Corona: Zeit der Rasenmäher-Methode bei Einschränkungen muss enden

dzKlare Kante

Anfangs war es richtig, in der Coronakrise eine gesellschaftliche Vollbremsung hinzulegen. Jetzt aber nicht mehr, meint unser Autor. Die Schäden seien sonst größer als durch das Virus selbst.

Dortmund

, 04.05.2020, 16:41 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als Ende Februar, Anfang März die Corona-Krise sich wie ein Schatten über unser Land legte, übernahmen Virologen das Zepter. Sie gaben das Ziel aller Maßnahmen bei der Bekämpfung der aufziehenden Pandemie aus: Erstens müsse das Wachstum der Fallzahlen so gebremst werden, dass unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht. Zugleich schaffe man damit die notwendige Zeit, um zweitens die Zahl von Beatmungsplätzen auf unseren Intensivstationen so auszubauen, dass niemand abgewiesen werden müsse.

Die Mediziner nannten nachvollziehbare Maßstäbe, an denen sich Erfolg oder Misserfolg von politisch dann getroffenen Maßnahmen messen lasse. Wir lernten die Verdoppelungszahl als die Zahl von Tagen kennen, innerhalb derer sich die Zahl der Infizierten verdoppelt. Die müsse mindestens 10 erreichen, hieß es. Dann tauchte die Reproduktionszahl als Gradmesser auf, also: Wieviele andere Menschen steckt ein infizierter Mensch an? Die Zahl müsse bei 1,0 oder darunter liegen.

Alle Zielvorgaben erfüllt

Die Zahl der Intensivbetten wurde so erhöht, dass viele Kliniken inzwischen die Reservierung für Corona-Patienten wieder aufgehoben haben. Die Reproduktionszahl liegt heute zwischen 0,7 und 0,9 und die Verdoppelungszeit bei annähernd 30. Alle Zielvorgaben erfüllt. Das Gesundheitssystem ist intakt und nicht überfordert. Die Zahl der Corona-Toten liegt mit rund 6.700 (Montag, 4. Mai) in Deutschland vergleichsweise niedrig.

Das alles ist mit Sicherheit den drastischen Maßnahmen zu verdanken, die die Politik beschlossen hat: Geschlossene Schulen, Kitas, Geschäfte, Cafés und Gaststätten, Kontaktverbote, Absage von Gottesdiensten und Veranstaltungen jeder Art. Aber: In ihrer Radikalität ergriff die Politik rigorose Maßnahmen, die zahlreiche andere Grundrechte der Menschen massiv verletzten. In ihrer Fixiertheit auf die Virus-Bekämpfung wurden nicht mehr Vor- und Nachteile jeder einzelnen Maßnahme abgewogen, sondern es wurde erstmal ohne Rücksicht auf Verluste überall das Stoppschild aufgestellt.

Zeit für eine Gegenrechnung

Das mag am Anfang verständlich gewesen sein, seit einigen Wochen und einer veränderten Lage ist es das nicht mehr. Das Ziel scheint jetzt nicht mehr zu sein, das Virus zu beherrschen, sondern jede Infektion mit ihm zu verhindern. Das wird nicht möglich sein. Daher ist es Zeit für eine Gegenrechnung und die Frage: Sind vielleicht die Schäden durch den Lockdown inzwischen größer als durch das Virus selbst? Dazu sechs Gedanken:

1. Mediziner berichten von leeren Arztpraxen. Viele trauen sich nicht mehr, mit ihren Beschwerden abseits von Corona in die Praxen und Kliniken. Das Deutsche Krebsforschungszentrum warnte zum Beispiel vor einigen Tagen aus diesem Grund vor einer Welle zu spät erkannter Krebsfälle. Nicht nur Corona kann tödlich sein.

Corona-Frust im Alkohol ertränkt

2. Die Gesellschaft für Konsumforschung berichtet, dass seit Beginn der Coronakrise deutlich mehr Alkoholika verkauft werden als vorher. Im Homeoffice entfällt die soziale Kontrolle. Der Frust über Kurzarbeit, den ausgefallenen Urlaub oder das wochenlange Betreuen genervter Kinder wird im Alkohol ertränkt. Gesund ist auch das nicht.

3. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V., warnt vor einem massiven Anstieg von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen durch die Einschränkungen. Für Kinder und Jugendliche könnten Kontaktverbote zu Freunden, Großeltern und anderen Bezugspersonen zu einer traumatischen Erfahrung mit Langzeitfolgen führen. Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München, Gerd Schulte-Körne, sagt: „Es werden deutlich mehr Kinder eine Behandlung brauchen, die sie nicht gebraucht hätten, wenn es die Krise nicht gegeben hätte.“

Menschenunwürdiges Sterben

4. Die am meisten Gefährdeten sind alte Menschen mit Vorerkrankungen. Viele von ihnen leben in Alten- und Pflegeheimen. Oft ist der Kontakt mit ihren Kindern und Enkelkindern der einzige Lichtblick in ihrem Leben. Wenn man ihnen dann auch noch diesen Kontakt selbst dann verwehrt, wenn sie - ohne selbst infiziert zu sein - im Sterben liegen, ist das menschenunwürdig. Aber genau das passiert gerade an vielen Orten in unserem Land. Dabei müsste es möglich sein, ihnen Kontakte zu ermöglichen, ohne gleich alle anderen Bewohner des Heims zu gefährden.

5. Wenn die Politik den Menschen schon ihre Freiheitsrechte massiv einschränkt, dann sollten die Maßnahmen wenigstens nachvollziehbar sein. Und da hapert es an vielen Stellen. Was spricht zum Beispiel dagegen, eine Ferienwohnung zu beziehen, in der ich die Hygiene- und Abstandsregeln ebenso gut einhalten kann wie zu Hause? Warum kann ich kein Hotelzimmer beziehen, in dem ich ohnehin isoliert bin?

Das Geld zur Bewältigung fällt nicht vom Himmel

6. Und dann sind da natürlich die wirtschaftlichen Folgen. Wir brauchen unser Gesundheitssystem zur Bewältigung der Coronakrise. Aber: Das muss auch bezahlt werden. Genauer gesagt: Es muss erwirtschaftet werden. Aktuell aber würgen wir zahlreiche Branchen zu Tode. Das fängt im Gastgewerbe und Einzelhandel an und endet bei der Autoindustrie. Die Zahl der Arbeitslosen wird steigen und auch das hat Folgen für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, auch für die Gesundheit. Und wenn die Politik jetzt den betroffenen Branchen hilft: Dieses Geld fällt nicht vom Himmel. Das werden wir alle, unsere Kinder und Enkel bezahlen.

Eines ist wichtig, damit ich nicht falsch verstanden werde: Dies ist kein Plädoyer dafür, sofort alle Einschränkungen wieder aufzuheben. Es ist sinnvoll, auf große Veranstaltungen wie die Fußball-Bundesliga, Konzerte, Discos, Schützenfeste und dergleichen noch länger zu verzichten. Auch die Abstands- und Hygieneregeln begleiten uns sinnvollerweise noch lange und auch die Maske.

Der Mensch sollte frei entscheiden dürfen

Selbstverständlich sollten wir auch die, die besonders gefährdet sind und dies wünschen, ganz besonders schützen. Wenn aber ein alter Mensch am Ende seines Lebens für sich entscheidet: „Ich will meine Kinder und Enkel umarmen und dafür nehme ich das Risiko in Kauf, vielleicht ein paar Wochen oder Monate eher zu sterben“, wer sind wir, dass wir ihm diesen Wunsch verwehren? Auch für einen solchen Wunsch muss es eine Lösung geben.

Die Zeit der Rasenmäher-Maßnahmen muss vorbei sein. Wir müssen nicht nur behutsam mit unserer Gesundheit umgehen, sondern auch mit unserer freiheitlichen Gesellschaft.

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