leichter als früher eine Simone Young?

Ich habe noch 2006 in Litauen eine Dirigentin erlebt, die vom Orchester beleidigt worden ist. Wir haben es heute viel leichter, weil die Gesellschaft weiter ist. Kolleginnen wie Simone Young haben dafür gekämpft, dass Frauen vor dem Orchester stehen. Dafür bin ich dankbar. Aber es ist eine Lüge, zu sagen, es sei dasselbe, ob Mann oder Frau dirigieren. Wenn eine Frau ein Baby bekommen hat, arbeitet sie nicht sofort wieder so viel wie vor der Geburt.

Deshalb konzentrieren Sie sich jetzt auf das CBSO.
Ja und auch, weil das Orchester unheimlich viel Potenzial hat. Es ist ein Experiment für mich, den Fokus so stark auf ein Orchester zu legen.

Sie sagen, Sie möchten als Dirigentin keinen Mann imitieren. Haben Sie Vorbilder unter den männlichen Kollegen?

Simon Rattle. Er hat Geschichte geschrieben, nicht nur hier in Birmingham. Aber ich kann auch von gleichaltrigen oder jüngeren Kollegen viel lernen. Von Martynas Stakionis zum Beispiel, einem jungen Litauer.


Fünf Konzerte gibt Mirga Grazinyté-Tyla im Konzerthaus Dortmund:

  • „A Child of our Time“, 5.10.., 20 Uhr, Werke von Michael Tippett und Benjamin Britten , CBSO und CBSO-Chorus und Solisten.
  • „Im Geheimnis der Liebe“, 29.11., 20 Uhr, Tarab-Vertonungen ägyptischer Gedichte mit Mirga Grazinyte-Tyla (Gesang), Frank Stadler (Geige), Vera Kluf (Flöte) und Hossam Mahmoud (Oud).
  • „Bruckners Sechste“, 12.3., 20 Uhr, CBSO und Piotr Anderszewski (Klavier), Bruckner 6. Sinfonie und Bartók 3. Klavierkonzert.
  • „Brahms Dritte“, 21.3., 20 Uhr, CBSO und Gabriela Montero (Klavier), Brahms 3. Sinfonie, Tschaikowsky 1. Klavierkonzert und Serksnyte („De Profundis“).
  • „Salon“ – Raphael von Hoensbroech im Gespräch mit der Residenzkünstlerin Mirga Grazinyte-Tyla und ihrer Familie.

Der Vorverkauf für diese fünf Konzerte beginnt an diesem Freitag (5.4.) unter Tel. (0231) 22696200.

Den Rest des Spielplans stellt das Konzerthaus Dortmund am 2. Mai vor. Dann beginnt der Aboverkauf.

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