Corona-Leichtsinn? Experte: „Wer keine Angst hat, ist dumm!“

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Machen die vielen Lockerungen in der Corona-Krise uns zu leichtsinnig? Wie wir uns täuschen lassen und welche Folgen die Lockerungen haben, erklärt der Psychologe Prof. Jürgen Margraf.

von Frank Preuß

Bochum

, 14.05.2020, 10:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Werden wir zu leichtsinnig in der Corona-Krise? Über die Folgen der Lockerungen sprachen wir mit Professor Jürgen Margraf, Dekan der Fakultät für Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Täuscht das Gefühl oder werden die Menschen tatsächlich wieder unvorsichtiger? Haben die vielen aktuellen Lockerungen in unserem Bewusstsein zu viele Schrauben gelockert?

Wir haben eine Entwicklung. Am Anfang war das Corona-Geschehen für uns alle unheimlich und unbekannt, hat Angst gemacht. Jetzt haben wir etliche Wochen hinter uns, und jetzt haben wir alle die Illusion, das kennen wir langsam. Dann hat auch der Letzte mitgekriegt, dass es in Deutschland nicht so schlimm ist wie in den Nachbarländern. Was dabei gerne ausgeblendet wird: Es ist bei weitem nicht so gut wie in Ostasien.

Dann sehen wir, dass die Infektionszahlen runtergehen, obwohl wir die echten Zahlen immer noch nicht wirklich kennen. Jetzt werden wir ungeduldig, die Gefahr ist keine große Unbekannte mehr, und wir warten sehnsüchtig auf Lockerungen. Wenn dann so ein Signal kommt, kommen Hoffnung, Ungeduld und nachlassende Angst zusammen. Und dann gehen die Schleusen auf.


Das ist ja auch nachvollziehbar.

Ja, aber es kann problematisch sein. Ich sehe mit Sorge, wie viele Menschen in den Straßen ohne Mundschutz rumlaufen, wie viele Leute nah beieinander sind und sich nicht an die Regeln halten.

Reden wir derzeit zu viel über Lockerungen und zu wenig über das Virus?

Ich denke schon. Wenn ich selber betroffen bin, sehe ich das wesentlich kritischer, als wenn es andere trifft. Wenn ich das Gefühl habe, das ist eine Krankheit, die vor allem Ältere trifft und ich nicht so alt bin, dann finde ich das auch nicht so wild, dann finde ich es schlimmer, dass ich nicht vor die Tür kann. Wir haben auch eine gewisse Arroganz, weil wir denken, so wie in Italien ist es nicht gekommen. Aber die Italiener sind nicht dümmer, sie sind nur als erste erwischt worden in Europa, und wir haben von ihnen dann doch gelernt.

Wenn wir jetzt glauben, wir würden eine zweite Welle so abreiten wie die erste, das macht mir schon Sorgen. Das Virus ist jetzt überall. Wenn die zweite Welle kommt, was viele Virologen befürchten, und an vielen Orten gleichzeitig aufschlägt, dann werden auch die Zahlen stark nach oben gehen.

Seit Montag sitzen die Menschen wieder an Vierertischen im Restaurant, obwohl sie theoretisch genauso ansteckend sind wie vor sechs Wochen. Verdrängen wir die Gefahr?

Es gibt eine Grundkonstante der Risikowahrnehmung, die hier eine Rolle spielt. Alles was wir freiwillig machen, finden wir weniger gefährlich. Wenn ich Drachenfliegen freiwillig mache, finde ich es nicht so gefährlich wie es eigentlich ist. Würde ich Sie zwingen, würden Sie es schrecklich finden. Wir unterschätzen, wie es ist und bilden uns ein, das Virus zu kennen. Dabei kennen wir weder die Letalität noch die Ansteckungsrate und wissen nicht, ob es Langzeitfolgen bei kleinen Kindern hat oder wie die Mutationsrate ist. Das unterschätzen wir total.

Demnach war es falsch, die Schulen zu öffnen?

Ich verstehe, wie es es, wenn Kinder um einen herumspringen, während man arbeiten muss. Ich habe selbst zwei großgezogen. Aber solange nicht klar ist, dass die Kinder sicher sind, würde ich mir Sorgen machen.

Was der eine nicht mehr beachtet, findet der andere auch nicht mehr wichtig. Wie gefährlich ist der Herdentrieb?

Er ist total ausgeprägt. Wir sind eine individualistische Gesellschaft, bilden uns ein, wir seien einzigartig. Aber der Herdentrieb hat mit unserer Entwicklungsgeschichte zu tun. Unsere Vorfahren sind in Gruppen von wenigen Dutzend bis zu 150 Individuen unterwegs gewesen. In der Gruppe zu bleiben, war fürs Überleben wichtig, und so zu handeln wie andere auch. Wenn alle in eine Richtung laufen, machen alle anderen das nach. Das war der Hauptgrund für die Klopapierkrise. Die Corona-Krise zeigt im übrigen auch, dass man den anderen braucht. Jeder merkt, dass das Homeoffice nicht das Gelbe vom Ei ist, es fehlt das kleine Schwätzchen zwischendurch.

Viele reden schon wieder von Urlaub und ähnlichem. Wie verarbeiten wir in der Krise einen nicht auszuschließenden Rückschlag – was, wenn wir gerade gewonnene Freiheiten wieder aufgeben müssen?

Ich persönlich befürchte, wenn es eine zweite Welle geben sollte, wird der ökonomische Rückschlag supermassiv sein. Es wird dann deutlich schwieriger, auch für die Politik, mit den Konsequenzen umzugehen. Man sieht ja jetzt schon Verschwörungstheoretiker, die aus ihren Löchern krabbeln und Kanzlerkandidatenkandidaten, die vielleicht andere Dinge einfließen lassen in ihr Urteil. Und bei wiederholten Ereignissen werden die psychologischen Folgen stabiler in unserer Psyche verankert.

Warum?

Jetzt ist das ein einmaliges Ereignis und wir erleben es so. Viele sagen ja jetzt auch, hinterher wird nichts mehr so sein wie vorher.

Und daran glauben Sie nicht?

Nein, mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Veränderungen so gewaltig nicht sein. Sie erinnern sich an HIV und den 11. September, danach ist die Welt auch nicht völlig anders geworden.

Wie vorsichtig sind Sie?

Ich bin vorsichtig, wir werden unseren Urlaub in diesem Jahr nicht wie geplantmachen. Auch die Familie besuchen wir jetzt in kleinem Rahmen zum ersten Mal.

Wer Angst hat, soll zu Hause bleiben, hat FDP-Politiker Wolfgang Kubicki gesagt.

Der Spruch ist richtig, es fehlt nur die zweite Hälfte. Angst ist in diesem Fall gut. Wer jetzt keine Angst hat, ist dumm.

Dieser Artikel erschien zuerst auf WAZ.de

Jürgen Margraf (63) ist seit 2009 Inhaber einer Humboldt-Professur, dem Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum. Er war 1999 bis 2005 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie und von 2012 bis 2014 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.
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