Coronavirus: Die Angst vor der zweiten Infektionswelle

Coronavirus

In Deutschland konstatiert das RKI einen leichten Anstieg der Reproduktionsrate. Mehrere Länder lockern ihre Maßnahmen bereits. Virologen warnen vor der Gefahr einer zweiten Infektionswelle.

29.04.2020, 09:36 Uhr / Lesedauer: 5 min
Virologen warnen davor, die Erfolge der Eindämmung des Coronavirus in Deutschland aufs Spiel zu setzen - und eine zweite Infektionswelle zu riskieren.

Virologen warnen davor, die Erfolge der Eindämmung des Coronavirus in Deutschland aufs Spiel zu setzen - und eine zweite Infektionswelle zu riskieren. © picture alliance/dpa

Singapur galt lange Zeit als Musterschüler bei der Virusbekämpfung. Noch als Südkorea mit seiner ersten Infektionswelle zu kämpfen hatte, schloss der südasiatische Inselstaat frühzeitig seine Grenzen zu China. Die Epidemie schien im Keim erstickt, noch ehe sie wirklich ausgebrochen war.

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Spätestens seit Mitte April müssen die 5,7 Millionen Singapurer jedoch auf die harte Tour lernen, dass der Kampf gegen Covid-19 kein Sprint, sondern vielmehr ein Marathon ist. Innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen ist die Zahl der täglichen Neuinfektionen von ein- auf dreistellig hochgeschnellt. Am Dienstag haben die Behörden 528 neue Ansteckungen bestätigt, was die Gesamtzahl aller registrierten Covid-19-Fälle auf knapp 15.000 erhöht.

In Singapur zeigt sich also nun offenbar das, was Epidemiologen, Politiker und Ökonomen weltweit fürchten: das viel zitierte Schreckgespenst einer zweiten Welle, einen erneuten Wiederanstieg der Infektionszahlen, der sich nur mit einem Rückfall in überwunden geglaubte strengste Lockdown-Zeiten wieder bremsen lässt.

Der Preis der Normalität?

Droht das nun jedem Land, das in seiner Eindämmungsdisziplin ein wenig nachlässt? Das es wagt, Kinder wieder in die Schulen zu schicken, Geschäfte wieder zu öffnen – oder gar Tagesausflüge ans Meer zuzulassen? Ist das der Preis jedes noch so kleinen Schritts zurück in Richtung Normalität?

In Deutschland jedenfalls hatte der Chef des Robert-Koch-Insituts, Lothar Wieler, am Dienstag einen ersten zarten Rückschritt bei der Bekämpfung des Virus zu verkünden: Die Reproduktionszahl sei hierzulande wieder auf 1,0 gestiegen – nachdem sie seit Anfang März von knapp drei auf zuletzt 0,9 gesunken war. Wieler nahm den Anstieg zum Anlass, noch mal mit Nachdruck auf die Einhaltung von Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln zu pochen: „Wir wollen nicht, dass das Gesundheitssystem überfordert wird, und wir wollen nicht, dass viele Menschen an Covid-19 sterben.“ Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder assistierte kurz darauf mit einer drastischeren Interpretation der Zahl: Der Anstieg zeige, was passiert, „wenn man ohne Plan lockert“.

Die Karriere einer Kennzahl

Daran zeigt sich: Der Reproduktionswert des Virus, abgekürzt Rt, hat eine erstaunliche Karriere hinter sich: vom Fachbegriff von Epidemiologen hin zum scheinbar entscheidenden Gradmesser, wie viel Normalität sich Deutschland wieder leisten kann – und zur politischen Kampfgröße.

Dabei ist die Reproduktionszahl zunächst mal einfach eine statistische Größe: Sie gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Wenn Rt gleich 1,0 ist, dann steckt ein Infizierter im Schnitt einen Menschen an. Die Zahl der Infizierten bleibt dann insgesamt gleich.

Diese Zahl ist von mehreren Variablen abhängig: Mit wie vielen Menschen sich ein Infizierter trifft, dann von der Wahrscheinlichkeit, dass es bei diesem Kontakt zu einer Ansteckung kommt, und schließlich auch davon, wie viele Menschen bereits gegen das Virus immun sind.

Folgen des Leichtsinns

Sinkt der Reproduktionswert unter eins, sinkt auch die Zahl der Infizierten; steigt er über eins, dann erhöht sich auch die Zahl der Infizierten im Land wieder. Welche Folgen selbst kleine Änderungen hinter dem Komma haben können, hatte ausgerechnet Angela Merkel vor Kurzem deutlich gemacht: Schon bei einem Anstieg auf den Wert 1,3 wäre das Gesundheitssystem schon im Juni überlastet; bei einem Wert von 1,1 sei es immer noch im Herbst so weit. Man dürfe sich „keine Sekunde in Sicherheit wiegen“, sagte Merkel.

Zeigen sich nun tatsächlich schon erste alarmierende Folgen einer neuen Leichtsinnigkeit, wie Söder nahelegt?

Die Zahl Rt entscheidet

Tatsächlich gibt es gute Gründe, den Reproduktionswert nicht zum alleinigen Maßstab zu machen. Die Zahl ist ein bundesweiter Mittelwert. Schon ein einziger massiver Ausbruch etwa in einer Unterkunft für Geflüchtete, wie zuletzt in Halberstadt, oder in einem Pflegeheim drücken den Wert massiv nach oben. „Ich bin total dagegen, diese Zahl Rt als goldenes Kalb zu verehren“, sagte zuletzt der Virologe Alexander Kekulé im ZDF.

Auch der RKI-Chef warnte davor, die Zahl Rt isoliert zu betrachten – sondern im Zusammenhang mit anderen Größen wie den Kapazitäten des Gesundheitssystems und den Infektionszahlen insgesamt, bei denen Deutschland zurzeit sehr gut dasteht. Und wie zum Beweis der Vorläufigkeit dieses Werts korrigierte das RKI ihn nach gerade mal 24 Stunden wieder nach unten, auf 0,9. Der höhere Wert habe sich auf den Zeitpunkt 27. April, 0 Uhr, bezogen – der neue Wert bezieht sich auf denselben Zeitpunkt, einen Tag später.

„Wir wollen nicht, dass das Gesundheitssystem überfordert wird“: Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts, am Dienstag.

„Wir wollen nicht, dass das Gesundheitssystem überfordert wird“: Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts, am Dienstag. © picture alliance/dpa

Der rasche erneute Rückgang zeigt, wie wenig Raum und Zeit zwischen Entspannung und Alarmismus lieg; er zeigt auch die Unsicherheit der Forscher selbst. Und er zeigt, wie fragil die Fortschritte in der Bekämpfung des Virus sind, auf deren Basis Deutschland jetzt über weitere Öffnungen diskutiert.

Virologischer Dogmatismus - oder berechtigte Sorge?

Die Warnungen der Forscher vor einer Welle wurden jedenfalls zuletzt lauter – und sie gründeten nicht auf kleinen Schwankungen des Rt-Werts. Er bedauere es zu sehen, „dass wir dabei sind, den Vorsprung, den wir in Deutschland haben, vielleicht komplett zu verspielen“, sagte Virologe Christian Drosten zuletzt mit Blick zum Beispiel auf gut gefüllte Einkaufsmalls. Sein Kollege Kekulé bemängelt, dass jetzt viele Maßnahmen zugleich gelockert werden – und man so nicht rückschließen kann, was sich wie auswirkt.

Man kann darin virologischen Dogmatismus sehen – oder die berechtigte Sorge, dass eine zweite Infektionswelle mit erneuten Schließungen von Geschäften und Schulen Menschen und Wirtschaft noch stärker treffen würde als die erste.

Klar ist jedenfalls, dass immer mehr Länder trotz teils noch immer hoher Fallzahlen zu weiteren Lockerungen ansetzen:

  • Frankreich will ab dem 11. Mai die Ausgangssperre lockern und Kitas und Grundschulen wieder öffnen.
  • Österreich will seine Gastronomie unter bestimmten Auflagen ab dem 15. Mai wieder öffnen, Hotels ab dem 29. Mai. Als Mindestabstand bei Kontakten soll künftig in Österreich ein Meter reichen.
  • Spanien will ab dem 2. Mai wieder Sport im Freien erlauben. Seit Sonntag dürfen dort auch wieder Kinder das Haus verlassen.

Alle Länder berufen sich dabei auf gesunkene Neuinfektionszahlen und den Erfolg ihrer Maßnahmen – ohne wiederum sagen zu können, wie sich deren schrittweise Rücknahme jetzt im Einzelnen auswirkt. Erst mit 14 Tagen bis drei Wochen Verzögerung bilden die Infektionszahlen die Wirklichkeit ab. Das heißt: Im leichten Anstieg der Reproduktionsrate in Deutschland zeigen sich jetzt wahrscheinlich die Osterausflüge und -besuche, die sich die Menschen erlaubt haben. Die Frage lautet: Wenn schon die wenigen Wege und Kontakte diese Wirkung hatten – was folgt dann aus offenen Geschäften und Schulen?

Mit voller Wucht

Die Warnungen der Forscher vor einer zweiten Welle geraten auch deshalb so laut, weil sie Deutschland im schlechtesten Fall stärker treffen könnte als die erste. So gebe es nach wie vor nicht genügend Tests vor allem für die Pflegenden in Altenheimen und das medizinische Personal, ebenso wenig wie Masken, kritisiert der Virologe Kekulé – und auch die Tracing-App ist noch immer nicht einsatzbereit.

Auf der anderen Seite hätte das Virus hierzulande bessere Startbedingungen als beim ersten Mal – weil es sich nicht von einzelnen Hotspots wie Heinsberg aus verbreiten müsste, sondern bereits überall im Land vorhanden ist. Waren da vor allem Jüngere betroffen, Rückkehrer aus dem Urlaub, wären es jetzt verstärkt auch die Älteren.

Die eingepferchten Arbeitsmigranten von Singapur

Auch der Blick in die Geschichte nährt die Vorsicht: Untersuchungen über amerikanische Städte während der Spanischen Grippe zeigen, dass gerade die Kommunen, die sich mit einem Shutdown relativ erfolgreich gegen die erste Welle gewehrt hatten, von der zweiten umso heftiger betroffen waren.

In Singapur war der Ursprung der neuerlichen Infektionswelle rasch gefunden: Sie hatte sich besonders unter den Arbeitsmigranten ausgebreitet, die oft unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht in eigenen Wohnheimen leben. Sie stellen knapp 85 Prozent aller Virusfälle.

Die Konsequenzen aber betreffen das ganze Land: Nachdem der Alltag zunächst kaum eingeschränkt war und Schulen und Geschäfte geöffnet waren, dürfen jetzt nur noch systemrelevante Gruppen arbeiten und Bürger noch zum Einkaufen die Wohnungen verlassen. Der Wirtschaftseinbruch, zunächst auf 4 Prozent prognostiziert, soll jetzt um einiges schwerer ausfallen.