Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Integration als soziale Frage

CASTROP-RAUXEL Der Bau eines Gemeindezentrums mitsamt einer Moschee wird in unserer Stadt kontrovers diskutiert. Die RN-Redakteure Ilse-Marie Schlehenkamp und Peter Wulle sprachen mit Kubilay Corbaci (Vorsitzender Integrationsrat) und Murat Vural (Interkultureller Bildungs- und Förderverein).

von Von Ilse-Marie Schlehenkamp und Peter Wulle

, 17.11.2007

Insofern wurden wir davon überrascht, als dass unsere Pläne für den Bau einer Moschee im Mai zu früh öffentlich bekannt wurden. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Ob wir letztlich die Moschee bauen, steht auch zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht fest. Die Diskussion darum ist trotzdem notwendig und wichtig. Dass diskutiert wird, ist nicht überraschend

Solange die Moscheen in den Hinterhöfen bleiben, wird darüber nicht geredet. Jetzt aber wird offen über Integration und Religion gesprochen. So ein Dialog ist auf jeden Fall positiv. Man muss alle Meinungen ernst nehmen und die Vorbehalte und Vorurteile, die sich jahrelang aufgestaut haben, abbauen.

Nicht so, dass Behauptungen und Fragen in den Raum geschmissen werden, wie dies die Bürgerinitiative bisher tut. Man muss miteinander reden und der Dialog muss kritische Fragen in beide Richtungen zulassen. Nach der Devise: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Mein Bruder war kürzlich beim Arbeitskreis der CDU zu Gast. Da waren 15 Leute und man hat miteinander geredet. Zum Schluss gab es nur positive Resonanz – unter anderem von Nils Kruse und Marlies Gräber. Wir sind für jede Einladung zum Gespräch offen.

Unsere Räumlichkeiten in Ickern und Schwerin waren Provisorien, sie sind längst zu klein geworden und entsprechen nicht mehr den Anforderungen unserer Gemeindearbeit. Die ist aber genau für die Integration wichtig.

Wir kümmern uns heute um Jugendarbeit, wir bieten Sprachkurse an für Frauen und anderes mehr. Auf Schwerin zum Beispiel findet derzeit zwei Mal in der Woche ein Sprachkurs mit jeweils 15 Frauen statt. Solche Angebote, die auch für Ickern gelten, gibt es erst seit wenigen Jahren. Wir versuchen uns etwa mit den Jugendlichen zu beschäftigen, damit sie in unseren Gruppen ein Sozialverhalten erlernen. Dazu wird uns vorgehalten, wir würden die Jugendlichen auf den Islam einschwören, wir würden sie indoktrinieren. Das stimmt nicht. Wir ermutigen die Jugendlichen zum Beispiel immer, sich beim THW, bei der Feuerwehr oder beim DRK zu melden. Und ich bin auch dafür, dass sie hier ein freiwilliges soziales Jahr und Zivildienst machen. Es wird immer schnell versucht, uns einen Strick zu drehen. Zum Beispiel soll unsere Moschee für alle offen sein und wir wünschen uns, dass auch deutsche Kinder in unsere Jugendgruppen kommen. Da wird aber sofort gesagt: Ihr wollt unsere Kinder missionieren.

Solche Reaktionen gibt es häufig. Man muss wirklich sehen, dass unser Zusammenleben hier vielfach auf Reaktion und Gegenreaktion basiert. Versuchen Sie zum Beispiel mal in Deutschland als türkische Familie eine Wohnung zu bekommen. Das ist nicht einfach. Und die gleichen Leute, die ihre Wohnungen nicht an Türken vermieten, klagen auf der anderen Seite über nur von Türken besetzte Straßenzüge und Siedlungen und darüber, dass die Türken sich nicht integrieren wollen. Integration ist kein Migranten-Problem, vielmehr ein soziales Problem.

Das getrennte Gebet ist uns vorgeschrieben, in der Regel die Männer im vorderen Bereich, die Frauen im hinteren. Und zwar deshalb, damit die volle Aufmerksamkeit Gott gilt.

Seit Bestehen der Republik ist die Kopftuchfrage in der Türkei nicht gelöst worden. Das Thema sollte man nicht so hoch hängen.

Immer häufiger wird das Kopftuch als modisches Accessoire getragen, das finde ich eigentlich ganz nett.

Es ist auch nicht entscheidend, was sich auf dem Kopf abspielt, entscheidend ist, was sich im Kopf abspielt.

Der Koran ist nunmal in arabischer Sprache verfasst. Deshalb lernen die Kinder etwas Arabisch. Aber grundsätzlich ist es uns wichtig, dass unsere Kinder Deutsch lernen. Da sollte der Staat eingreifen und das systematisch fördern.

Sehen Sie es mal so: Es ist irgendwo etwas Spirituelles, den Koran auf Arabisch zu lesen oder zu beten. Deshalb lernt ein Muslim aber noch kein Arabisch, er lernt den Koran auf arabisch zu lesen. Das ist vergleichbar mit dem lateinischen Ritus in der katholischen Kirche.

Wir sind nicht fremd. Wir sind hier geboren und leben unser ganzes Leben hier. Die Angst aber, die es gibt, müssen wir konkretisieren. Dazu planen wir mit dem Henrichenburger Theologen Walter Klose einen Flyer, in dem wir deutlich machen, dass der Rechtsstaat, Menschenrechte und Demokratie für uns die verbindliche Basis sind. Und fremd kann der Islam nicht sein, denn er kommt ja auch aus der Religion Abrahams.  

Es gibt ja seit 1998 den Interreligiösen Dialog, bislang haben wir Basisarbeit geleistet. 2008 wollen wir die Öffentlichkeit miteinschließen. Religion steht ja für Liebe, Frieden und Toleranz. Die Goldenen Regeln sind in den verschiedenen Religionen sehr ähnlich.

Ich denke, es ist am Wichtigsten, ein gemeinsames Ziel in Deutschland zu haben. Und um das mit Migranten und Deutschen zu erreichen, müssen wir gemeinsame Projekte entwickeln, dabei lernt man sich kennen. Über die effektive Zusammenarbeit können wir zusammen Erfolg haben und Glück gewinnen. Und das verbindet!

Lesen Sie jetzt