Corona-Impfstoff für Kinder könnte erst im Herbst 2021 verfügbar sein

Coronavirus

Weltweit werden Impfstoffe gegen das Coronavirus entwickelt. Getestet werden diese in der Regel zuerst an Erwachsenen. Wann können Eltern mit einem Impfstoff für ihre Kinder rechnen?

von Laura Beigel

, 26.09.2020, 11:40 Uhr / Lesedauer: 2 min
Weil ihr Immunsystem noch nicht vollständig ausgereift ist, werden Impfstoffe selten zuerst an Kindern getestet.

Weil ihr Immunsystem noch nicht vollständig ausgereift ist, werden Impfstoffe selten zuerst an Kindern getestet. © picture alliance/dpa

Mindestens 195 Impfstoffprojekte im Zusammenhang mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 laufen nach Angaben des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) derzeit weltweit. Einige der Vakzine werden bereits an Menschen getestet – bisher aber nur an Erwachsenen. Studien mit Kindern gibt es noch nicht. Deshalb fürchten Experten, dass es für Kinder womöglich für eine bestimmte Zeit keinen Covid-19-Impfstoff geben könnte.

Impfstoff könnte bis Herbst 2021 fehlen

“Im Moment bin ich ziemlich besorgt, dass wir bis zum Beginn des nächsten Schuljahres keinen Impfstoff für Kinder zur Verfügung haben werden”, sagte Dr. Evan Anderson, Kinderarzt am Krankenhaus Children’s Healthcare of Atlanta, gegenüber der New York Times. Das würde bedeuten, dass sich Kinder bis Herbst 2021 nicht gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 impfen lassen könnten.

Die Nachrichtenwebsite Businessinsider.com hat die führenden Arzneimittelhersteller Pfizer, Moderna, AstraZeneca und Johnson & Johnson nach ihren Plänen für Impfstofftests an Kindern befragt. Die vier Unternehmen teilten mit, dass Tests vorgesehen seien.

Studien sollen erst Ende des Jahres beginnen

So sagte der Chief Corporate Affairs Officer von Moderna, Ray Jordan: “Vorbehaltlich der Genehmigung durch die Aufsichtsbehörden ist es unsere Absicht, bis Ende dieses Jahres damit zu beginnen.” Auch die Firma Johnson & Johnson will mit Impfstofftests an Kindern noch in diesem Jahr starten. Alle Unternehmen durchlaufen mit ihren Impfstoff-Kandidaten zurzeit die klinische Phase III-Studie. Danach folgen die Zulassungsverfahren von Behörden wie der European Medicines Agency.

Prof. Hans-Iko Huppertz kennt sich mit dem Thema aus. “Wenn ein neues Medikament entwickelt wird, wird es häufig zunächst an Erwachsenen ausprobiert”, sagt der Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Meist stellen junge und gesunde Erwachsene die Testpersonen dar, “weil man denkt, dass sie mit möglichen Nebenwirkungen am besten fertig werden können”.

Nebenwirkungen müssen ausgeschlossen werden

Kinder sind für anfängliche Tests in der Regel ungeeignet, weil sie gerade in jungen Jahren noch kein vollständig entwickeltes Immunsystem haben. “Fast alle Teile des Immunsystems sind erst am Ende des Kleinkindalters, also mit fünf Jahren, vollständig ausgebildet”, weiß Huppertz. “Und auch dann gibt es immer noch Antigene, mit denen der Körper noch keine Erfahrungen gesammelt hat.”

Deshalb müsse bei Impfstofftests an Kindern vor allem sichergestellt sein, dass in den Studien bei Erwachsenen keine schwerwiegenden Nebenwirkungen aufgetreten sind. Aufgrund der hohen Anzahl an Testpersonen bei den Covid-19-Impfstoffen ist Huppertz jedoch zuversichtlich, dass auch seltene Nebenwirkungen erkannt werden können.

Wie infektiös sind Kinder?

"Eigentlich wäre jetzt der Zeitpunkt gegeben, wenn abzusehen ist, dass Phase II-Versuche bei Erwachsenen gut funktionieren, auch mit Kinderstudien anzufangen”, meint der Kinderarzt. Dann könnte der Impfstoff beispielsweise erst einmal an Heranwachsenden (14 bis 18 Jahre) getestet werden, weil sie vom Grad der immunologischen Entwicklung eher den Erwachsenen ähneln.

Kinder gelten grundsätzlich als kaum anfällig für einen schweren Verlauf nach einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2. Oftmals zeigen sich bei ihnen nach einer Infektion asymptomatische Krankheitsverläufe. Aber: “Die Infektiosität im Kindesalter wurde bisher selten untersucht und kann daher nicht abschließend bewertet werden”, heißt es vom Robert Koch-Institut. Infizierte Kinder könnten demnach genauso ansteckend sein wie Erwachsene.

Impfstoff für Kinder ist unerlässlich

“Man kann sich natürlich fragen: Braucht es überhaupt einen Kinderimpfstoff gegen Sars-CoV-2?”, sagt Huppertz in Hinblick auf die geringe Anfälligkeit. “Ich denke schon.” Seiner Ansicht nach sind auch ältere Kinder Teil der Corona-Epidemiologie.

Zudem gibt es Kinder mit Grunderkrankungen sowie Kinder, die nach einer Corona-Infektion am Multisystem Inflammatory Syndrome in Children (MIS-C) leiden, die mithilfe einer Impfung geschützt werden sollten. Allerdings: “Kinder werden immer noch nicht als mögliche Patienten wahrgenommen", kritisiert der Kinderarzt.

RND