Deutsche Studenten in USA: Aufatmen bis zur nächsten Hiobsbotschaft

Hochschulen

Nach einer Protestwelle zieht Donald Trump überraschend seine Ausweisungsanordnung zurück. Rund 1,1 Millionen ausländische Studierende dürfen erst einmal bleiben. Dem Frieden aber trauen nicht alle.

Washington

15.07.2020, 14:35 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ausländische Studenten in den USA bangen weiterhin um ihre Aufenthaltserlaubnis.

Ausländische Studenten in den USA bangen weiterhin um ihre Aufenthaltserlaubnis. © picture alliance / Symolbild

Hans Pech saß gerade an der Vorbereitung seines Deutschkurses für Harvard-Studenten, als bei ihm eine Whatsapp-Nachricht im Handy aufschien. „Ich war sehr erleichtert“, gesteht der 36-Jährige, der an der amerikanischen Eliteuniversität in Cambridge bei Boston über spätmittelalterliche Mystik promoviert. Zehn Tage lang hatte der Deutsche wie Tausende Kommilitonen in der Sorge vor einer drohenden Ausweisung gelebt. Nun ist sein Verbleib in den USA erst einmal gesichert.

Völlig überraschend hat die Trump-Regierung am Dienstagnachmittag nämlich eine radikale Kehrtwende hingelegt: Die Einwanderungsbehörde ICE hob ihre in der vergangenen Woche angekündigte Regelung auf, die ausländischen Studierenden das Visum entzogen hätte, wenn an ihrer Universität wegen der Corona-Pandemie im Wintersemester nur Online-Kurse angeboten werden.

Genau das hat die renommierte Harvard-Universität angekündigt. Der internationale akademische Nachwuchs dort hätte nach den ursprünglichen Regierungsplänen nur die Wahl gehabt, sich an einer anderen US-Universität mit Präsenzunterricht anzumelden oder das Land zu verlassen.


Trump hat den Widerstand der Studenten unterschätzt

Die abrupte Ausweisungsdrohung passt zur Politik von Donald Trump, der Einreise und Zuzug von Ausländern in die USA immer schwerer macht und Schulen wie Hochschulen trotz dramatisch steigender Corona-Infektionszahlen drängt, so schnell wie möglich zum Normalbetrieb zurückzukehren. Doch dieses Mal hatte der Präsident offenbar den Widerstand der Gesellschaft unterschätzt.

„Die Grausamkeit dieser Anordnung wird nur durch ihre Rücksichtslosigkeit übertroffen“, protestierte Harvard-Präsident Larry Bacow und kündigte an, die Hochschule werde sich vor ihre Studenten stellen, auf die sie bei Gebühren von schlappen 49.653 Dollar pro Semester ohne Unterkunft auch finanziell dringend angewiesen ist. Innerhalb weniger Tage reichten Harvard und das benachbarte Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine Klage ein, mehr als 180 US-Universitäten und 26 Städte und Bezirke schlossen sich an. Auch 17 Bundesstaaten und die Hauptstadt Washington zogen vor den Kadi.

Die Anhörung vor dem Distriktgericht in Boston am Dienstag dauerte ganze vier Minuten. Richterin Allison Burroughs begrüßte den Anwalt der Hochschulen und den Vertreter der Einwanderungsbehörde. Doch bevor es zum Austausch der Argumente kommen konnte, berichtete Burroughs, dass sich die Regierung entschlossen habe, ihre Anordnung fallen zu lassen und zum Status Quo zurückzukehren.

So lautlos hat Donald Trump, der die Entscheidung der Harvard-Universität für den Online-Unterricht als „lächerlich“ bezeichnet und gepoltert hatte, das ehrwürdige Institut solle sich seiner selbst schämen, noch nie die Fahne eingerollt.


Viele Jung-Akademiker konnten gar nicht in ihre Heimatländer zurückkehren

Offenbar war irgendeinem Präsidentenberater im Weißen Haus doch noch gedämmert, dass die Hauruck-Anordnung nicht nur juristisch auf wackligen Füßen stand, sondern auch politisch gewaltigen Ärger verursachen würde. Sie betraf nämlich potenziell alle 1,1 Millionen ausländischen Studenten – darunter 9200 Deutsche - , die der amerikanischen Volkswirtschaft immerhin 40 Milliarden Dollar im Jahr einbringen.

Dutzende Tech-Unternehmen warnten eindringlich, dass sie auf den hochqualifizierten internationalen Nachwuchs angewiesen seien. Schließlich war völlig unklar, was mit jungen Akademikern passieren sollte, die wegen der Corona-Pandemie gar nicht in ihre Heimatländer zurückkehren können.

„Unausgegorener Plan“

„Die Entscheidung zeigt, wie unausgegoren der Plan der Regierung war“, sagt Johanna Schiele. Die 25-Jährige studiert in Harvard mit einem McCloy-Stipendium Public Policy. Nach der Verhängung des Corona-Lockdowns im März entschied sie sich, ein Freisemester zu nehmen und in dieser Zeit in London zu arbeiten.

Doch nach der Ausweisungsorder musste sie befürchten, im Januar nicht wieder nach Cambridge in den USA einreisen zu können, wo im Keller einer Wohngemeinschaft noch die Kisten mit ihren Habseligkeiten stehen. „Ich bin total erleichtert“, sagt Schiele, nicht ohne hinzuzufügen, dass Studierende aus Deutschland trotz der misslichen Lage privilegiert seien: „Viele Kommilitonen von mir wären deutlich härter betroffen gewesen.“

Das sieht Ruth Hütte genauso. Die 27-Jährige studiert in Harvard Öffentliche Verwaltung mit einem Schwerpunkt auf der wirtschaftlichen Entwicklung von Entwicklungsländern. Rund zwei Drittel ihrer Mitstudierenden kommen aus der Dritten Welt. Diese jungen Akademiker wären mit der Annullierung ihres US-Visums ohne Perspektive gewesen: „Die können entweder gar nicht in ihre Heimatländer zurück oder haben dort nicht die erforderliche Infrastruktur für ein Online-Studium.“

Mit anderen Vertretern des Studentenparlaments hat Huette in den vergangenen Tagen gegen die Ausweisungsorder gekämpft. „Wir freuen uns sehr. Das ist ein großer Erfolg“, sagt sie nun. Ob sie persönlich Angst davor hatte, ihr Studium nicht fortsetzen zu können? Anfangs sei sie schon „total geschockt und perplex“ gewesen. Doch dann blieb keine Zeit mehr zum Nachdenken: „Wir waren komplett damit beschäftigt, die rechtliche Situation im Detail zu verstehen und die Universität im Klageprozess zu unterstützen.“

Persönliche Schicksale

Hans Pech, der Germanistik-Doktorand, gesteht offen, dass ihn die drohende Ausweisung belastet hat: „Als ich das erfahren habe, konnte ich vier Tage nicht arbeiten.“ Für ihn steht nicht nur die Promotion, an der er seit vier Jahren arbeitet, auf dem Spiel. Pech lebt in Cambridge mit seiner Freundin, einer Amerikanerin, zusammen.

Ohne Visum wäre das Paar getrennt worden - und wegen der Einreisesperren aus Europa hätte er seine Partnerin auf absehbare Zeit nicht einmal besuchen können: „Der Gedanke macht einem schon extremen Stress.“

Diese Gefahr ist nun erst einmal vom Tisch. Doch komplett entspannen kann sich Pech angesichts des sprunghaften Regenten im Weißen Haus nicht: „Man muss immer damit rechnen, dass in ein paar Wochen die nächste Hiobsbotschaft kommt.“

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