Dieses Video zeigt einen sehr dreisten Diebstahl

Die Tricks eines Profis

Das Überwachungsvideo ist eigentlich perfekt geeignet, um den Täter zu überführen: Selten hat die Polizei so ein klares Bild bei ihren Ermittlungen zur Verfügung. Ein Taschendiebstahl am 12. August in Senden. Eine 74-jährige Frau wird Opfer. Der Junge, der sie bestiehlt – er geht vor wie ein ausgebuffter Profi. Und doch: Die Polizei vermutet, sie habe kaum Chancen, diesen Täter zu überführen.

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, 24.08.2015, 18:27 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Polizei suchte einen minderjährigen Taschendieb, der in Senden eine Frau ausraubte. Mittlerweile ist der Täter ermittelt.

Die Polizei suchte einen minderjährigen Taschendieb, der in Senden eine Frau ausraubte. Mittlerweile ist der Täter ermittelt.

Der Täter, ein Junge, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, beobachtet die Frau lange. Heidemarie Besser heißt sie, ist 74 Jahre alt und kommt aus Senden. Bei ihrem Einkauf im Supermarkt ihres Vertrauens schiebt sie ihren Rollator durch die Reihen, um einzukaufen. Was sie nicht bemerkt: Der Junge läuft ihr hinterher. Er nimmt die Handtasche, die am Rollator baumelt, in den Fokus. Er weiß, dass sich darin ihre Geldbörse befindet – und er weiß genau, was er tut.

Täter hilft sich mit einem Trick

Man will Heidemarie Besser beim Betrachten des Videos förmlich zurufen: „Hinter dir! Vorsicht! Bitte dreh dich um!“ Doch wenn man dieses Video sieht, ist man wehrlos. Denn die Tat ist schon Geschehen. Der Täter hilft sich mit einem Trick: An ihrer linken Seite zieht er nach mehreren anderen Versuchen Ware aus den Regalen. Die Frau ist abgelenkt und er hat mehrere Sekunden Zeit, unbeobachtet die Geldbörse aus der Tasche zu fischen.

Unbeobachtet? Nicht ganz. Denn es geschieht direkt unter einer Video-Überwachungskamera. Die Frau merkt später, dass das Geld weg ist. Dann handelt sie wie ein Profi: Sie geht mit einer Mitarbeiterin des Geschäfts den Weg im Laden noch mal ab, um nachzuvollziehen, ob das Portmonee weggefallen ist. Dann ruft sie ihre Bank an, sperrt die Konten, stellt dann direkt Anzeige bei der Polizei. Die vergewissert sich im Supermarkt: Es gibt eine Kamera-Überwachung.

Bis zur Veröffentlichung des Videos ist es noch ein langer Weg – erst jetzt, zwölf Tage nach der Tat, ist der richterliche Beschluss da: Es darf zur Fahndung veröffentlicht werden. Genauso wie ein Foto als Ausschnitt aus dem Video, auf dem man den Jungen gut erkennen kann. „Hier sind Persönlichkeitsrechte im Spiel“, erklärt Polizeisprecher Martin Pollmann – darum muss die Polizei über die Staatsanwaltschaft gehen und auf einen Beschluss warten, der die Öffentlichkeitsfahndung möglich macht.

Dem Opfer geht es nach einem ersten Schock inzwischen besser: Der Opferschutz-Verband Weißer Ring übergab ihr am Montag in Coesfeld 150 Euro in bar zur Begleichung der Schäden. Das tue man, wenn eine Notsituation bei den Opfern erkennbar sei. Der Beuteschaden sei darin einkalkuliert und auch die Gebühren, die die Frau nun zahlen muss, um Ausweispapiere neu zu beantragen. Bis zu 250 Euro pro Fall schütte der Verein zum Teil aus, wenn eine Notlage bestünde.

Polizei hat kaum Hoffnungen

Obwohl das Video besser ist als man es sich als Ermittler nur wünschen kann, hat die Polizei laut Aussage kaum Hoffnung, den Täter zu ergreifen. Alle Indizien deuten darauf hin, dass es sich hierbei um organisierte Kriminalität handelt. Die Polizei spricht dabei von wandernden Diebesgruppen oder –clans. Kinder und Jugendliche würden oft von ihren Eltern oder anderen aus dem Clan gezwungen, zu stehlen. Und geschult. Der Junge ging im Sendener Fall so geschickt vor, dass sich mehr als nur vermuten lässt: Das war nicht seine erste Tat dieser Art. Martin Pollmann sagt: „Videotechnik ist kein Allheilmittel – aber das hilft uns schon sehr weiter.“

Insgesamt erreichte die Polizei im Kreis Coesfeld im Jahr 2014 eine Aufklärungsquote bei Taschendiebstählen von 6,43 Prozent. Das ist eine miese Quote: Es ist gerade mal etwa jeder 20. Diebstahl. 19 andere bleiben im Dunkeln. „Wir können aber die Aufklärungsquote kaum verbessern“, sagt Präventions-Experte Hans-Jürgen Dittrich, landesweit liege sie bei 5 bis 6 Prozent.  „Das hängt damit zusammen, dass die Maschen der Täter inzwischen sehr ausgeklügelt sind.“ Die Tätergruppen seien an einem Tag in Ort A, am nächsten Tag an Ort B. Profi-Diebe. Es gebe kaum aussagekräftige Zeugenhinweise, darum würden die Ermittlungen nach einiger Zeit oftmals erfolglos eingestellt.

Behörden müssen zusammenarbeiten

Eine Sonderermittler-Gruppe dazu gibt es beim Land NRW nicht. Vielmehr müssen die Kreispolizeibehörden, in deren Gebiet die Taten stattfinden, über ihre Grenzen hinweg mit Nachbarbehörden zusammenarbeiten. Darum liegt laut Dittrich die entscheidende Maßnahme in der Prävention: „Dadurch, dass wir die Menschen ansprechen, ihnen Tipps geben, sie dazu bringen, ein bisschen vorsichtiger zu sein“, sagt er, könne man die Zahl der Taten senken. „Wir wollen weniger Opfer und die Fallzahlen senken. Es ist viel Lauferei für den Geschädigten: Er verliert nicht nur das Geld, sondern auch seine Ausweise, EC-Karten, Kreditkarten und Co.“ Sie wiederzubeschaffen, koste Zeit und Geld.  

Heidemarie Besser sagt, sie habe aus dem Schaden gelernt: „Das ist eben passiert, was soll ich machen?“ Sie gehe jetzt zielstrebiger ins Geschäft und nur noch an den Regalen vorbei, aus denen sie wirklich etwas kaufen will. 

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