Auf der Suche nach der vergangenen Zeit

Kino: "Ich reise allein"

Er befindet sich im Dauerzustand unbeschwerter Glückseligkeit. Denn als permanenter Partygänger, notorischer Spätaufsteher und wortgewandter Zeitgenosse gehört er zu jener Spezies junger Menschen, die glauben, die Welt bereits voll im Griff zu haben. Auf jeden Fall theoretisch. Kurzum: Jarle, 23, ist Student.

02.01.2012, 15:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
Jarle (Rolf Kristian Larsen) sieht zum ersten Mal seine Tochter Lotte, die ihm die Mutter Anette (Marte Opstad) sieben Jahre lang verheimlicht hat.

Jarle (Rolf Kristian Larsen) sieht zum ersten Mal seine Tochter Lotte, die ihm die Mutter Anette (Marte Opstad) sieben Jahre lang verheimlicht hat.

Später erfährt Jarle die ganze Wahrheit. Vorher aber macht er sich erst einmal auf die Suche nach der vergangenen Zeit. Viele Erinnerungen aber hat er nicht mehr daran. Und wenn, dann nicht immer die richtigen. Proust, wohin man schaut. Aber keine Angst: Regisseur und Drehbuchautor Stian Kristiansen (Foto) entwirft nicht etwa eine literaturunterfütterte Spiegelwelt, sondern die humorvolle Atmosphäre der Verwirrung eines Jungakademikers, der plötzlich mitten in dem Leben steht, das er sich bisher nur aus der Vogelschau des Theoretikers angeschaut hat. Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Jarle will sein Bohème-Leben nicht aufgeben. Mehrfach enden seine gemeinsamen Stunden mit der reizenden Lotte in einem Desaster. Erst als Jarles Mutter auftaucht und sofort die perfekte Oma-Rolle einnimmt, scheint sich die Situation etwas zu entspannen. Und dann steht auch noch Anette vor der Tür. Liebe liegt in der Luft.

Dabei hält Kristiansen – wie bereits bei dem Vorgängerfilm „Der Mann, der Yngve liebte“ (2008), in dem Jarle als 16-Jähriger durch die Hölle der Pubertät geht – die Balance zwischen Komödie und Drama, zwischen humorvoller Zuwendung und dramatischer Zuspitzung. Zeitlich ein wenig entrückt – „Ich reise allein“ spielt 1997 –, spielt Kristiansen zudem mit der Nostalgie der Betrachter. Den größten Spaß macht sein Film wohl all jenen Zuschauern, die wie der Protagonist die Welt auch schon einmal so betrachtet haben, als hätten sie diese voll im Griff. Theoretisch jedenfalls.

Lesen Sie jetzt