Bedrohte Architektur: Sturzgefahr fürs Sonnensegel

DORTMUND Wie ein Rochen, der über den Meeresgrund gleitet, sieht es aus, das Dortmunder "Sonnensegel". Das ist die freie Interpretation aus der Vogelperspektive. Von unten gibt es nur noch beschränkt Einblick. Das Bauwerk aus dem Jahr 1969 ist wegen akuter Baufälligkeit abgesperrt.

von Von Michael Billig

, 29.07.2008, 18:03 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Vorderseite des Sonnensegels: Die Spannung der Dachkonstruktion ist nicht mehr voll gewährleistet.

Die Vorderseite des Sonnensegels: Die Spannung der Dachkonstruktion ist nicht mehr voll gewährleistet.

In der Vergangenheit hat man es den Elementen überlassen. Und Wind und Wetter sind nicht spurlos vorbei gezogen: Wasserschäden am Fichtenholz, Rost an den Stahlstützen. Der Zoom aus luftiger Höhe offenbart die Dachabdeckung als Flickenteppich, notdürftig sind hier Löcher gestopft worden. "Eines der Stahlseile ist ohne Spannung", sagt Udo Bullerdieck, Sprecher der Stadt Dortmund. Gänzlich ohne Spannung würde die Statik dieses Baus jedoch nicht funktionieren. Baumeister waren der Architekt Günter Behnisch und der Ingenieur Günter Scholz.

Druckvolles Konstrukt

Ein Wunderwerk ist diese Hängekonstruktion, die eine organische Wirkung und Leichtigkeit entfaltet. Die Spannweite des Daches beträgt 60x64 Meter. Die Fläche darunter ist völlig frei, kein Pfeiler, der im Wege stehen könnte. Deswegen ist dieser Ort im Westfalenpark so beliebt für Theater, Tanz und Festlichkeiten.

Die Konstruktion ist genial: Betonfundamente üben Druck auf die Querachse des Holzdaches aus, die in der Mitte ihren höchsten Punkt erreicht und an beiden Enden sich zu Boden neigt. Der Verlauf der Längsachse verkehrt sich ins Gegenteil. Der Höhepunkt der Querachse ist ihr niedrigster. Längs läuft das Dach beidseitig spitz gen Himmel aus. Bodenhaftung stellen am äußersten Rand Stützen her, deren stählerne Basen fest im Erdreich verankert sind.

"Nur" ein Experiment

Von vorn lässt sich die Tiefe des unter dem Holzdach befindlichen Raumes kaum erahnen, der Lichteinfall ist dafür zu schwach, kommt nur von der Seite. Fehlende Transparenz des Materials war der Grund, warum sich die Architekten des Münchner Olympia-Stadions, zu denen eben Günter Behnisch gehörte, 1972 gegen ein Holz- und für ein durchsichtiges Acryldach entschieden hatten. Das "Sonnensegel" war ihr Experimentierfeld. Denn Behnisch hatte zwar den Architekten-Wettbewerb fürs Olympia-Stadion bereits 1967 gewonnen, sein Entwurf jedoch war als nicht realisierbar kritisiert worden. In Dortmund konnte er beweisen, dass diese faszinierende Konstruktion doch möglich ist. Das Olympia-Stadion steht inzwischen unter Denkmalschutz. Das "Sonnensegel" hat hingegen einige Anbauten, beispielsweise Bretterverschläge als Imbissbuden, über sich ergehen lassen müssen. Seine Pflege wurde währenddessen vernachlässigt. Über die Sanierung... ...macht man sich zurzeit in der Stadt Dortmund Gedanken. Drei Optionen gebe es, sagt Sprecher Udo Bullerdieck: 1. Sanierung so, dass das Dach die nächsten zwei Jahre noch hält. 2. Erhalt für die nächsten zehn bis 20 Jahre. 3. Eine Grundsanierung auf Neubauniveau. „Wir präferieren Lösung zwei“, sagt Bullerdieck. Ein Abriss sei derzeit kein Thema.Für denkmalwürdig... ...hält der Dortmunder Architekt Peter Kroos das „Sonnensegel“. Aber: „Ich befürchte, dass man seinen Wert nicht hinreichend erkennt“, sagt er. Der Ingenieur Heinz Böninghoff, der im Auftrag der Stadt ein Gutachten über den maroden Zustand des Baus erstellte, ist für den Erhalt und eine Rundum-Sanierung. „Das kostet mehr als eine Million Euro“, schätzt er.