Dieses Foto aus Nordkirchen ist eine kleine Sensation und macht Vogelkundler neidisch

dzGrünspecht

Als Hubert Kersting auf den Auslöser drückt, freut er sich. Eine kuriose Szene aus seinem Garten hat er da festgehalten. Uwe Norra, Ornithologe aus Selm, sieht in dem Foto viel mehr.

Nordkirchen/Selm

, 23.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Hubert Kerstin ist nicht nur Vorsitzender des Nordkirchener Heimatvereins, sondern auch passionierter Hobbyfotograf. Die Digitalkamera hat er immer griffbereit liegen. Auch an diesem Tag, als er in seinen Garten blickt und auf dem Rasen etwas Seltsames beobachtet.

Zwei Grünspechte sitzen da, beide gleich groß. Das allein ist noch nichts Außergewöhnliches. Dass das Gefieder des einen etwas heller ist als das des anderen, wundert den 67-Jährigen auch nicht. Aber das, was die beiden Vögel tun.

Der eine hüpft zu dem anderen. Der sperrt den langen Schnabel weit auf, und es geht los: Mit ruckenden Bewegungen wechselt Nahrung von dem einen grünen Schlund in den anderen. Der Programmierer im Ruhestand drückt auf den Auslöser seines Fotoapparates und schickt das Ergebnis den Ruhr Nachrichten. Die Reporter zeigen es Uwe Norra, dem Ornithologen aus Selm. Und der ist sofort außer sich.

„Wer diese Aufnahme gemacht hat, ist ein echter Glückspilz.“

Uwe Norra, Ornithologe

Wer diese Aufnahme gemacht habe, schreibt Norra der Redaktion, sei „ein echter Glückspilz“. „In 50 Jahren Vogelbeobachtung habe ich schon viele Grünspechte gesehen“, ergänzt Norra, „aber noch keine Fütterungsszene. Das ist also wirklich eine besondere Aufnahme.“

Dieses Foto aus Nordkirchen ist eine kleine Sensation und macht Vogelkundler neidisch

Der Fotograf: Hubert Kersting aus Nordkirchen. © Beate Dorn

Sie zeigt einen alten Specht und sein Junges, wie Norra erläutert. Die Größe gibt keinen Hinweis darauf, wer wer ist. Beide Vögel sind etwa 30 Zentimeter groß. Nur das Gefieder verrät das Alter. Mutter Specht oder Vater Specht - die beiden unterscheiden sich nur durch einen winzigen Fleck auf der der Wange, der bei ihm Rot und bei ihr schwarz ist - füttern ihren Nachwuchs.

Die hellen Punkte am Kopf und im Federkleid verraten, dass das propere, große Tier noch ein Kind ist: ein hungriges. Was der Grünschnabel da so gierig in sich hineinschlingt, ist Ornis klar.

Ameisen sind die Leib- und Magenspeise

Ornis: Das ist nicht nur der Name für die Vogelwelt einer bestimmten Landschaft. So nennen sich auch gerne diejenigen, die sich damit besonders gut auskennen: die Ornitholgen. Vogelbeobachtung sei nicht nur irgendein Hobby, sondern eine Leidenschaft. Das steht für Uwe Norra, dem Selmer Orni, fest. Es sei aber außerdem die Chance, anderen Einblicke in ein Ökosystem zu geben, das zunehmend bedroht ist. Auch für Familie Grünspecht.

Ameisen, am liebsten Wiesenameisen: Sie sind die Leib- und Magenspeise der Grünspechte. Ameisenlarven, Ameisenpuppen, ausgewachsene Ameisen - alle schmecken den grünen Vögeln mit dem roten Kopf und einer schwarzen Gesichtsmaske, wie Zorro sie trägt. Die zehn Zentimeter lange Spechtzunge angelt die begehrten Insekten geradezu aus den Ameisenbauten. Die aufzufinden, ist der Grünspecht ein Meister. Selbst wenn eine Schneedecke die Landschaft verwandelt hat, kann er sich noch erinnern, wo er graben muss. Diese Spezialisierung ist auch ein Problem.

Warum der Grünspecht trotz wachsender Sorgen gut Lachen hat

Streuobstwiesen, auf denen die Wiesenameisen zuhause sind, gibt es immer seltener. Alte, abgestorbene Bäume, in denen die farbenfrohen Vögel ihre Höhlen bauen können, ebenfalls. Das hat Folgen; Bei der “Stunde der Gartenvögel 2019“ kam der dritthäufigste Specht Deutschland lediglich auf Rang 41 der am häufigsten beobachteten Vögel - Tendenz sinkend.

Immerhin: Noch hat der wegen seines Rufes genannte Lachvogel tatsächlich gut lachen: Nach Auskunft des Naturschutzbundes Deutschland (BIND) gab es 2014, als der Grünpecht Vogel des Jahres wurde, 42.000 Brutpaare in Deutschland: mehr als doppelt so viele wie 20 Jahre zuvor: eine Erfolgsgeschichte, die auch den milderen Wintern zu verdanken ist.

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