Corona-Krise: Die zweite Welle kommt von rechts

Coronavirus

Am Wochenende machen die Virusverächter und Verschwörungstheoretiker wieder mobil. Radikale und Nichtradikale finden diesmal leichter zusammen als in der Flüchtlingsdebatte.

Hannover

16.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
In vielen deutschen Städten versammeln sich derzeit Menschen, die ihr Protest etwa gegen die behördlich verordneten Kontaktsperren auf die Straße treibt.

In vielen deutschen Städten versammeln sich derzeit Menschen, die ihr Protest etwa gegen die behördlich verordneten Kontaktsperren auf die Straße treibt. © picture alliance/dpa

Noch vor vier Wochen wirkte Deutschland weltweit wie eine Art Wunderland. Medien rund um den Globus berichteten mit ehrfurchtsvollem Unterton über die hohe medizinische Effizienz in Deutschland, über die niedrigen Todesraten, aber auch über eine positive emotionale Ausstrahlung von Land und Leuten: Die Deutschen schienen in dieser Krise aus irgendeinem Grund besonnener und vernünftiger zu sein denn je.

Wie war das zu erklären? Die Los Angeles Times zum Beispiel listete Mitte April ihren Lesern drei Gründe auf, warum in Deutschland einiges gerade deutlich besser laufe als etwa in den USA. Es gebe, erstens, ein großes Vertrauen der Deutschen in ihre politische Führung.

Zweitens habe die deutsche Regierungschefin, selbst Naturwissenschaftlerin, ein offenes Ohr für Fachleute. Und drittens seien die Parteien in Deutschland nicht auf Krawall aus, sondern auf Kooperation.

Etwas Neues reißt jetzt ein

Inzwischen aber, alles neu macht der Mai, gibt Deutschland leider ein ganz anderes Bild ab. Grölend erheben sich auf der Straße Virusverächter und Verschwörungstheoretiker und zeigen „denen da oben“ drohend die Faust. Zugleich lässt auch in den Salons der Reichen der Rückhalt für die Regierung nach: War der Shutdown nicht vielleicht doch übertrieben?

Jetzt lesen

Im neuen ARD-Deutschlandtrend legen AfD und FDP als einzige Parteien einen Punkt zu. Hier äußert sich die Unruhe jener, denen die Lockerungen nicht schnell genug kommen und nicht weit genug gehen.

Mehrheit für Festhalten an Beschränkungen

Auf der anderen Seite aber fordern jetzt 56 Prozent der Deutschen, man solle unbedingt an den Beschränkungen festhalten - in der Vorwoche sagten das nur 41 Prozent. Auch im Lager der Bremser von Lockerungen wächst also Unruhe: besorgte Bürger, wohin man blickt.

Etwas Neues reißt jetzt ein, Deutschland driftet auseinander. Im schlimmsten Fall könnten die jetzigen Tage den Beginn einer tiefen Polarisierung markieren wie in den USA. Am Ende stehen dann einander völlig fremd gewordene gesellschaftliche Lager gegenüber, sprachlos und voller Hass, aufgestachelt in der jeweils eigenen Internetblase.

Jetzt lesen

Geeint im Vorwurf

Viel wird darüber diskutiert, welche Kräfte es sind, die sich jetzt versammeln. Doch da muss man nicht lange theoretisieren. Genau hinzusehen genügt schon, etwa beim ominösen „Spaziergang“ in Gera, wo vor einer Woche Thüringens FDP-Landeschef Thomas Kemmerich an der Seite von Verschwörungstheoretikern und AfD-Leuten marschierte. Letztes Mal hatte der Unternehmer Peter Schmidt die Demonstration angemeldet, ein Mann des CDU-Wirtschaftsrats. Diesmal organisiert die Sache ein gewisser Marek Hallop, ein Reichsbürger.

Alle sehen sich geeint im Vorwurf, Angela Merkel habe eine Wirtschaftskrise ausgelöst. Dass diese Krise, die leider eine Weltwirtschaftskrise ist, ebenso Schweden betrifft, das viel liberalere Lockdown-Regeln hatte als Deutschland, wird ignoriert.

Leichteres Zusammenfinden verschiedener Gruppen

Deutschland sucht den Sündenbock. Und weil die jetzt anschwellende Elitenkritik ganz elegant ohne jeden Rassismus auskommt, gibt es keine klaren Trennlinien mehr: Radikale und Nichtradikale finden noch etwas leichter zusammen als in der Flüchtlingsdebatte. Kemmerich führt bereits Lockerungen ganz eigener Art vor, im Verhältnis der Liberalen zu Rechtsaußen. So weicht man den Immunschutz der Demokratie auf.

Es ist Zeit, die wahre Natur der gefährlichen zweiten Welle zu erkennen, vor der so oft gewarnt wurde und um deren Flachhalten es in nächster Zeit geht. Sie ist kein epidemiologisches, sondern ein politisches Phänomen. Sie kommt von rechts.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt