Es ist Sommer, es ist heiß. Was darf man da eigentlich im Beruf tragen? Frag‘ doch den Knigge, da muss es doch klare Regeln geben. Und Knigge antwortete: falsch gedacht. Ein Interview über Benimmregeln.

DORTMUND

, 25.06.2019, 16:17 Uhr / Lesedauer: 5 min

Klare Benimmregeln? Miteinander reden ist viel wichtiger als Regelgläubigkeit. Das sagt niemand Geringeres als Moritz Freiherr Knigge. Der Nachfahre des sprichwörtlich-gewordenen Knigge ist selbst Autor und Redner zum Thema. Benjamin Legrand sprach mit ihm.

Das Thema Mode ist ein Klassiker. Auch Ihr berühmter Vorfahre Adolph Knigge hat darüber schon geschrieben.

Nö, das stimmt nicht.

Nicht über Bürokleidung, aber über angemessene Kleidung.

Ja, aber nur angekratzt. Die Wahrnehmung, dass Knigge der große Etikette-Papst sei, ist ein Unfall der kulturhistorischen Betrachtung. Knigge hat in seinem Leben keine Etikette-Regel formuliert.

Gut, die meisten Benimmregeln hat sein Verleger nach seinem Tod verfasst. Dabei war Kleiderordnung schon ein großes Thema. Grundsätzlich ist das Interesse an Regeln für Kleidung und Benimm bis heute groß.

Ich interpretiere das so: Die Leute suchen aus Unsicherheit heraus nach Regeln. Die Ratgeberliteratur bietet ihnen diese Regeln. Ob das immer funktioniert, würde ich aber in Frage stellen. Die Diversität des Lebens kann man gar nicht mit ein paar Regeln abdecken.

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Moritz Freiherr Knigge © Dennis Stobbe

Wenn es heiß ist, alle schwitzen, über 30 Grad. Sitzen Sie dann auch noch in Sakko und Krawatte im Büro?

Nein, das tue ich nicht. Ich sitze nie in Sakko und Krawatte im Büro. Krawatte auch bei Veranstaltungen immer seltener. Das ist sehr beobachtbar, dass die Krawatte in den letzten 15 Jahren auf dem Rückzug ist.

Welche Ursachen sehen Sie dafür?

Mode. Das ist einfach Mode. Als die Krawatte entstanden ist, hat man sie genommen als Statussymbol. Das scheint ausgedient zu haben. Gucken Sie Herrn Zetsche, den Chef von Daimler an: keine Krawatte. Und ich merke da auch bei meinen Veranstaltungen: Wenn ich vor 15 Jahren vor 200 Bankern eine Rede gehalten habe, hatten alle einen dunklen Anzug und Krawatte an. Das ist heute bei weitem nicht mehr so. Das hat sich einfach geändert.

Ist das ein Symbol für eine neue Offenheit – oder vielleicht auch eine Pseudo-Offenheit? Der Manager hat es im Silicon Valley gesehen und gibt sich jetzt besonders locker.

Das kann gut sein. Es ist ja auch zu sehen, dass die Hierarchien in der Wirtschaft flacher werden. Der Teamgedanke wird sehr in den Vordergrund gestellt, das miteinander Reden. Vor 20 Jahren konnte man noch sagen: Ich bin der Chef und ihr macht, was ich sage. Das hat ausgedient. Das hat die Wirtschaft auch gelernt, dass das nicht mehr viele Mitarbeiter mit sich machen lassen. Damit geht der Abschied der Krawatte und das Aufkommen weniger förmlicher Kleidung Hand in Hand.

Diese Umgangskultur ist deutlich lockerer geworden. Kleiderregeln spielen in vielen Büros keine Rolle mehr.

Absolut, es ist viel lockerer geworden. In Organisationen, die keinen direkten Kundenkontakt haben, ist es sogar sehr locker geworden. Der Kundenkontakt ist dabei entscheidend. Ein Mensch, der ein Haus kaufen möchte und einen Kredit braucht, kriegt ein komisches Gefühl, wenn er seinen Bankberater dann in Shorts und T-Shirt sieht. Deswegen werden Sie nie einen Bankberater in Shorts und T-Shirts sehen, weil nämlich die Kunden etwas anderes erwarten.

Ist Kundenkontakt denn das einzige Kriterium? Würden Sie denn mit kurzer Hose ins Büro gehen?

Ne, das habe ich noch nie gemacht. Ich lehne kurze Hosen jetzt nicht komplett ab, trage auch welche in der Freizeit. Aber im Büro… eher nicht.

Mir ist gerade ein Kollege mit Adiletten entgegen gekommen.

Und? War das schlimm?

Eher interessant. Wir hatten ein Gesprächsthema dadurch.

Die Diskussion über Bekleidung im Büro ist wieder ein schönes Beispiel dafür, dass sich so ganz feste Regeln, was angezogen werden darf, gar nicht machen lassen, weil Branchen und Umfelder nämlich so unterschiedlich sind. Ich würde mal sagen: Es kommt darauf, wo man gerade ist. Was erwarten Kunden? Was erwarten Kollegen? Warum kann man nicht im Unternehmen darüber reden, was man tragen kann, wenn es heiß ist? Man kann vielleicht einen Konsens darüber finden, wo die Grenzen liegen. Menschen haben ganz unterschiedliche Geschmäcker. Menschen haben ein sehr unterschiedliches Gefühl für das, was sie schön finden und was nicht. Wir haben alle sehr unterschiedliche Hintergründe. Warum nicht einfach mal drüber reden?

An einem Arbeitstag sind wir ja oft in unterschiedlichen Umfeldern unterwegs, mal im Büro mit den lieben Kollegen, dann mit anderen Abteilungen, dann mal draußen bei einem Termin. Alles andere Zusammenhänge. Das wird ja alles komplex.

Das ist alles nicht so einfach. Wissen Sie, ich mache mir ja immer Gedanken darüber, was höflich und was unhöflich ist. Für mich ist eine Basis für Höflichkeit die Fähigkeit zur Angemessenheit. In dem Umfeld, in dem man sich gerade bewegt, angemessen zu erscheinen. Angemessenheit ist natürlich ein relativer Begriff. Das haben Menschen ein sehr unterschiedliches Gefühl für. Aber man kann ja vielleicht auch fragen.

Helfen denn keine allgemeingültigen Regeln?

Sehen Sie: Ich als Knigge bin in Sachen Regeln ja ein gebranntes Kind. Mir werden ja immer Regeln unter die Nase gehalten: ‚Die Regel ist doof, die Regel ist toll. Machen Sie doch mal eine tolle Regel für mich.‘ Das ist meine Situation als Knigge. Vielleicht müsste man Regeln aber gemeinsam beschließen. Dafür muss man auch nicht warten, bis irgendeiner kommt und das tut, sondern aus Eigeninitiative. Warum nicht mal fragen: ‚Leute, wie mache ich das eigentlich? Wie kann ich das besser machen?‘ Der höfliche Mensch sucht den Fehler bei sich selbst und nicht bei seinem Umfeld. Er überlegt sich, was kann ich tun, um es möglichst angemessen zu tun.

Viele dieser ganzen Knigge-Ratgeber und Bekleidungsbücher handeln immer vom Büromenschen in höheren Etagen. Die meisten Arbeitnehmer haben damit ja nicht viel zu tun.

Da stimme ich zu. Es gibt so viele Etikette-Bücher, die spielen fast alle immer in so einer Sissi-Welt. Wer von uns muss sich tatsächlich darüber Gedanken machen, wie man einen Hummer richtig knackt? Da wird eine Welt kreiert, in der man gerne mal wäre.

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Der Umgang mit Menschen ist sein Thema: Moritz Freiherr Knigge tourt mit seinem Programm „Who the fuck is Knigge“ durch Deutschland. © Knigge

Sind Bekleidungsregeln denn überhaupt noch zeitgemäß?

Sie sind insofern zeitgemäß, als dass es scheinbar eine Menge Menschen gibt, die überhaupt kein Gefühl dafür haben, was angemessen ist. Man kann immer sagen, eine Regel ist doof und gegen die Individualität. Sie engt ein, klar. Aber man kann es auch umdrehen und sagen: Die Regel hilft mir. Sie hilft mir, dass ich nicht wie ein bunter Hund da stehe. Alle haben einen dunklen Anzug und ein langes Kleid an. Nur wir kommen in Jeans, T-Shirt und die Frau im Mini-Rock. Fühlen Sie sich dann wohl?

Schnell kommt der Vorwurf der Respektlosigkeit. Wir reden darüber, dass einerseits Individualität gefordert wird und wir alle einzigartig sind und sich nicht einengen dürfen. Aber wenn das dann einer macht, wird mit dem Finger auf ihn gezeigt und geschimpft. Das ist ein bisschen schizophren.

Das wäre ein schönes Schlusswort, aber ich kann nicht in mein Büro zurück, ohne diese Frage geklärt zu haben. Die Klimaanlage sorgt oft für Streit. Den einen ist es zu kalt, den anderen zu warm. Man kann sich nicht darauf einigen. Jetzt sagen Sie bestimmt, einfach drüber reden.

Ja, klären. Menschen haben nun mal ein sehr unterschiedliches Empfinden für Temperatur. Fast immer frieren Frauen schneller als Männer. Das ist der Klassiker, auch in Beziehungen. Das ist schwer zu regeln, weil das Empfinden so anders ist. Ganz oft kommt es zum Konflikt, weil die Leute sich nicht äußern. Die Äußerung sollte freundlich sein. Dabei darf man nicht dogmatisch werden. Man sollte sich nicht äußern, wenn man gerade sehr gereizt und dünnhäutig ist. Dann kommt es immer falsch rüber. Wenn einen das Umfeld als angenehm wahrnimmt, dann lässt das Umfeld ihre Kritik auch zu. Die Basis für Höflichkeit und guten Umgang ist Gelassenheit.

Dieses Interview wurde im Juli 2018 das erste Mal veröffentlicht.