Corona: Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr auf der Toilette?

Viren Übertragung

Kann man sich eigentlich auf (öffentlichen) Toiletten anstecken? Studien haben sich eingehender mit dem Klobesuch in Corona-Zeiten befasst.

06.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Hinweisschilder an einer öffentlichen Toilettenanlage. Mehrfach schon wurde bei Corona-Studien Virenmaterial in menschlichen Ausscheidungen gefunden.

Hinweisschilder an einer öffentlichen Toilettenanlage. Mehrfach schon wurde bei Corona-Studien Virenmaterial in menschlichen Ausscheidungen gefunden. © picture alliance / dpa

Toiletten, öffentliche zumal, gelten als Virenschleudern. Aber stimmt das wirklich? Aktuelle Studien haben jetzt untersucht, ob und wie öffentliche Klos ein Risiko in Bezug auf eine Infektion mit dem Coronavirus darstellen. Und ob es Folgen hat, wenn eine Person direkt im Anschluss an eine infizierte Person das stille Örtchen nutzt.

Corona-Ansteckung mit Urin potenziell möglich

Eine im Juni veröffentlichte Studie hat ergeben, dass eine Ansteckung mit dem Sars-CoV-2-Virus durch Urin potenziell möglich sein könnte. Eine Forschergruppe um Ji-Xiang Wang, Physiker an der chinesischen Universität Yangzhou, hatte Viruspartikel aus dem Urin von Covid-19-Patienten isoliert. „Das bedeutet“, so Wang, „dass eine urinbasierte Übertragung durchaus einen Infektionsweg darstellen könnte.“

Für diese Erkenntnis wurden Fließdynamikmodelle benutzt, um festzustellen, wie Aerosole, also winzig kleine mit Virus versetzte Partikel in der Luft, nach Betätigung einer Toilettenspülung in die Luft gewirbelt werden. Nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler erzeugt eine einzige Toilettenspülung eine Wolke mit Tausenden von Tröpfchen, die bis zu einem Meter hoch steigen können, wenn die Klobrille geöffnet ist. Ähnliche Modelle wurden auch für Urinale erstellt.

Wenn Viren von Person zu Person übertragen werden, geschieht das nicht durch deren aktive Bewegung. Meist nutzen sie Tröpfchen oder Aerosole als Träger, die beim Sprechen oder Husten ausgestoßen werden. Diese Aerosole können bekanntermaßen auch über mehrere Meter transportiert werden – in geschlossenen Räumen erst recht.

Spülvorgänge können virushaltige Aerosole freisetzen

Jahrelang, so das Fachportal „c&en“ (Chemical and Engineering), haben Wissenschaftler untersucht, ob Aerosole in Toiletten Krankheitserreger tatsächlich übertragen können. Konsens herrscht dabei, dass die Spülvorgänge durchaus virushaltige Aerosole freisetzen können. Ob ein Toilettenbesucher allerdings erkranken kann, wenn er diese Aerosole einatmet – das ist noch umstritten.

Zu den allgemeinen Symptomen einer Covid-19-Erkrankung gehören neben Fieber, Husten und Atemnot auch in einigen Fällen Probleme des Verdauungstraktes inklusive Diarrhöe. Obwohl Forscher sowohl in Kot- wie in Urinproben Spuren von Coronaviren gefunden als auch dessen genetische Spuren auf Toiletten und in der Kanalisation entdeckt haben, fanden sie bislang keinerlei Nachweise, dass sich ein Mensch je über diesen Infektionsweg angesteckt haben könnte. Bislang gibt es keine Covid-19-Fälle, bei denen ein Infektionsweg über Kot oder Urin hätte bewiesen werden können.

Virus in Laborumgebung kann stundenlang in Aerosolen überleben

Im Fall von Sars-CoV-2 konnte zwar nachgewiesen werden, dass das Virus in Laborumgebung stundenlang in Aerosolen überleben – und somit auch mittels Aerosolen durch die Luft übertragen werden kann. Allerdings gibt es keinerlei direkte Evidenz dafür, dass Toilettenaerosole virale Erkrankungen auslösen können – anders als bakterielle Infektionen.

Das Magazin „Business Insider“ berichtete kürzlich über einen Fall aus der chinesischen Metropole Guangzhou. Dort hatte sich das Sars-CoV-2-Virus in einem Hochhaus über zwölf Etagen hinweg verbreitet – wahrscheinlich über die Abflussrohre der Badezimmer. Die infizierten Bewohner aus dem 15., 25. beziehungsweise 27. Stockwerk hätten nachweislich weder direkten noch indirekten Kontakt zueinander gehabt und seien auch nicht gemeinsam im Aufzug gefahren. Aber nach und nach erkrankten sie, von unten nach oben. Wahrscheinlich, so mutmaßen Forscher, hätten Aerosole in den sanitären Anlagen überlebt und sich den Weg durchs Haus gebahnt.

Der Ausbruch in Guangzhou sei übrigens nicht der erste dokumentierte Fall, bei dem das Coronavirus sich über Abwasserrohre verbreitet zu haben scheine. Im März habe ein in Hongkong im 32. Stock lebendes Paar das Virus wahrscheinlich an einen 59-jährigen Nachbarn weitergegeben, der zwei Stockwerke über dem Paar wohnte, so „Business Insider“. Ebenfalls in Hongkong habe im Juni eine 34-Jährige Frau das Coronavirus wohl auf die Bewohner vierer anderer Wohnungen übertragen. Sie habe sich mit den Nachbarn dasselbe – horizontal verlaufende – Abwasserrohr geteilt.

Wenn auch eine direkte Sars-CoV-2-Infektionsgefahr durch infektiöse Aerosole in Toiletten sehr unwahrscheinlich ist, empfehlen die Forscher doch generell, vor dem Spülen den Toilettendeckel zu schließen. Zudem werden das Tragen von Masken und häufiges Händewaschen als probate Schutzmechanismen genannt. Vor allem Letzteres sollte bei der Toilettennutzung sowieso gang und gäbe sein.

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