Darum wird Aldi seine Billigfleisch-Strategie kaum durchhalten können

Lebensmittel

Aldi will Schweinefleisch weiter günstiger machen - und sorgt damit für einen kleinen Eklat. Denn zuletzt gab es viel Kritik an den niedrigen Fleischpreisen.

Berlin

23.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Bei Aldi soll Fleisch günstiger werden.

Bei Aldi soll Fleisch günstiger werden. © picture alliance/dpa

„Falsches Signal“ und „komplett gewissenlos“ - als Aldi jüngst ankündigte, die Preise für Fleisch und Wurstwaren zu senken, kam es prompt zum Eklat. Denn die Ankündigung fiel just auf den Tag, an dem das Bundeskabinett beschloss, per Gesetzesänderung etwas gegen die miserablen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie zu unternehmen. Und sind nicht die niedrigen Preise einer der Gründe, weshalb in der Fleischwirtschaft Menschen und Tieren so übel zugesetzt wird?

So jedenfalls las sich die Kritik, etwa seitens des Bundesverbands der Fleischwarenindustrie. „Komplett gewissenlos“ sei die Ankündigung, sagte Verbandspräsidentin Sarah Dhem unter Verweis auf die bald steigenden Kosten der Verarbeiter. Und der Tierschutzbund sekundierte, dass die Entscheidung ein falsches Signal sei, schließlich gebe es schon länger eine Diskussion über Probleme bei der Tierhaltung.

Aldi will Preise für Fleisch senken

Aldi gab sich von alldem allerdings unbeirrt: Laut Lebensmittelzeitung verweist der Discounter in einem Brief an die Produzenten auf die aktuelle Marktlage: Fleisch - vor allem das von Schweinen - ist im Einkauf zuletzt deutlich billiger geworden. Die Preise sanken laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) seit Januar von etwa 2,05 Euro auf 1,75 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht.

Hintergrund sind gleich mehrere Entwicklungen, die großteils mit dem Coronavirus zusammenhängen. So hatte im vergangenen Jahr eine Schweinepest in China die dortigen Viehbestände dezimiert. Normalerweise entfallen etwa 45 Prozent der weltweiten Schweinehaltung auf die Volksrepublik, doch plötzlich wurde das Land zum Großimporteur. Und mit der Nachfrage stiegen 2019 auch die Preise für Schweinefleisch hierzulande.

Denn der Fleischmarkt ist heutzutage weitgehend globalisiert. Das Ergebnis: Deutsche Landwirte produzieren auch für China. Dabei geht nicht zwangsweise das ganze Schwein in die Volksrepublik - aber eben Einzelteile, was sich letzten Endes auf den Schlachtpreis auswirkt. Insgesamt gilt allerdings, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern weniger für den Weltmarkt produziert.

Nachfrage in China eingebrochen

Seit der Eskalation der Corona-Krise im Januar ist die Nachfrage in China allerdings drastisch gesunken, was auch den Preisverfall in Deutschland mit sich brachte. Schließlich stand der ein oder andere Verarbeiter auf einmal vor der Entscheidung, deutsches Schweinefleisch zu kaufen - oder eben auf ursprünglich für China gedachte Waren zurückzugreifen. Beschleunigt wurde der Preisverfall durch die Schließungen von Gastronomie und Betriebskantinen, in denen traditionell ebenfalls viel Schweinefleisch zubereitet wird, wie es beim Branchenmagazin Fleischwirtschaft.de heißt.

Der Weltmarkt für Schweinefleisch wird überdies gerade mit günstiger Ware aus den USA geflutet. Auch dort gibt es Medienberichten zufolge eine Überproduktion an unverarbeiteten Schweinen. 80 Cent pro Kilo Schlachtgewicht sei bei den dortigen Exporteuren derzeit keine Seltenheit - was einen enormen Preisdruck aufbauen dürfte.

Aldi will sich das nun zu nutze machen: „Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, diese dynamische Entwicklung sehr kurzfristig aufzugreifen und in ein attraktives Angebot für unsere Kunden umzusetzen“, heißt es in dem Schreiben des Discounters an die Produzenten.

Endet der Schweinezyklus bald?

Inwiefern die angekündigten Preissenkungen von Dauer sind, bleibt allerdings abzuwarten. Ökonomen sprechen schon seit Jahrzehnten von einem so genannten „Schweinezyklus“. Der Begriff beschreibt, dass die Produktion mancher Güter - wie etwa Schweinefleisch - nicht von heute auf morgen reduziert werden kann, wenn die Nachfrage nachlässt. Denn ein Schwein muss über mehrere Monate aufgezogen werden, bevor es zu Wurst oder Braten verarbeitet werden kann.

Doch just dieser Schweinezyklus könnte bald enden: Am Schlachtschweinemarkt schreite der Abbau der Überhänge weiter voran und die zuletzt schwierige Situation stabilisiere sich zusehends, teilte etwa die Interessengemeinschaft der Schweinehalter jüngst mit. Gut möglich, dass günstiges Schweinefleisch bei Aldi also nur ein temporäres Phänomen ist - zumal mit der Wiedereröffnung der Gastronomie ein wichtiger Absatzmarkt für die Fleischwirtschaft wieder anläuft. Und auch in China rechnet die Regierung mit einer deutlichen Erholung der Importe.

RND