Das Interview: Hengelbrock macht Klangtheater

DORTMUND Wenn Thomas Hengelbrock dirigiert, erlebt das Publikum aufregendes Klangtheater. Das Konzerthaus Dortmund präsentiert den 50-Jährigen in der nächsten Saison in drei Konzerten auf vielfältige Weise: zwei Mal mit seinem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble, und im Mai mit dem Mahler Chamber Orchestra und Webers "Freischütz".

von Von Julia Gaß

, 24.07.2008, 18:11 Uhr / Lesedauer: 2 min
Thomas Hengelbrock ist einer der spannendsten Dirigenten unserer Zeit. Drei Mal kommt er nach Dortmund.

Thomas Hengelbrock ist einer der spannendsten Dirigenten unserer Zeit. Drei Mal kommt er nach Dortmund.

Sehen Sie sich in Dortmund in der Rolle eines Residenzkünstlers?

Hengelbrock: Das Publikum kann mich und meine Arbeit intensiver kennen lernen. Die h-Moll-Messe von Bach ist mein Leib- und Magenstück. Beim "Freischütz" freue ich mich auf meine erste Zusammenarbeit mit dem Mahler Chamber Orchestra und möchte da auch versuchen, Naturtrompeten und -Hörner einzusetzen. Das erste Konzert mit der "Missa a tre cori" von Lotti, dieser wunderbaren Bach-Kantate "Weinen, Klagen, Sorgen, Zargen" und dem Misere von Zelenka liegt mir ganz besonders am Herzen.

Sie haben Lottis Requiem auf einer fantastischen CD eingespielt. Wenn man das hört, meint man, Lotti sei der Verdi des Barock.

Hengelbrock: Lottis Musik ist eine opernhafte Kirchenmusik, sehr theatralisch. Die "Missa a tre cori" haben wir gerade neu editiert. Meines Wissens ist es in Dortmund die erste Aufführung.

Sie waren Geiger in Harnoncourts Orchester. Aber wenn man die jüngere Dirigentengeneration, zu der Sie oder auch Marc Minkowski gehören, heute mit Musik auf historischen Instrumenten hört, klingt das moderner als früher bei Harnoncourt.

Hengelbrock: Es hat sich im Instrumentenbau viel verändert. Der Klang der Barockgeigen ist besser als vor 30, 40 Jahren. Und da sitzt eine neue Musikergeneration, die Dinge anbietet, um die wir vor einigen Jahren kämpfen mussten

Sie haben auch Verdi-Opern, Rigoletto und Falstaff auf historischen Instrumenten aufgeführt. Passt das zu Verdis Musik?

Hengelbrock: Es war fantastisch. Es erfordert vom Orchester eine expressive, mutige Spielweise. Auch das konservative Publikum war begeistert, weil es eine neue Klangerfahrung gemacht hat.

Bachs h-Moll-Messe ist der Abschluss der Dortmunder Porträtreihe. Passt die Messe in einen Konzertsaal?

Hengelbrock: Die Messe ist auch ein theatralisches Werk. Bach hat Sätze aus seinen Kantaten umgearbeitet. Denken Sie etwa an die Kantate 102 ,Herr deine Augen sehen nach dem Glauben'. Das ist einer der aufregendsten, dramatischsten Texte, die ich kenne, viel mehr als ,Kyrie eleison'. Wir drehen die Sache um und schauen, welche Idee hinter dem ,Herr erbarme Dich'-Satz steckt.

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