Caliban beim Taliban

Theater Oberhausen: "Der Sturm"

Schluss mit dem Märchenspuk in Shakespeares finalem Schauspiel "Der Sturm". Da gibt es keine einsame, verwunschene Insel auf der Bühne des Oberhausener Theaters - und Prospero ist auch kein magischer Zauberer, dem Luftgeist und Elfen dienen. Der für seine provokanten Operninszenierungen bekannte Regisseur Tilman Knabe holt das Stück dort vielmehr in eine schäbige Gegenwart und reimt dabei Caliban auf Taliban. Die Premiere am Freitagabend geriet zum einhellig umjubelten Triumph für alle Beteiligten.

OBERHAUSEN

von Von Klaus Stübler

, 27.02.2012, 18:05 Uhr / Lesedauer: 1 min
Prospero (Jürgen Sarkiss), Miranda (Angela Falkenhan) und Caliban (Torsten Bauer) im "Sturm".

Prospero (Jürgen Sarkiss), Miranda (Angela Falkenhan) und Caliban (Torsten Bauer) im "Sturm".

Das Leben hat Prospero übel mitgespielt: Sein eigener Bruder hat ihn als Herzog entthront und in die Verbannung geschickt. Dort ist der Oberhausener Prospero (so grimmig wie überzeugend: Jürgen Sarkiss) zum rauschebärtigen El-Kaida-Sympathisanten geworden, der seine Umwelt terrorisiert und den "wilden, missgestalteten" Ureinwohner Caliban (ein rauer Kerl: Torsten Bauer) Benzinkanister schleppen lässt. Tochter Miranda und der künftige Schwiegersohn Ferdinand (ein sympathisches, scheues Liebespaar: Angela Falkenhan und Martin Hohner) werden nach Belieben weggeschlossen. Und alles ist mit Waffengewalt unter Kontrolle. Dabei stützt sich Prospero vor allem auf Ariel (Susanne Burkhard), der hier kein alter Luftgeist, sondern eine strenge Sekretärin mit Headset, iPad und tödlichen Schusswaffen ist.Das Überraschende bei der von Knabe und den Schauspielern kurzweilig und packend erzählten Geschichte ist: Sie funktioniert - und das bei nur wenigen Änderungen in der alten Schlegel-Übersetzung. Einzig das "Happy End" bleibt problematisch und wird durch die Taliban-Deutung sogar noch unglaubwürdiger als es bei Shakespeare schon ist. Denn welcher Islamist rasiert sich schon freiwillig den Bart ab und übt sich in christlicher Nächstenliebe? Nur allzu verständlich deshalb, wie Ariel in Oberhausen auf die neu gewonnene Freiheit reagiert: Er greift sich erst mal eine am Boden liegende Knarre.

Termine: 2. und 3.3., 29.4., 2. und 9.5.; Karten: Tel. (02 08) 85 78 184.

 

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