Bürgermeister Nebelo: „Die 1970er-Jahre sind bekannt für Pfusch am Bau“

dzEuregio-Gymnasium Bocholt

Gravierende Brandschutzmängel wurden im Euregio-Gymnasiums in Bocholt festgestellt. Der Abriss droht. Aus dieser Zeit stammen viele öffentliche Gebäude. Der Bürgermeister nimmt Stellung.

von Stefan Prinz

Bocholt

, 09.07.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für viele Bocholter war es ein Schock, als kurz vor den Sommerferien bekannt wurde, dass dem 50 Jahre alten Euregio-Gymnasium aufgrund gravierender Brandschutzmängel der Abriss droht. In einem Interview spricht Bürgermeister Peter Nebelo über Schuld, Schäden und über die Zukunft der drei städtischen Gymnasien in Bocholt.

Herr Nebelo, dem Euregio-Gymnasium droht der Abriss. Wie konnte das passieren?

Peter Nebelo: Die 1970er-Jahre sind bekannt für Pfusch am Bau. Das Fatale war, dass diese Brandschutzmängel nicht sichtbar waren, weil sie hinter Bauteilen versteckt waren.

Der Schaden dürfte in die Millionen gehen. Wen kann de Stadt dafür haftbar machen?

Peter Nebelo: Ich befürchte, wir können niemanden mehr dafür haftbar machen. Die längste Verjährungsfrist im deutschen Recht beträgt 30 Jahre. Ich weiß nicht, ob es die damals zuständige Firma überhaupt noch gibt.

Trägt die Stadt eine Schuld?

Peter Nebelo: Nein. Die Stadt hat damals den Bau nach den geltenden Vorschriften abgenommen. Dass die Firma die Vorgaben nicht eingehalten hat, konnte die Stadt nicht erkennen.

V ermuten Sie dahinter fehlende Sorgfalt oder etwa kriminelle Energie?

Peter Nebelo: Wer Bauvorschriften missachtet, tut das in der Regel, um Geld zu sparen und sich zu bereichern. Das ist kriminell.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Euregio-Gymnasium?

Peter Nebelo: Viele Räume können weiterhin genutzt werden. Als Ersatz für die betroffenen Räume haben wir sechs große, moderne Container-Einheiten bestellt.

Was kostet es, nach den Sommerferien mit Containern den Schulbetrieb an der Schule zu ermöglichen?

Peter Nebelo: Mietkosten für sechs Containereinheiten zusammen mit weiteren Kosten für notwendige Maßnahmen werden derzeit ermittelt. Wir prüfen parallel, ob es wirtschaftlicher ist, die mobilen Raumeinheiten zu kaufen.

Das klingt sehr danach, als müsste sich das Euregio-Gymnasium auf eine längere Übergangszeit einrichten?

Peter Nebelo: In den nächsten beiden Jahren werden die Planungen und Analysen stattfinden. Bis die Container wieder abgebaut werden können, könnten 4 bis 5 Jahre vergehen. Die Container sind aber so hochwertig, dass sie gegenüber festen Räumen nur einen geringen Qualitätsverlust bedeuten.

Braucht denn Bocholt überhaupt vier Gymnasien – drei städtische und ein bischöfliches?

Peter Nebelo: Wir könnten sicher eins unserer drei städtischen Gymnasien schließen, wenn wir die auswärtigen Schüler nicht beschulen würden. Eins ist aber klar: Bevor wir voraussichtlich zehn Millionen Euro in den Neubau der Schule stecken, müssen wir uns die Schülerentwicklungszahlen genau ansehen und bedarfsgerecht bauen.

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Hat das Euregio-Gymnasium denn Zukunft?

Peter Nebelo: Ja, davon gehe ich aus. Die Bevölkerungsentwicklung und damit auch die Schülerentwicklung ist stabil. Ein moderner Neubau könnte sogar ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Schulen bedeuten.

Sollte die Stadt die Krise als Chance nutzen und statt eines Euregio-Neubaus eines der anderen Gymnasien ausbauen?

Peter Nebelo: Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, wo man am St. Georg-Gymnasium oder am Mariengymnasium einen Erweiterungsbau verwirklichen sollte. Da ist kein Platz.

Macht Sie die Situation des Euregio-Gymnasiums traurig?

Peter Nebelo: Ja, klar. Ich war dort vor 50 Jahren einer der ersten Schüler und auch Schülersprecher. Das Euro war damals das erste Gymnasium in Bocholt, das gleichzeitig Mädchen und Jungen unterrichtet hat.

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