Comeback als ESC-Retter: Stefan Raab ist wieder da

ProSieben

Der TV-Metzger kehrt zurück zu alten Leidenschaften. Stefan Raab plant als ESC-Ersatz einen „Free European Song Contest“ live auf Pro7. Ob er selbst moderieren wird, ist noch offen.

Köln

31.03.2020, 21:34 Uhr / Lesedauer: 4 min
Der Retter naht: Stefan Raab will eine Ersatzshow für den Eurovision Song Contest auf die Beine stellen.

Der Retter naht: Stefan Raab will eine Ersatzshow für den Eurovision Song Contest auf die Beine stellen. © picture alliance/dpa

Vier Jahre und 103 Tage ist es her, dass sich der Kachelgrinser von Köln-Mülheim mit Tränen in den Augen hinter die Kulissen des Fernsehens verzog. Stefan Raab verschwand mit der gleichen Konsequenz vom Bildschirm, mit der er jahrelang im Gokart um Heuballen kajolte. Er wurde zum Phantom von Pro7. Einmal saß er seither bei einem Konzert von Udo Lindenberg für einen Song („Jonny Controlletti“) feixend am Schlagzeug, im Herbst 2018 dann trat er in drei Liveshows in Köln auf. Aber Fernsehen? Vor der Kamera? Nein, danke. (Es sei denn natürlich, er steckt aktuell tatsächlich im Faultierkostüm in „The Masked Singer“.)

Seither hat Raab mit seiner TV-Firma ein paar Pro7-Shows produziert („Das Ding des Jahres“, „Schlag den Besten“), die aber alle an derselben Schwäche krankten: Er trat nicht selbst auf. Pro7 ohne Raab – das war lange totes Land. Es gab Tage, da liefen acht Folgen „The Big Bang Theory“ am Stück, bis Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf wieder Leben in die witzlose Wüste brachten. Raab selbst blieb eisern. Und wachte auch über sein Privatleben besser als Nordkorea über das Internet.

Nun aber plant Raab sein bisher größtes Ding seit 2015: Als Ersatz für den wegen der Corona-Krise gestrichenen Eurovision Song Contest (ESC) in Rotterdam will er den „Free European Song Contest“ etablieren – natürlich unter Einhaltung aller „gesetzlichen Auflagen und Vorgaben der Gesundheitsbehörden“. Das Event soll am 16. Mai über die Bühne gehen. Für genau diesen Tag war das ESC-Finale geplant.

Wird er selbst moderieren? Das ist noch offen

„Musik verbindet besonders in schwierigen Zeiten viele Menschen miteinander“, ließ sich Raab zitieren. „Dies ist die Geburtsstunde eines neuen, freien europäischen Songwettbewerbs.“ Details wollen die Organisatoren in Kürze mitteilen. Raab wird die Show produzieren. Ob er auch moderieren wird, ließ der Sender offen. Das weckt die Hoffnungen all jener, die die Rampensau Raab als unkaputtbaren Gute-Nacht-Onkel einer ganzen Zuschauergeneration vermissen.

Wir erinnern uns kurz an diese Karriere: 1993 startete er in „Vivasion“, damals noch mit Skilehrerfrisur. Dann folgten „Hier kommt die Maus“, der Beginn seiner ESC-Leidenschaft als Komponist Alf Igel mit Guildo Horn und sein eigener fünfter Platz mit „Wadde hadde dudde da“. 1999 startete „tV total“ als Müllverbrennungsanlage für die Fremdschämmomente der Spaßindustrie. „Hat’s den Papst gestört, dass Luther kam?“, ätzte damals Platzhirsch Harald Schmidt. Der ist lange weg. Raab blieb. Mit „Raab in Gefahr“ (samt Led-Zeppelin-Gitarrenriff), mit „Raabigrammen“, mit der ersten Wok-WM, mit Autoball, dem Grimme-Preis für „SSDSGPS“, Max Mutzke und „Schlag den Raab“. TV-Sentimentalitäten wie aus einer anderen Fernseh-Ära.

2010 dann, genau vor zehn Jahren, führte er Lena Meyer-Landrut zu ihrem Triumph in Oslo. Seinem Meisterstück. Damals, als die ratlose ARD ihn bat, „Ödland aufzuarbeiten“, wie er das mal nannte. Es folgten das unfassbare Opening beim Eurovision Song Contest 2011 und 2013 das Kanzlerduell mit Raab als Anarchist in der Politroutine („King of Currywurst“). Was haben sich alle aufgeregt! Raab und Politik? Ist das nicht wie Gangsta-Rap und Gänseblümchen? Er spürte dann, dass er nicht ewig Anarchist bleiben konnte. Der Hofnarr kann nicht König sein. Rücktritt.

Am gleichen Abend zeigt auch die ARD eine ESC-Show

Was er nun genau plant: unklar. In seiner Show werde Europa „auf besondere, einzigartige Weise zusammenkommen“, sagte er nebulös. Eine Liveschalte durch Europa? Ein XXL-Wohnzimmerkonzert? Auch die ESC-Veranstalter wollen eine zweistündige Ersatzshow mit dem Titel „Europe Shine a Light“ produzieren – am selben Abend. Die ARD überträgt diese Ersatzshow live, auch wenn ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber nicht glücklich ist über das inhaltliche Konzept. „In einer idealen Welt hätten das Erste und Stefan Raab am 16. Mai zusammengearbeitet“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) – „so wie von mir vorgeschlagen“. Stattdessen gebe es nun „ein europaweites Programm im Ersten und ein deutschlandweites Programm bei Pro7 am selben Tag“. Schreiber fordert: „#Europetogether muss das Ziel am 16. Mai sein.“ ARD gegen Pro7 – das wird ein putziges ESC-Fernduell.

Sein jetziger Plan erinnert an ein Format, das seit fünf Jahren Sendepause hat: Elfmal, von 2005 bis 2015, hat Raab bereits den „Bundesvision Song Contest“ moderiert. Die Idee gebar er 2004, als sein Schützling Max Mutzke mit seiner Ballade „Can’t Wait Until Tonight“ beim ESC in Istanbul „nur“ Achter geworden war. Achter? Das konnte einem nicht genügen, der das Siegenwollen zur Maxime seiner Karriere gemacht hat. „Ralph Siegel hat nur ein Klavier“, feixte er damals, „ich habe einen ganzen Sender.“ Und noch bevor die Sonne am Bosporus wieder aufging, wurde bei der After-Show-Party des Teams der „BuViSoCo“ geboren: 16 Bundesländer, 16 Kandidaten, Abstimmung wie beim ESC.

„European Song Contest“ - ein kecker Name

Der Name „Free European Song Contest“ ist ziemlich keck. So wird der ESC gern fälschlich bezeichnet. Unvergessen, wie auch Lena einst Frank Elstner daran erinnerte, dass es „Eurovision“ heißt und nicht „European“. Möglich, dass die Juristen der Europäischen Rundfunkunion als Veranstalter des Originals Raabs Showtitel noch einmal ganz genau anschauen. Schon damals, als die Firma Brainpool die Marke „Bundesvision Song Contest“ im Titelschutzanzeiger anmeldete, fürchtete der NDR eine Kollision mit dem Titel „Eurovision Song Contest“, konnte aber juristisch nichts ausrichten.

Es wäre falsch, zu wenig zu erwarten. Privat sucht Raab zwar die Ruhe, verteidigt den Backstagebereich seines Lebens mit fast paranoider Akribie. Ein Familienmensch, Vater dreier Kinder, der mit seiner Frau in einer Kölner Villa lebt. Gewohnheitstier, Tüftler, Lokalpatriot, FC-Köln-Fan. Kein Partylöwe.

Raab kann noch immer kämpfen

Dienstlich aber kann er kämpfen wie kein Zweiter, immer noch. „Erfolgreiche Formate sind immer auch eine Art Wettkampf“, hat er mal gesagt. Bei seinem Tun war immer klar: Hier war ein Köln-Sülzer Metzgerssohn am Werk, der das Fernsehen liebte und dem Menschen ohne Ehrgeiz schlicht sus­pekt sind. Das war ja genau sein Problem am Ende: dass ihm die Gegner fehlten. Dass er nicht mehr besser sein musste als irgendjemand anderes. „Ich bin immer ehrgeizig. Ich will immer gewinnen“, sagte er vor Jahren. Weitermachen, bis ihn jemand herausdrängt? Wollte er nicht. Weitermachen des Geldes wegen? Musste er nicht. Blamieren oder kassieren? Raab entschied sich für: weder noch.

Wenn er jetzt zurückkehrt in ein Sujet, in dem stets Großes von ihm erwartet wird, dann wird er wohl wissen, was er tut. Langeweile allein wäre keine gute Motivation.

RND