Baby im Mutterbauch infiziert: Wie gefährlich ist das Coronavirus für Schwangere und Neugeborene?

Coronavirus

Ärzte konnten kürzlich nachweisen, dass sich Babys über die Plazenta mit dem Coronavirus infizieren können. Unklar ist, welche Langzeitschäden eine Infektion bei Neugeborenen verursachen kann.

17.07.2020, 05:44 Uhr / Lesedauer: 3 min
Neugeborene können sich bereits im Mutterleib mit dem Coronavirus infizieren. (Symbolbild)

Neugeborene können sich bereits im Mutterleib mit dem Coronavirus infizieren. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Neugeborene können sich bereits im Mutterleib mit dem Coronavirus infizieren – dieses Ergebnis einer französischen Fallstudie hatte Anfang der Woche für Aufsehen gesorgt. Das Forscherteam konnte bei dem Baby einer 23-Jährigen, die sich zum Ende des dritten Trimesters mit Covid-19 infiziert hatte, den Erreger nachweisen.

Die höchste Viruskonzentration fand sich in der Plazenta, also dem Mutterkuchen. Das Organ besitzt Rezeptoren, an die sich das Coronavirus binden und in die menschlichen Zellen eindringen kann. Spätere, ausführliche Untersuchungen wiesen nach, dass sich der Sars-CoV-2-Erreger bei der 23-jährigen Patientin über das Blut in der Plazenta ausgebreitet hatte. Dort verursachte das Virus eine Entzündung, die sich auf das Baby übertrug. Nach der Geburt fanden die Mediziner beim Neugeborenen zudem neurologische Auffälligkeiten.

SCENARIO-Studie untersucht Proben aus Plazenta und Muttermilch

„Insgesamt mehren sich Bericht über die Möglichkeit der Infektion der Kinder über die Plazenta“, sagt Dr. Alexander Hein, stellvertretender Direktor der Frauenklinik und leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Erlangen, gegenüber dem Science Media Center (SMC). „Daher müssen wir diesen Übertragungsweg bei erkrankten Schwangeren nun umso mehr berücksichtigen und eine intensive Überwachung in Betracht ziehen.“

Hein ist auch Studienleiter der SCENARIO-Studie, die seit Anfang Juni am Universitätsklinikum durchgeführt wird. Die Studie will klären, inwieweit sich eine Infektion in frühen Schwangerschaftswochen auf den Schwangerschaftsverlauf und das Kind auswirkt. 2400 schwangere Frauen werden dafür auf eine Sars-CoV-2-Infektion und entsprechende Antikörper getestet. Bei positivem Befund führen die Mediziner regelmäßige Kontrollen durch, wobei sie auch das Nabelschnurblut, die Plazenta und die Muttermilch untersuchen.

„Hiermit können wir einerseits feststellen, wie viele Schwangere insgesamt Antikörper gegen das Virus aufweisen und andererseits diese Schwangerschaften bis zur Geburt begleiten, um beispielsweise Anzeichen einer kindlichen Infektion über die Plazenta zu untersuchen, vor allem auch bei asymptomatisch erkrankten Schwangeren, die bisher nichts von ihrer Infektion wussten“, sagt Hein.

Risikofaktoren für Infektion bei Babys noch nicht bekannt

Der Leiter des Fachbereiches Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden, Prof. Mario Rüdiger, macht im Gespräch mit dem SMC auf das CRONOS Register der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin aufmerksam. In diesem Register seien bislang rund 137 Schwangere gelistet, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben (Stand: 10. Juli 2020). Von diesen hätten 88 Frauen bereits ihr Kind bekommen, nur fünf Kinder wurden positiv auf den Sars-CoV-2-Erreger getestet.

„Aktuell sind mir keine Daten bekannt, die vermuten lassen, dass Schwangere besonders gefährdet sind, eine Sars-CoV-2-Infektion zu bekommen oder an dieser überdurchschnittlich schwer zu erkranken“, sagt Rüdiger. Unbeantwortet seien vor allem drei Fragen: Welche Folgen hat eine mütterliche Infektion in der ersten Hälfte der Schwangerschaft? Unter welchen Bedingungen kommt es zu einer Infektion des Ungeborenen? Und: Welche langfristigen Auswirkungen einer Infektion mit Sars-CoV-2 sind bei Neugeborenen zu erwarten? Darauf gibt auch die französische Studie keine Antworten.

Gehören Schwangere und Ungeborene zur Risikogruppe?

„Bei einer schweren mütterlichen Infektion im letzten Drittel der Schwangerschaft besteht die Gefahr, dass das Neugeborene nach der Geburt infektiös ist und eine Organschädigung auftritt“, so Rüdiger.

Nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts ist derzeit noch unklar, ob Ungeborene zu einer Risikogruppe gehören. „Es gibt bisher nur wenige Daten zu dieser Fragestellung, insbesondere keine Langzeitdaten, daher können zu dieser Fragestellung keine validen Aussagen gemacht werden“, heißt es im aktualisierten Sars-CoV-2-Steckbrief des RKI.

Eine ähnlich dünne Datenlage liegt auch bei Schwangeren vor. Um die Frage zu klären, inwieweit diese eine besondere Risikogruppe darstellen, „müssen wir erst systematisch untersuchen, wie viele Schwangere sich überhaupt mit dem Virus angesteckt haben und wie viele hiervon einen schweren Verlauf oder eine Schwangerschaftskomplikation aufweisen“, meint Dr. Alexander Hein.

Hygieneregeln sind das A und O in der Schwangerschaft

Grundsätzlich sei aber zu berücksichtigen, dass jede fieberhafte Infektion ein Risiko für die Schwangerschaft und die Gesundheit des Fötus darstelle, macht Prof. Susanne Modrow, Professorin für Molekulare Virologie und Genetik am Institut für Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg, gegenüber dem SMC deutlich. Sie hält eine Corona-Infektion des Fötus für „ein recht seltenes Ereignis“.

„Dazu müssen verschiedene Faktoren zusammenkommen“, sagt Modrow. „Hierzu zählen das Ausmaß der Virämie bei der Schwangeren – also das Auftreten von Viren im Blut –, die zeitgleiche Synthese ausreichender Mengen des Rezeptors ACE2 auf Zelloberflächen, an die das Coronavirus bindet, und möglicherweise weitere, noch unbekannte genetische Einflüsse.“

Um sich und sein Kind zu schützen, sollten Schwangere weiterhin geltende Hygieneregeln beachten und Infektionen möglichst vermeiden. Außerdem sollten Gynäkologen und Hebammen Schwangere ausreichend informieren und konsequente Anweisungen vor, während und nach der Geburt geben, um sowohl Mutter als auch Kind vor dem Coronavirus zu schützen.

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