Biontech-Impfstoff „sicher und verträglich“: Paul-Ehrlich-Institut – erste Daten zu Nebenwirkungen

Coronavirus

Das Paul-Ehrlich-Institut hat einen ersten Bericht zu Nebenwirkungen bei den Corona-Impfungen vorgestellt. Häufiger als nach anderen Impfungen wurden schwere allergische Reaktionen beobachtet.

Langen

von Irene Habich

, 16.01.2021, 18:44 Uhr / Lesedauer: 3 min
Das Paul-Ehrlich-Institut hat erste Daten dazu vorgelegt, welche Nebenwirkungen seit Beginn der Impfungen beobachtet wurden.

Das Paul-Ehrlich-Institut hat erste Daten dazu vorgelegt, welche Nebenwirkungen seit Beginn der Impfungen beobachtet wurden. © picture alliance/dpa

Wie sicher ist der in Deutschland eingesetzte Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer? Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat nun erste Daten dazu vorgelegt, welche Nebenwirkungen seit Beginn der Impfungen beobachtet wurden. Insbesondere schwere allergische Reaktionen scheinen nach der Corona-Impfung häufiger aufzutreten, als nach anderen Immunisierungen.

Brigitte Keller-Stanislawski, Leiterin der Ab­tei­lung Si­cher­heit von Arz­nei­mit­teln und Me­di­zin­pro­duk­ten am PEI, betonte bei der Vorstellung der Ergebnisse, es sei wichtig, mögliche Nebenwirkungen auch nach der Zulassung weiter zu beobachten. Seltene Nebenwirkungen und Langzeitrisiken sowie Risiken für sensible Bevölkerungsgruppen ließen sich allein anhand der Zulassungsstudien nicht zuverlässig beurteilen. Da es sich um neuartige Impfstofftypen handele, könne man zudem nicht auf die Sicherheitserfahrungen mit bereits zugelassenen Impfstoffen zurückgreifen.

Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts Klaus Cichutek sagte, er halte die in der EU zugelassenen mRNA-Impfstoffe für “sicher und verträglich”, auch wenn “Intensität und Häufigkeit” der Nebenwirkungen “etwas stärker” ausfielen als etwa bei der Grippeimpfung.

325 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen

Dem Paul-Ehrlich-Institut wurden in Deutschland bis zum vergangenen Sonntag 325 Verdachtsfälle von unerwünschten Impfreaktionen nach der Corona-Impfung gemeldet. In 51 Fällen soll es sich dabei um schwerwiegende Reaktionen gehandelt haben: Das heißt, die Personen mussten entweder im Krankenhaus behandelt werden oder die Reaktionen wurden als medizinisch bedeutsam eingeordnet.

In den ersten zwei Wochen seit dem Impfbeginn in Deutschland sind laut PEI über 600.000 Menschen mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech und Pfizer geimpft worden. Auf etwa 2000 Geimpfte kam dabei eine Verdachtsmeldung von unerwünschten Impfreaktionen, auf etwa 12.500 Geimpfte der Verdacht einer schwerwiegenden Nebenwirkung. Die geimpften Personen, bei denen unerwünschte Reaktionen gemeldet wurden, waren im Mittel 47,7 Jahre alt.

Schwere allergische Reaktionen häufiger als bei anderen Impfungen

Zu den schwerwiegenderen Reaktionen gehörten neben starkem Fieber, erhöhtem Blutdruck und Schwindel allergische Symptome. In sechs Fällen soll es dem PEI zufolge nach der Impfung zu einer anaphylaktischen Reaktion gekommen sein. Dabei handelt es sich um eine schwere allergische Reaktion, die auf die Organsysteme übergreift und lebensgefährlich sein kann. Typische Symptome sind Atemnot, Herz-Kreislaufprobleme und Hautausschlag am ganzen Körper. Im schlimmsten Fall droht ein Schockzustand mit Kreislaufversagen (anaphylaktischer Schock).

Unter welchen dieser Symptome genau die Geimpften im einzelnen litten, gab das PEI nicht bekannt. Aus dem veröffentlichten Bericht geht aber hervor, dass fünf der Personen im Krankenhaus behandelt werden mussten und vier von ihnen das Notfallmedikament Adrenalin benötigten.

Schwere allergische Reaktionen auch in anderen Ländern beobachtet

Anaphylaktische Reaktionen nach der Corona-Impfung waren bereits aus anderen Ländern wie den USA oder Großbritannien berichtet worden, wo Geimpfte wegen Atemnot und Kreislaufproblemen im Krankenhaus behandelt werden mussten. Sie treten auch nach anderen Impfungen auf, allerdings nach ersten Erkenntnissen deutlich seltener.

So kam es in Deutschland genau wie in den USA nach der Corona-Impfung mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech und Pfizer in jeweils etwa einem von 100.000 Fällen zu einer anaphylaktischen Reaktion. Nach einer Schätzung der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC ist das zehnmal häufiger als nach den gängigen Grippeimpfungen, die in Deutschland und den USA eingesetzt werden.

Viele Geimpfte litten bereits an Allergien

Diskutiert wird daher, ob Allergiker sicherheitshalber nicht mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech und Pfizer geimpft werden sollten. Hierbei kommen die staatlichen Stellen bisher zu unterschiedlichen Einschätzungen.

In Großbritannien raten die Behörden Menschen, die zu schweren allergischen Reaktionen neigen, vorerst von der Impfung von Biontech und Pfizer ab: Weil sie davon ausgehen, dass bei ihnen das Risiko für anaphylaktische Reaktionen erhöht sein könnte. Das PEI hat hingegen für Deutschland noch keine solche Warnung ausgesprochen. Das Institut rät nur dann von einer Impfung ab, wenn Allergien gegen Inhaltsstoffe des Impfstoffs bekannt sind.

Auf Nachfrage sagte Keller-Stanislawski, ein EU-Expertengremium und das PEI gingen davon aus, dass es sich bei den Impfnebenwirkungen um einen anderen Typ anaphylaktischer Reaktionen als bei Lebensmittelallergien handele: “Wobei sicherlich klar ist, dass wir das weiter untersuchen müssen”, so Keller-Stanislawski.

Daten aus den USA zufolge litten dort acht von 21 Personen, die mit einer anaphylaktischen Reaktion auf die Impfung von Biontech und Pfizer reagierten, zuvor an einer Allergie gegen Lebensmittel, Haustiere oder Insektenstiche. Bei zehn von ihnen waren Allergien gegen Medikamente oder andere Impfungen bekannt. Bei den sechs Fällen anaphylaktischer Reaktionen in Deutschland waren bei drei Personen zuvor verschiedene Medikamentenallergien bekannt und bei einer Person eine Pollenallergie.

Dem Paul-Ehrlich-Institut seien bisher auch zehn Todesfälle in zeitlichem Zusammenhang mit der Corona-Impfung berichtet worden, so Keller-Stanislawski. In den bereits überprüften Fällen gehe das PEI aber davon aus, dass die Impfung nicht die Todesursache gewesen sei. So hätten die Geimpften unter schweren Vorerkrankungen gelitten.

Verstorbene Seniorin soll obduziert werden

Noch nicht überprüft worden sei hierbei der Fall einer 89-Jährigen, die am Mittwoch in Niedersachen kurz nach der Corona-Impfung verstorben war. Die Frau soll bei allgemein guter Gesundheit gewesen sein und wird nun obduziert, wie das zuständige Landesamt mitteilte. Das PEI werde auch diesem Fall nachgehen.

Es gibt eine gewisse statistische Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in den höheren Altersgruppen zufällig in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung sterben. Erst dann, wenn Todesfälle nach der Impfung häufiger auftreten, als sie in der entsprechenden Altersgruppe zu erwarten wären, ist von einem Zusammenhang auszugehen. Es lägen aber bisher nicht genügend Daten zu den Geimpften vor, um einen zuverlässigen Vergleich anstellen zu können, schreibt das PEI in einem Bericht.

Nebenwirkungen können online gemeldet werden

Alle Verdachtsmeldungen zu Nebenwirkungen nach der Corona-Impfung werden vom PEI gesammelt und zusammen mit einer Bewertung in einem wöchentlichen “Sicherheitsbericht” veröffentlicht, der auf der Seite des Instituts einsehbar ist.

Der Verdacht auf Nebenwirkungen kann an den Hausarzt oder direkt über die Seite Nebenwirkungen.bund.de gemeldet werden. Auch über die kostenlose App Sa­fe­Vac 2.0 des PEI ist eine Meldung möglich. Eine erste Auswertung hat allerdings ergeben, dass diese speziell von älteren Geimpften kaum genutzt wird.

RND

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