Notbremse für alle Kommunen im Kreis Coesfeld - die beste Lösung?

dzCoronavirus

Die vielen Neuinfektionen im Kreis führen nun dazu, das bereits beschlossene Lockerungen wegfallen. Und zwar für alle Städte des Kreises. Das gibt auch Anlass für Kritik.

Nordkirchen, Olfen, Ascheberg

, 08.05.2020, 19:42 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer in der kommenden Woche ins Restaurant gehen möchte, kann das in Selm, im Kreis Unna tun. In der Nachbarstadt Olfen, im Kreis Coesfeld, in einer Entfernung von etwa sieben Kilometern, wird das aber nicht gehen. In Nordkirchen genauso wenig.

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann verkündete am Freitagnachmittag die Regelung, die eine Konsequenz ist, aus den rasant gestiegenen Infektionszahlen im Kreis Coesfeld. Als erster Kreis in Nordrhein-Westfalen hatte der Kreis Coesfeld die neue Corona-Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen überschritten.

Das heißt, so Laumann in einer Pressekonferenz, dass Regelungen, die für den 11. Mai in Kraft treten, zunächst auf den 18. Mai verschoben werden. Mit Ausnahme der Regelungen, die die Schulen betreffen. Das bedeutet: Restaurants dürfen noch nicht öffnen, auch Fitnessstudios oder Freizeitparks nicht. Die erweiterte Kontaktregel: Auch sie gilt für Menschen im Kreis Coesfeld noch nicht. Sie dürfen sich weiterhin nur mit einer weiteren Person, die nicht zur Familie gehört, in der Öffentlichkeit treffen. Nicht aber mit einer weiteren Familie.

Keine kleinteilige Regelung für die Städte im Kreis

NRWs Ministerpräsident Armin Laschet hatte noch am Mittwoch in einer Pressekonferenz die Vermutung nahe gelegt, dass NRW, sollte die Grenze überschritten werden, lokale Lösungen findet. NRW sei in einer Sondersituation und das Risiko in einer Stadt natürlich eine andere als in einer ländlichen Gegend. Wenn das Coronavirus in einem Altenheim ausbreche, müsse man deswegen schließlich keine Schulen schließen, so Laschet. „Man muss sich den Kreis anschauen“, sagte Laschet am Mittwoch.

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Dennoch kam das Land dann am Freitag zu dem Schluss, dass die Regelung für alle Städte und Gemeinden gelten müsse. Zwar hat Nordkirchen beispielsweise seit drei Wochen keine neuen Infektionen mehr und Olfen seit einer Woche, aber eine Einschränkung für nur manche Städte und Gemeinden im Kreis soll es nicht geben.

Warum? „Weil das Reglement so ist, dass wir in Kreisen und kreisfreien Städten denken“, sagt Karl-Josef Laumann dazu auf Nachfrage. Der Kreis Coesfeld sei sogar einer der kleineren Kreis mit seinen 219.000 Einwohnern, „da noch mal kleinteiliger zu handeln, hätte für Verwirrung gesorgt“, so Laumann.

Bürgermeister von Regelung überrascht

Olfens Bürgermeister Wilhelm Sendermann ist von der schnellen Entwicklung der Ereignisse am Freitag überrascht - er hatte nicht damit gerechnet, dass die Entwicklungen in Coesfeld Auswirkungen für alle Kreisstädte haben werden. Er halte den dezentralen Ansatz für richtig, dass das Land bei solchen Fragen entscheide, „aber dann müsste man auch Räume finden, die der Realität mehr entsprechen. Wir sind betroffen von Entwicklungen, die 40 Kilometer entfernt sind“, so Sendermann. Schließlich gebe es Städte, die viel näher an der Stadt Coesfeld dran sind, wo es viele Infizierte gibt. Sie haben aber keine Einschränkungen, weil sie in einem anderen Kreis leben. „Wir müssen uns da einfach fragen, ob unsere Systeme gut genug sind“, so Sendermann, oder, ob man für die Zukunft auch eine bessere Lösung finden könnte.

Gleichzeitig fühle er sich auch in seiner Meinung bestärkt, so Sendermann, weil man sehe, auf wie dünnen Eis man sich aktuell in der Coronakrise bewege. Erst am Montag hatte der Bürgermeister gewarnt, dass neu errungene Freiheiten schnell wieder verschwinden könnten, wenn man das Coronavirus zu sehr auf die leichte Schulter nehme. „Neben Corona macht sich gerade ein Virus breit, der zwar nicht tötet, aber unsere ganze Gesellschaft in Mitleidenschaft ziehen könnte. Es ist das Gift der Verharmlosung“, schrieb Sendermann.

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Dass sich die Entwicklungen im Kreis so schnell überschlagen, hätte aber auch Sendermann niemals gedacht. Bisher, so sagt er am späten Freitagnachmittag, hat er nicht mal die Verordnung erhalten, von den Regelungen, die am Mittwoch beschlossen worden sind. Sie werden jetzt für seine Stadt und die anderen Städte und Gemeinden im Kreis schon nicht mehr gelten. Er sagt aber auch: Ich habe Respekt davor, dass politisch Verantwortliche, die unter großen Druck handeln, solche Entscheidungen treffen.“

Regelung für alle: Hart, aber sicher

Auch sein Kollege Dietmar Bergmann, Bürgermeister von Nordkirchen, versucht sich in der schnelllebigen Nachrichtenlage noch zu orientieren. Froh sei er immerhin, dass die schon in Kraft getretenen Regelungen bleiben können. Erst am Vortag hatte die Gemeinde, wie auch die Stadt Olfen, die Spielplätze wieder freigegeben. „Anders wäre es aus meiner Sicht auch nicht vertretbar gewesen“, so Bergmann. Dennoch sei die Tatsache, dass der ganze Kreis betroffen sei „ein Schlag ins Kontor.“ Zum Beispiel für die Gastronomen, die sich nun auf eine Öffnung ihrer Lokale für Gäste - nicht nur für einen Abholdienst - wieder vorbereitet hatten.

Bergmann sagt aber auch: „Die Gesundheit geht vor“, und wenn man solche hohen Steigerungszahlen im Kreis habe, dann könne das schnell um sich greifen. Am Montag hatte der Kreis das erste Mal 51 neue Infektionen verkündet, 52 waren es am Donnerstag gewesen, noch einmal 28 am Freitag. Auch in Dülmen hatten sich Menschen infiziert und das sei dann doch nicht so weit weg wie zum Beispiel Coesfeld und Rosendahl aus Sicht von Nordkirchen. Dietmar Bergmann sagt: „Das jetzt ist die härtere, aber die sichere Variante.“ Coesfelds Landrat Christian Schulze Pellengahr sagt auf Anfrage, auch er habe sich eine lokalere Regelung gewünscht, aber er habe auch Verständnis für die Regelung, die jetzt getroffen wurde.

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