Das Schauspiel „Die Dämonen“ ist ein Schlachtfeld für Neurotiker und ihre Ideen

Theater Dortmund

Im Dortmund Schauspielhaus hatten „Die Dämonen“ Theater-Premiere. Die Inszenierung des Dostojewski-Stoffes von Sascha Hawemann sorgte dafür, dass so mancher Zuschauer vorzeitig ging.

Dortmund

, 01.12.2019, 17:45 Uhr / Lesedauer: 2 min
Das Schauspiel „Die Dämonen“ ist ein Schlachtfeld für Neurotiker und ihre Ideen

Andreas Beck spielt Stepan, den Schöngeist. © 44793 Bochum

Erst strahlt die Bühne in unschuldigem Weiß. Am Ende ist jede Wand beschmiert, der Boden mit Erde und Blut besudelt, Flugblätter und Leichen liegen herum. Wolf Gutjahrs Bühnenbild wird im Lauf des Abends mehr und mehr zum Schlachtfeld, zum Friedhof für Menschen und Ideen, die bei Dostojewski kollidieren.

Mit „Die Dämonen“ wuchtet Regisseur Sascha Hawemann den wohl gewichtigsten Stoff im Werk des Russen auf die Dortmunder Theaterbühne, als einen Viereinhalb-Stünder (Premiere war am Freitag), der nach der Pause 30 Prozent des Publikums verloren hatte. Was daran liegt, dass Stück und Inszenierung die Aufnahmefähigkeit des Zuschauers arg strapazieren.

Viel Stoff muss abgearbeitet werden

Es gilt viel Stoff abzuarbeiten: Dostojewski schuf einen Zwitter aus Seelen- und Ideen-Drama. Er verhandelt große „-Ismen“ wie Nihilismus, Atheismus, Liberalismus, beschreibt klug die Gruppendynamik im totalitären Staat, fragt nach Gott, Glaube, russischer Volksseele.

Damit nicht genug, tun sich in den Charakteren Abgründe auf, die allein für ein Stück reichten. Wir sind in einer Kleinstadt, wo es revolutionär gärt und brodelt. Da ist der Literat, Schwadroneur und Schöngeist Stepan (Andreas Beck), der in aufkeimender Anarchie die Fahne des Humanismus schwenkt.

Kreis von Verschwörern

Ekkehard Freye spielt seinen Sohn: ein apokalyptischer Reiter, Kopf eines Kreises von Verschwörern. Frank Genser ist Nikolaj, der Sohn von Stepans Gönnerin (Friederike Tiefenbacher), und mit Annou Reiners und Alexandra Sinelnikova gibt es gleich zwei Frauen, die mit Nikolaj verbandelt sind. Das Ensemble spielt gut, man redet sich in Rage, stemmt Diskurse über Mensch und Welt.

Aber: Der Redeschwall dieser Neurotiker ermüdet, letztlich lassen die Figuren uns kalt. Witz und ironische Brechung (samt Verweisen aufs Heute) nutzen sich ab, das tonale Nebeneinander von Groteske und heavy Drama will nicht einleuchten. Je mehr debattiert wird, desto verschwommener das Bild, bis jede Überzeugung nach phrasenhaftem Dogma klingt. Okay, das wäre eine Ansage – Schluss mit der Diktatur der Ismen! Sie ist allerdings ziemlich vage und wenig kompakt formuliert und fordert viel Sitzfleisch ein.

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