Corona: Ist die Herdenimmunität möglicherweise schon da?

Coronavirus

Wer eine Infektion mit dem Coronavirus durchgemacht hat, ist vorerst immun gegen den Erreger. Der Grund für die Immunität ist bei den Blutkörperchen zu suchen.

03.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wer eine Infektion mit dem Coronavirus durchgemacht hat, ist vorerst immun gegen den Erreger.

Wer eine Infektion mit dem Coronavirus durchgemacht hat, ist vorerst immun gegen den Erreger. © picture alliance/dpa

Ob man sich nach einer ersten Infektion erneut mit dem Coronavirus anstecken kann, schien zunächst unsicher. Der Grund ist eine Besonderheit bei der Abwehrreaktion auf das Virus. So ist ein wichtiger Teil des körpereigenen Immunsystems die Produktion von Antikörpern. Antikörper zirkulieren im Blut, erkennen Krankheitserreger und binden sich an diese, um sie unschädlich zu machen. Sind nach einer überstandenen Infektion weiterhin ausreichende Antikörper gegen einen Erreger vorhanden, ist man vor einer neuen Ansteckung geschützt.

Produktion von Antikörpern bei Corona-Patienten niedrig

Beim neuartigen Coronavirus scheinen viele Patienten aber schon wenige Wochen nach einer Infektion kaum noch Antikörper zu produzieren. Zuletzt zeigte sich das bei einer Untersuchung im Auftrag des Robert Koch-Instituts im baden-württembergischen Kupferzell. Dort waren im Blut von fast 30 Prozent zuvor mit Sars-CoV-2 infizierten Studienteilnehmern keine Antikörper mehr nachweisbar.

Ein ähnlicher Effekt wurde in anderen Studien beobachtet. Patienten, die schwer erkranken, produzieren zwar noch etwas länger Antikörper als symptomlos Infizierte. Aber auch bei ihnen sinkt der Spiegel danach stark ab. Das ließ zunächst die Hoffnung auf eine Herdenimmunität in der Bevölkerung schwinden. Wenn sich Menschen immer wieder neu anstecken könnten, würde das Virus nicht durch eine „Durchseuchung“ zum Erliegen kommen.

Trotz fehlender Antikörper scheinen die allermeisten Menschen aber dennoch vorerst immun zu sein, nachdem sie sich mit Sars-CoV-2 angesteckt haben. Bisher sind nur einzelne Fälle von Neuinfektionen berichtet. Das könnte zum einen daran liegen, dass auch eine geringe Menge an Antikörpern genügt, um das Virus abzuwehren. Und dass dadurch mehrere Monate lang eine Immunität aufrecht erhalten werden kann.


T-Zellen sind offenbar auch für den Schutz verantwortlich

Für den Schutz ist aber offenbar noch ein anderer Teil des Immunsystems verantwortlich. So können auch T-Zellen, eine besondere Art von weißen Blutkörperchen, Krankheitserreger wiedererkennen und bekämpfen. T-Zellen regen zudem die Neuproduktion von Antikörpern an, wenn diese benötigt werden.

Wissenschaftler des Karolinska-Instituts in Stockholm hatten im Blut Infizierter nach spezifischen T-Zellen gegen Sars-CoV-2 gesucht und fanden diese vor allem bei Patienten mit milden oder keinen Symptomen. Die Zellen schienen also für eine schnelle und erfolgreiche Immunabwehr wichtig zu sein. Eine gestörte T-Zell-Reaktion scheint hingegen an schweren Verläufen beteiligt zu sein.

Neue Erkenntnisse auch wichtig für Entwicklung eines Impfstoffes

Möglich wäre, dass T-Zellen für einen länger anhaltenden Schutz vor Sars-CoV-2 sorgen. So wurden spezifische T-Zellen gegen das verwandte SARS-Coronavirus noch 17 Jahre nach einer Infektion nachgewiesen. Für die Entwicklung eines Impfstoffs würde all das bedeuten, dass dieser eine gute T-Zell-Reaktion hervorrufen sollte. Sich auf das Auslösen der Antikörperreaktion zu konzentrieren wäre weniger aussichtsreich, da unsicher ist, wie lange diese wirklich schützen kann.

Kreuzimmunität könnte Ausbleiben schwerer zweiter Wellen erklären

Einem Artikel in der Zeitschrift Nature zufolge finden sich T-Zellen gegen Sars-CoV-2 sogar in Blutproben, die vor dessen Ausbruch genommen wurden. Diese scheinen nach dem Kontakt mit eng verwandten, aber harmloseren Corona-Erkältungsviren entstanden zu sein. Man spricht hierbei auch von einer Kreuzimmunität. Die Autoren halten es für möglich, dass diese Kreuzimmunität für viele milde Verläufe verantwortlich ist. Theoretisch könnte sich daraus auch das Ausbleiben schwerer zweiter Wellen erklären.

Ein Teilschutz in der Bevölkerung wäre demnach schon vorhanden – ganz ohne, dass sich ein Großteil mit Sars-CoV-2 anstecken müsste. Zusammen mit dem zumindest vorübergehenden Immunschutz ehemals Infizierter würde man einer Herdenimmunität immerhin nahe kommen. Für Risikogruppen bliebe das Virus dann zwar vorerst weiter gefährlich. Im Idealfall könnte der bestehende Schutz in der Bevölkerung die Infektionszahlen aber so lange niedrig halten, bis Sars-CoV-2 von harmloseren Erkältungsviren wieder verdrängt wird.

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